Quadriennale 2010 - Düsseldorf

Eine Lady und ein Tramp

Am 11. September wird in Düsseldorf die zweite Quadriennale eröffnet. Unter dem Titel "Kunstgegenwärtig" stellt die Stadt ihre reiche Tradition ins Schaufenster von zehn Museen, vier privaten Kunststiftungen und 31 Galerien. Es ist ein Streifzug durch legendäre Jahre der Kunstgeschichte mit herrlichen Stippvisiten bei Joseph Beuys und Nam June Paik.

Die ständigen Berlin-Vergleiche finden sie in der Düsseldorfer Kunstszene so albern wie überflüssig – es sei denn, sie fallen zu ihren Gunsten aus. Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der 2. Quadriennale nannte die "Aspekte"-Moderatorin Luzia Braun Berlin eine "hippe Schlampe" und die rheinische Landeshauptstadt eine verführerische Luxusdame. Mit der Beschreibung "Reich und sexy" konnte sich auch der zunächst leicht verdutzte Oberbürgermeister Dirk Elbers anfreunden; immerhin steuert die Stadt mitten in der Haushaltskrise fünf Millionen Euro zum ehrgeizigen Kunstmarathon bei.

Allein 650 000 Euro gehen auf das Konto der großen Nam-June-Paik-Retrospektive im Museum Kunstpalast. Das ist viel Geld für einen Haufen ausrangierter Fernseher, aber jeder Cent ist hier gut angelegt. Paiks flimmernde Installationen verströmen mittlerweile den Charme einer versunkenen Epoche und sind wunderbar gealtert. Da drohen Roboter mit bunten Videoeffekten, und Bildschirme werden zum sanften Hintergrundrauschen von Aquarien. Niemand hat dem Fernsehen schönere Monumente gesetzt, und jetzt, da es seinen Nimbus als Leitmedium und oberster Verführer der Massen ans Internet verloren hat, kommt die Nostalgie zu ihrem Recht.

Ein bisschen Sehnsucht nach vergangenen Tagen ist auch bei der "Auswertung der Flugdaten" im K21 angesagt. Julian Heynen lässt mit den achtiger Jahren das letzte Jahrzehnt Revue passieren, in dem von Düsseldorf prägende Impulse für die Kunstwelt ausgingen. Die wichtigsten Becher-Schüler machten ihren Abschluss, die "Modellbauer" um Thomas Schütte und Reinhard Mucha formierten sich, und Isa Genzken lackierte minimalistische Holzskulpturen. Alles schön und gut, aber warum fehlen die Platzhirsche der "wilden" Malerei? Deren Röhren gehört zu den achtziger Jahren unbedingt dazu und hätte der allzu moderaten Ausstellung durchaus gutgetan.

Stephen Shore, Joseph Beuys und Björn Dahlem

Die Becher-Schule ist das Pfund, mit dem die Quadriennale wuchert. Im NRW-Forum geht es unter dem Titel "Der rote Bulli" um die Frage, wie Gursky, Höfer, Ruff und Co. zur Farbe kamen. Die einfachste Antwort gab Hilla Becher bei der Pressekonferenz: "Da Bernd von Farbe nichts verstand, sagte er seinen Schülern 'Guckt euch die Sachen von Rembrandt, Rubens und Stephen Shore an'." Letzterer gehörte in den siebziger Jahren zu den Pionieren der amerikanischen New Color Photography und wusste lange Zeit gar nichts von seinem maßgeblichen Einfluss. In der sehenswerten Ausstellung wird zudem geklärt, warum Bernd und Hilla Bechers VW-Bus, der Bulli, in der Fotografen-Szene legendär ist: Sein Kofferraum schluckt nicht nur die sperrige Plattenkamera, sondern auch die tragbare Leiter, die jeder gute Becher-Schüler bei der Arbeit braucht.

Einen Bulli in Lebensgröße gibt es in der fantastischen Joseph-Beuys-Retrospektive im K20 zu sehen. Dort entlässt er ein "Rudel" aus zwei Dutzend mit Fett, Filzdecken, Gurten und Stablampen ausstaffierten Schlitten in die Freiheit und führt Beuys als modernen Materialkünstler ersten Ranges vor. Marion Ackermann und ihre Ko-Kuratorin Isabelle Malz haben etwas eigentlich Selbstverständliches, in diesem Fall aber geradezu Unerhörtes getan: Sie behandeln Beuys wie jeden anderen Künstler und stellen keinen Mythos, sondern Werke aus. Es ist nicht zu seinem Schaden: Zwar bleibt Beuys' Spektrum als Zeichner und Bildhauer relativ eng und lässt sich im Wesentlichen mit dem Werktitel "Zeige deine Wunde" beschreiben; innerhalb dieser Grenzen erweist sich Beuys aber als virtuoser Gestalter des Kreatürlichen.

Und wo bleibt bei so viel Rückschau die junge Düsseldorfer Kunst? Die studiert gerade fleißig und lässt sich ansonsten durch Björn Dahlems filigrane Objekte im KIT vertreten. Das ist schon deswegen eine Verlegenheitslösung, weil der einstige Akademieschüler längst dem Ruf der "hippen Schlampe" Berlin erlegen ist. Aber vielleicht sieht das bei der nächsten Quadriennale in vier Jahren schon ganz anders aus. Oberbürgermeister Elbers will jedenfalls gelesen haben, dass der aufgehübschte Stadtteil Flingern in Übersee mit dem Londoner Künstlerviertel Notting Hill verglichen wird. Wenn das so ist, werden sie über Düsseldorf bald sagen: "She's a lady and a tramp."

"Quadriennale 2010"

Termin: bis Januar 2011, Düsseldorf
http://www.quadriennale-duesseldorf.de/