Olaf Metzel - Synagoge Stommeln

Ein guter Bildhauer wird man erst mit 50

Seit 1991 findet in der ehemaligen Synagoge von Stommeln bei Köln jährlich ein ambitioniertes Kunstprojekt statt. Nachdem Maurizio Cattelan mit der Figur einer gekreuzigten Frau Aufsehen erregte, hat der Münchner Bildhauer Olaf Metzel, 57, nun der Decke ein rätselhaftes Geviert aus Holz aufgepropft. Anders als man es von dem streitbaren Künstler gewohnt ist, fällt die aus zackigen Formen montierte Skulptur erstaunlich ornamental aus. art-Korrespondentin Birgit Sonna sprach mit Olaf Metzel über provozierende Kunst und den Mainstream.
"Ein guter Bildhauer wird man erst mit 50":Das große Interview mit Olaf Metzel

Olaf Metzel: Synagoge Stommeln (Detail), 2009

Herr Metzel, wie haben Sie sich der Synagoge in Stommeln mit ihrer sehr speziellen NS-Geschichte genähert?

Olaf Metzel: Gerade als Deutscher geht man da noch einmal anders ran. Es gibt das Sprachproblem. Man weiß viel und fragt sich doch, wie kann ich mich dazu äußern oder kann ich es überhaupt.

Als ich das erste Mal nach Stommeln gefahren bin, blieb ich allein eine Stunde in der Synagoge. Mich hat bewegt, dass man das Sakrale des Raums immer noch spüren kann. Die ursprünglich für die Frauen rerservierte hölzerne Empore ist mit einer Balustrade versehen. Als ich dort oben stand, wusste ich sofort: Ich mache eine Arbeit an der Decke und versuche sie so zu integrieren, dass man denken könnte, sie sei immer schon da. Ich wollte den Raum zugleich fassen und öffnen.

Worauf bezieht sich der Titel "Sprachgitter"?

Ich hatte zu der Zeit den Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann gelesen. Dort fand ich die Formulierung "Sprachgitter", die für mich ein Auslöser war. Ich fragte mich: Was ist das eigentlich?

Ja, was könnte das sein?

Weiß ich bis heute auch nicht wirklich. Man kann das Wort unterschiedlich interpretieren und es ergeben sich Assoziationsketten: Gitter, Raster, Netzwerke... Meine Skulptur funktioniert wie ein Netzwerk, aber man kann sie auch unter dem Gedanken der Isolierung betrachten. Und dann hat ein Gitter ja auch immer mit Durchlässigkeit zu tun.

Seit wann arbeiten Sie denn mit dem Material Holz?

Schon lange, unter anderem habe ich 1998 in der florentinischen Stadt Montalcino eine "Rennbahn" aus Holz konstruiert. Ich möchte Material grundsätzlich so einsetzen, dass es mit dem Raum arbeitet. "Sprachgitter" besteht aus lasierter Esche. Ich wollte es farblich zur Empore gestalten. Weil die Tür in der Synagoge sehr klein ist, musste ich eine Arbeit machen, die sich zerlegen lässt. Wir haben es hingekriegt, ein System aus Steckverbindungen zu entwickeln, die weder geschraubt noch vernagelt sind. Zusätzlich habe ich an der Decke mit einer Idee aus der Renaissance gearbeitet, die Holzteilchen nach unten hin perspektivisch verjüngt. Die Arbeit ist aus 750 Teilen von unterschiedlichen Längen zusammengesetzt, die ich am Computer mit einem Fachmann entwarf. Ich habe in dem Rechteck eine pyramidale Struktur aufgenommen, wie sie am Palazzo dei Diamanti in Ferrara vorkommt. Und es fließt noch etwas anderes ein: die Idee von Babylon, wie sie die abstrakten Modelle des belgischen Künstlers Constant vorstellen.

Ich hätte in Stommeln mit einer provokanteren Arbeit gerechnet.

Ich mache keine provokanten Arbeiten. Das wird nur immer falsch verstanden.

Seltsam, dass Sie gerne als Provokationskünstler bezeichnet werden.

Ich weiß nicht, wer da von wem abschreibt. Es gibt so viele kunsthistorische Bezüge, gerade auch zum 19. Jahrhundert, das sehr revolutionär war und immer noch unterschätzt wird. Ich bediene doch nicht den Mainstream oder irgendeine verklemmte, peinliche Zeitbezogenheit.

Maurizio Cattelans Arbeit in Stommeln zeichnete sich durch eine gewisse Radikalität aus. Santiago Sierra umstrittene Abgas-Aktion musste aufgrund von Protesten sogar vorzeitig abgebrochen werden.

Provokation ist bei einer Synagoge mit dieser besonderen Geschichte für mich nicht machbar. Vielleicht habe ich auch einen anderen Hintergrund als Santiago Sierra.

Was hat es mit der Babylon-Idee auf sich?

Ich wollte so weit wie möglich abstrahieren. Es gibt 'babylonische' sprachliche Missverständnisse, die nolens volens vorkommen. Meine Arbeit sollte eine Offenheit haben, aber auch eine Hermetik, auf die man sich zurückziehen kann in einem Religionsraum, egal ob man nun Mohammedaner, Christ oder Buddhist ist.

Assoziationen zu dem Davidstern oder auch Morgenstern, einer Dornenkrone und mittelalterlichen Trutzburg, Stacheldrahtzäunen und Folterninstrumenten drängen sich aber auf.

Sicher nehme ich gewisse Formen auf, aber nie 1:1. Mir geht es um das Sublime und darum, eine Arbeit so extensiv wie möglich zu machen. Ein guter Bildhauer wird man erst mit 50.

Ach so?

Ja, weil man die Dinge anders subsumierst und souveräner mit den Möglichkeiten und Materialien umgeht.

Von jedem Blickwinkel sieht das "Sprachgitter" etwas anders, manchmal wirkt die Ornamentik sehr maurisch, dann wieder bedrohlich und martialisch.

Es gibt keine vermittelnde Sprache. Natürlich habe ich mich immer mit der "Ästhetik der Gewalt" beschäftigt. Das will ich physisch in meiner Arbeit begreifbar machen.

"Sprachgitter"

Termin: 4. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010, Synagoge Stommeln bei Köln
http://www.synagoge-stommeln.de/