Lumen Christie's - St. Katharinen

Matratzen-Concords heilige Ärzte

In der Hamburger Katharinenkirche setzen sich derzeit 30 Studenten der Hochschule für bildende Künste (HFBK) mit der Thematik Kirche und Religion auseinander. Im Rahmen des Projekts "Lumen Christie's – Kreuzwege 2008" zeigen sie Malerei, Videoprojektionen, Objekte und Installationen im Kirchenraum.
Matratzen-Concords heilige Ärzte:Das Studienprojekt in der Katharinenkirche

"Altar" von Max Friesinger

Schiebt man die schwere Holztür der Katharinenkirche auf, trifft man nicht auf das erwartete Erscheinungsbild. Die Sicht durch den Mittelgang auf den Altarraum ist von einer grauen Wand versperrt, bis auf einen kleinen Durchgang. An der Wand hängen in Petersburger Art Malereien. Rechts neben dem Altarraum steht ein grell-bunter Verkaufsstand mit der Aufschrift Orgelspende, an dem rote, blaue und weiße Shirts hängen. "My home is not your home" oder "Ich schlage meine Frau" steht auf ihnen.

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Strecken Teaser

Auf einem kleinen Tisch daneben liegen CDs von "The Protestants". Diese Gruppe aus drei Studenten vollbringt hier ihre "Gute Tat des Tages", wie Nikolas Osorno, einer von ihnen, sagt. Den Erlös spenden sie der bereits laufenden Initiative zur Wiederherstellung der Katharinen-Orgel, die 1943 nach einem Bombenangriff verbrannte. Die Musikstücke haben sie in der besonderen Akustik der Kirche aufgenommen.

Die Ausstellung ist das Ergebnis eines interdisziplinären Studienseminars, an dem Studenten aus den Klassen Pia Stadtbäumer, Norbert Schwontkowski und Werner Büttner teilnahmen. Die interessantesten Ergebnisse der 30 Teilnehmer sind die großen Installationen, die sich unmittelbar mit dem Raum Kirche als heiligem Ort beschäftigen.

Und das sind die neuen Heiligtümer: Im Chorraum, einen Stock höher im hinteren Teil der Kirche, hat Max Frisinger eine begehbare Installation von acht Metern Höhe und drei Metern Tiefe errichtet: den Altar. Eine Weihestätte aus "buntem Alltagsflitter, orientiert an barocken, bayrischen Altären", nannte es der Malerei-Professor Werner Büttner in seiner Eröffnungsrede. Mit Alltagsflitter meint er Kabel, Planen, Schaufensterpuppenbeine, Pappteller und Leuchtstoffröhren. Was die Ästhtetik des Materials betrifft, ist Frisingers Altar die logische Entgegnung auf die dunkel gebeizten Sitzbänke und die übrigen edlen, schweren Materialien des Kirchenraums.

Aber der Altar funktioniert: Nach Beendigung des Gottesdienstes stehen alle Besucher, den Blick ehrfürchtig nach oben gerichtet, vor Frisingers Altar und harren der Dinge die da kommen. Man sieht einige Studenten in die erste Etage des Altars steigen und, von der Orgel begleitet, auf den dort in Büscheln angebrachten Kabelschläuchen zu blasen. Nach zehn Minuten wird es Licht in den höhlenartigen Strukturen des Altars und eine motorisierte, pinkfarben beklebte Platte beginnt sich zu drehen.

Matrazen als Readymade

Unmittelbar vor dem Seiteneingang zum gegenüberliegenden Seitenschiff steht "Engelbrechts Wildnis". Eine Landschaft aus geometrischen Pappflächen, grün und blau gestrichen und an den Kanten verbunden. Verena Issel und Stefan Vogel bauten sie in die Raumecke der Kirche, wo sie sich gen Fenster türmt. Sieben heilig-illuminierte Pappaufsteller einer Arztfigur stehen, in Kittel und mit Stethoskop in diesem kristallinwirkenden Gebirge.

Die Ärzte sind Werbefiguren der Ladenkette "Matratzen Concord". Den beiden Studenten fielen sie auf, da ihre jeweils rechte Hand, die eigentlich auf die Auswahl an Matrazen hinweist, Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger ausstreckt: in Christusdarstellungen das Zeichen für die Heilige Dreifaltigkeit. Als wäre das nicht abstrus genug, kreist die rechte Hand samt Unteram um den Ellbogen. Im Verlauf dieser Kreisbewegung wird aus dem Segen die Judashand, die ikonografisch nach unten deutend dargestellt wird; und wieder der Segen. Direkt aus den Schaufenstern der Filialen entnommen, sind die, wie ein Readymade verwendeten Figuren eine treffsichere Persiflage auf Heiligendarstellungen und deren belustigende Benutzung zu Werbezwecken.

Die reizvolle Eigenschaft sakraler Kunst ist die Ehrehrbietung, mit der ihr Gläubige bis heute begegneten. Und die daraus resultierende Unanzweifelbarkeit des Kunstwerks. Umso reizvoller ist es jetzt für Künstler, die eigene Arbeit in diese Ikonologie einzuschreiben, wie das zum Beispiel Max Frisinger tut, der seine Arbeit durch Formzitate und plakativ durch den Titel, zur Weihestätte deklariert.

Das Konzept Kirche und Kunst zu verbinden, funktioniert nur in Arbeiten, die unmittelbar Stellung zu Raum und Thema beziehen. Der Kirchenraum mit seiner verlangt zu viel Aufmerksamkeit – eine ihm fremde, eigenständige Arbeit kann in seinem Bedeutungsfeld nicht bestehen. Kirche als Ausstellungsort und Kunst als eigenständiges Objekt werden zu Kontrahenten und stören sich gegenseitig.

"Lumen Christie´s – Kreuzwege 2008"

Termin: bis 5. April, St. Katharinen Kirche, Katharinenkirchhof 1, Hamburg. Führungen: Montag bis Freitag, 17 Uhr, Sonntag 13 Uhr (Information Gemeindebüro: 040 / 30374730)
http://www.katharinen-hamburg.de/aktuelles/nachrichten/details/article/19/kreuzwege-20.html

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