Martin Kippenberger in Berlin

Kippi ohne Kalauer

Sehr schön. Very good: Martin Kippenberger ist endgültig im Museum angekommen. Massenandrang zur Eröffnung der Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin.

Auf diese Schau hat Berlin offenbar sehnsüchtig gewartet. Zur Eröffnung von "Martin Kippenberger: sehr schön – very good" drängten sich am Freitag Abend bei Minustemperaturen Hunderte von Menschen vor dem Eingangsportal des Hamburger Bahnhofs.

So groß war der Andrang, dass die Tür zeitweilig geschlossen werden musste, um den Besucherstrom zu bewältigen. Insgesamt kamen fast 4000 Gäste zur Vernissage, was den Rundgang streckenweise zur Geduldsprobe werden ließ. Besonders vor dem Raum mit Kippenbergers sogenannten "weißen Bildern" bildete sich eine lange Schlange wie einst vorm HO-Laden, wenn frische Westware eingetroffen war. Gekommen war die Prominenz des alten Westens und der neuen Berliner Republik, Designerin Claudia Skoda, Regierungssprecher Steffen Seibert und REM-Sänger Michael Stipe, Sammler wie Axel Haubrok und Christian Boros, Künstler wie Monica Bonvicini, John Bock, Andreas Slominski, Daniel Richter und Christian Jankowski, Museumsleute wie Julian Heynen, Peter-Klaus Schuster und Zdenek Felix, Weggefährten wie die Fotografin und Kippenberger-Witwe Elfie Semotan, Galeristen wie Gisela Capitain und der Paris-Bar-Wirt Michel Würthle.

Die Ausstellung ist ein Geburtstagsgeschenk. Am 25. Februar wäre Martin Kippenberger, der exzessive Lebenskünstler, ewige Querulant und Meister des strategischen Dilettantismus, 60 Jahre alt geworden. Als er 1997 mit 44 Jahren an Leberzirrhose starb, war seine Bedeutung für die jüngere zeitgenösssiche Kunst längst nicht gesichert. Seitdem hat eine kontinuierliche Aufwertung seines vielschichtigen Werks stattgefunden, nicht zuletzt durch seinen posthumen Auftritt im deutschen Pavillon in Venedig und große Museumsschauen in Karlsruhe, London und New York. Jetzt ist er endlich auch im Berliner Museums-Establishment angekommen, der Stadt, in der er 1978 "Kippenbergers Büro" eröffnete und den legendären Punkclub SO36 managte.

Die umfangreiche Schau, die die gesamten Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs einnimmt, solle nicht als Retrospektive missverstanden werden, betonte Hausherr Udo Kittelmann in seiner Eröffnungsrede. Eine Ausstellung, in der alle Werke von A bis Z aufgereiht würden, wäre nicht im Sinne des Künstlers gewesen, der "immer auf du mit dem Besucher sein wollte", orakelte der Direktor der Nationalgalerie. Auch dass Kippenberger der "König der Trashkultur" sein wollte, wie "Die Zeit" letzte Woche getitelt hatte, wies Kittelmann energisch zurück. Tatsächlich lädt die Ausstellung mit ihrer großzügigen, weihevollen White-Cube-Hängung Kippenbergers ironische Kunst mit sehr viel musealer Bedeutung auf. Das berühmte Paris-Bar-Bild oder Kippi in Großstadt-Cowboy-Pose – Motive, die er für die Serie "Lieber Maler, male mir" bei einem Kinoplakatmaler in Auftrag gab – werden wie großartige Meisterwerke präsentiert.

Es gibt thematische Schwerpunkte, etwa den Raum, der mit Fotos, Gemälden und Objekten Kippenbergers späten Bilderzyklus zu Géricaults "Floß der Medusa" zeigt, ein paar Kabinette mit Hotelzeichnungen, die er im Tausch für freie Übernachtungen auf dem Briefpapier des "Chelsea-Hotels" in Köln anfertigte. Und im Keller eine improvisiert wirkende Ton-Dia-Installation von einer frühen Performance in Berlin. Wirklich deutlich wird Kippenbergers anarchischer Geist und sein kalauerhafter Humor aber erst in der langen Abfolge von Plakaten, die er einst selbst für seine Ausstellungen gestaltet hatte. "Die Revolution in Köln muss verschoben werden. Die Künstler Martin Kippenberger und Walter Dahn fühlen sich heute schwach" ließ er etwa 1984 auf Poster drucken.

Wichtige Werke wie Kippenbergers "Metro-Net"-Projekt oder die Großinstallation "The Happy End of Franz Kafka’s America" fehlen in der Schau. Das mag auch daran liegen, dass sich der Großteil seiner Werke in Privatsammlungen befindet, sich diese Schau aber größtenteils aus zwei Quellen bedient: der Sammlung Flick und der Galerie Gisela Capitain, die den Nachlass des Künstlers betreut. Aus diesem Nachlass stammen auch die elf "weißen Bilder", die in zwei separaten Räumen im ersten Stock präsentiert werden und das heimliche, blütenreine Herzstück der Ausstellung bilden. Es handelt sich dabei um eine Werkgruppe aus dem Jahr 1991, für die der Künstler Kinderkommentare zu seinen Bildern in krakeliger weißer Schrift auf weiße Leinwände übertragen hat. Fugenlos in die Wand eingelassen verschmelzen die Bilder mit dem weißen Raum und verströmen bedeutungsvolle Leere. Zeigt sich hier plötzlich ein ganz neuer, unbekannter Kippenberger: der Konzeptkünstler, der Minimalist, der Esoteriker? Auf alle Fälle ein ordentlicher Museumskünstler, der sich so schnell nicht mehr von der Wand nehmen lassen will, jetzt wo er es ganz in die Nähe zum Über-Künstler Beuys geschafft hat.

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