ArtBrands - Michael Klant

Wenn Hunde Beuys fressen

Seit zehn Jahren sammelt der Freiburger Kunsthistoriker und Künstler Michael Klant Produkte mit Künstlernamen. Mit einer Rembrandt-Zahnpasta fing alles an, heute verfüttert er Beuys an Terrier. art sprach mit Klant über seine Sammelleidenschaft, leckere Goya-Würstchen – und die künstlerische Bedeutung von DDR-Waschmittel.
Wenn Hunde Beuys fressen:Profane Alltagsdinge mit Meisternamen

Hunde fressen Beuys: Zur Eröffnung verfütterte Michael Klant eine Packung "Beuys Dog Mix" an ein Terrierrudel

art: Wann haben Sie Ihre Sammelleidenschaft für "Art Brands" entdeckt?

Das war 1997. Ich war gerade nach New York gereist und stellte beim Kofferauspacken fest, dass ich meine Zahnpasta zu Hause vergessen hatte. Zum Glück war der Drugstore noch offen. Dort gab es Sensodyne, Pepsodent, Colgate – und Rembrandt. Das fand ich ziemlich irritierend, denn Rembrandt ist ja gerade für seine Brauntöne bekannt. Also habe ich mir erst einmal Colgate gekauft.

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Aber Rembrandt ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und so bin ich am nächsten Tag wieder in den Drugstore und habe doch noch, sozusagen zähneknirschend, eine Tube erstanden. Die Packung habe ich bis heute nicht geöffnet, ich kann also gar nicht sagen, wie Rembrandt schmeckt. Andere Art Brands habe ich dagegen probiert: Der Caravaggio-Grappa vom Penny-Markt oder die Goya-Würstchen aus Florida sind durchaus empfehlenswert.

Warum sammeln Sie diese Produkte?

Zunächst schlage ich dem Kunstmarkt damit ein Schnippchen. Wo andere Millionen hinblättern, erwerbe ich große Namen für wenig Geld und bekomme eine tolle Sammlung. Dann ist es natürlich immer auch eine Beschäftigung mit der Kunstgeschichte, die Bildvorstellungen auslöst und Fantasien freisetzt. Bei einem "Klein Bike" in Blau kann man sich zum Beispiel den Künstler, der ja Judomeister und sehr sportlich war, beim Radrennen vorstellen. Interessant ist immer auch das Produktdesign. Manche Objekte sind erbarmungswürdig schlecht gestaltet, aber das "Klein Bike" ist ein Kunstwerk für sich – und auch technisch "state of the art".

Und haben Sie ein Lieblingsobjekt?

Ein Manet-Motorroller, Baujahr 1960, aus der ehemaligen CSSR. Aber eigentlich sind mir alle Objekte gleich lieb, jedes Einzelne hat mich erfreut und erwärmt, von der kleinen Lichtenstein–Vitamin-B12-Injektionslösung bis zum 20-Kilo-Sack Beuys-Hundefutter. Wobei die ganz großen Objekte Leihgaben für die Ausstellung sind, wie das Rauch Winterstreugerät oder der sieben Tonnen schwere Vermeer-Baumhäcksler, der über den Vorgartenzaun des Museums auf einen Betonsockel gehievt wurde – natürlich artbrandgerecht mit einem Kran der Marke Frenzel, der an die Berliner Performance-Künstlerin Hanna Frenzel erinnert.

Deckt Ihre Sammlung eigentlich die komplette Kunstgeschichte ab?

Ja, ab der Zeit, aus der man Künstlernamen kennt, also ab der Renaissance. Sie reicht von Giotto über Angelika
Kauffmann – spätes Rokoko – bis hin zu zeitgenössischen Künstlern, beispielsweise Anselm Kiefer oder Santiago Sierra, unter deren Namen ein Roggenmischbrot und ein Strandzelt in der Sammlung sind. Man könnte ein Kunstgeschichtsbuch mit Art Brands illustrieren, aber genauso gut Speisekarten füllen.

"Imi gegen groben Schmutz"

Warum gibt es diese Produkte eigentlich – was versprechen sich die Produzenten davon?

Ich unterscheide zwischen zwei Kategorien, ohne dies zu werten. Es gibt zum einen die "Originale": Das sind die Produkte, die aus zufälligen oder verwandtschaftlichen Gründen Künstlernamen tragen. Das Beuys-Hundefutter wurde tatsächlich von einem Cousin von Joseph Beuys kreiert. Offensichtlich eine gelungene Mischung: Es hat dem Rudel von neun Jack-Russels-Hunden, an die ich es zur Ausstellungseröffnung verfüttert habe, ausgezeichnet geschmeckt. Zum anderen gibt es die "Fälschungen" von Firmen, die durch die Benennung ihrer Produkte nach Künstlern von deren Leistungen profitieren wollen. Es geht ihnen dabei um Werte wie Kreativität oder Innovationskraft, beim Citroën C4 Picasso auch um die Wandelbarkeit, wie mir die Marketingabteilung versicherte.

Sie recherchieren also auch, aus welchen Gründen Firmen diese Namen verwenden?

Ja, die Namensfindung ist sehr spannend. Warum der Manet-Roller so benannt wurde, war mir anfangs unerklärlich. Schließlich habe ich herausbekommen, dass das Werk in der Slowakei in der Nähe der Manin-Berge liegt. Und ein Besteck Michelangelo zu nennen erscheint nahe liegend, wenn man weiß, dass die Messerwarenfabrik aus Solingen Michelin heißt. Übrigens gibt es auch den umgekehrten Fall: Der Künstler Wolf Knoebel wandelte seinen Vornamen nach einem DDR-Waschmittel in Imi um, weil ihm der Slogan "Imi gegen groben Schmutz" gefiel.

Werden diese Konsumprodukte für Sie zu Kunstobjekten? Sie tragen die Art Brands ja durch Ihre Ausstellung wieder in den Kunstkontext zurück?

Ja, frei nach Marcel Duchamp, dessen Name auf einer Magnum-Weinflasche vertreten ist, die von einem kalifornischen Weingut kommt. Wie die anderen Exponate, habe ich auch den Duchamp mit einem "Art Brand"-Stempel versehen und signiert. Die künstlerische Strategie besteht hier aber nicht nur im Kontextwechsel. Der Museumsleiter Dr. Jochen Ludwig und ich haben die Art Brands zur Sammlung des Museums in Beziehung gesetzt und gemeinsam Kompositionen in einem Dutzend Räumen erstellt. Alle Art Brands stehen auf matt glänzenden, gebürsteten Edelstahlplatten, was sie einerseits auratisiert, andererseits aber auch ihren Warencharakter erhält.

"ArtBrands – wenn Hunde Beuys fressen"

Termin: bis 4. Mai, Museum für Neue Kunst, Freiburg. Katalog: Hatje Cantz, 19, 80 Euro.
http://www.museen.freiburg.de/daten/frameset.php?navi_param%5Bmuseum%5D=1&museum_id=aug