Momentum Biennale - Norwegen

Beton statt Champagner

Eine Pyramide aus blauen Ölfässern und fließendem Beton im Garten der Galerie F15 begrüßt die Besucher der diesjährigen Momentum Biennale in Moos bei Oslo. Der Titel der Biennale "Favoured Nations" setzt auf Gerechtigkeit zwischen den Künstlern.
Beton statt Champagner:5. Momentum Biennale in Norwegen

Jacob Dahlgren: "From art to life to art", 2008

Zu einer richtigen Vernissage gehört zweifellos ein gutes Fest, gerne mit Champagner-Pyramide. Erst recht, wenn die Eröffnung in Norwegen stattfindet – laut Ökonom Arne Jon Isachsen das reichste Land der Welt. Was also steht am Eröffnungstag der Momentum Biennale im Garten der Galerie F15, einem Herrenhaus mit bestem Blick über den Oslo Fjord? Eine riesige Champagner-Pyramide.

Der isländische Künstler Ásmundur Ámundsson hat das sicher zehn Meter hohe Gebilde aufbauen lassen. Er ist einer von rund 30 Künstlern und Künstlergruppen, die an der fünften Momentum Biennale für Nordische Kunst teilnehmen (29. August bis 18. Oktober in Moss bei Oslo, Norwegen). Wie bei Ámundsson üblich, stammt jedoch nur die Idee von der Champagner-Pyramide. Statt filigrane Gläser aufeinander zu setzen, stapelte er blaue Ölfässer, und von oben fließt nicht etwa der teure französische Schaumwein literweise hinab, sondern Beton. Von einem Spezialkran hängt ein Schlauch und pendelt über der Pyramidenspitze wie ein Elefantenrüssel überm Wasserloch. Und dann geht es los, Beton ergießt sich stoßweise aus dem Schlauch, als würde dieser Elefant sich aus seinem Rüssel erbrechen. Bald ist die erste Tonne gefüllt und der flüssige Beton schwappt über in die zweite Reihe, dann in die dritte und so weiter bis schließlich alle Fässer gefüllt sind und jede Menge Beton auf der grünen Wiese liegt.

Ásmundur Ámundsson steht daneben, sein Anzug ähnlich grau wie der Beton, in der Hand eine Filmkamera. Er schaut zufrieden aus. Vielleicht, weil er wieder einmal gezeigt hat, dass die Isländer trotz der Krise nicht davor zurückschrecken, die spektakulärsten Kunstaktionen in Szene zu setzen. Dass er hier vor allem mit Material arbeitet, das in seiner Heimat derzeit niemand brauchen kann, gibt dem Ganzen einen besonderen Dreh – seit im Oktober 2008 die Krise auf Island ausgebrochen ist, wird dort kaum noch gebaut, viele Baustellen sind zu Ruinen verkommen, Beton ist nicht gefragt. Wie es auf Island weitergehen soll, weiß derzeit niemand so genau. Ámundsson aber weiß, dass das Land Solidarität braucht. In seiner Rede, die er zur Eröffnung hielt, warf er den nordischen Nachbarn – Färöer ausgenommen – vor, Island in diesen schweren Zeiten nicht gut behandelt zu haben. Schließlich haben die nordischen Staaten einen Kredit zurückgehalten, weil Island nicht spurte.

Künstler werden finanziell unterschiedlich behandelt

Seit 1998 wird in Moss Momentum veranstaltet, Untertitel: Nordic Biennial of Contemporary Art (der zweijährige Rhythmus wurde allerdings nicht ganz eingehalten). Die Hauptausstellungsorte könnten gegensätzlicher kaum sein.
Die Kunsthalle Momentum ist eine alte Fabrikhalle mit dem Charme eines Hinterhofes im Gewerbegebiet, Galerie F15 ein Herrenhaus am Meer. Die Liste der von den Kuratorinnen Lina Džuverovic und Stina Högkvist ausgewählten
Künstlerinnen und Künstler ist lang, zu den bekannteren Namen zählen Fia Bäckström, Jacob Dahlgren und Karl Holmqvist aus Schweden, die Finnin Salla Tykkä, Ásmundur Ásmundsson aus Island und der Norweger Are Mokkelbost.

Dieses Jahr steht die Biennale unter dem Titel "Favoured Nations", doch der gewöhnliche Besucher, der sich weder in Katalog noch Broschüre vertieft, erfährt nicht, was die Kuratorinnen sich dabei gedacht haben. Wörtlich übersetzt heißt der Titel zu Deutsch "Bevorzugte Nationen". Der Begriff stammt aus dem internationalen Recht, lautet vollständig "most favoured nations", zu Deutsch meistbegünstigte Nationen und bezieht sich darauf, dass allen Vertragspartnern bei Abkommen wie zur Errichtung der Welthandelsorganisation gegenseitig die gleichen Bedingungen eingeräumt werden müssen und Staaten, die später beitreten ebendiese bekommen. "Bezogen auf die Biennale wollen wir thematisieren, wie und wie unterschiedlich Künstler finanziell behandelt werden, wenn sie an Ausstellungen teilnehmen", so Lina Džuverovic.

Jeder Künstler bekommt denselben Lohn

Es ist nämlich längst nicht gang und gäbe, dass die Künstler für ihre Arbeit bezahlt werden und die Produktionskosten ersetzt bekommen. Als Statement haben die Kuratorinnen deshalb festgelegt, dass sie allen Teilnehmern denselben Lohn bezahlen – 10 000 norwegische Kronen, etwa 1200 Euro – und die Produktionskosten übernehmen. "Favoured Nations" ist zwar der Titel der Biennale, nicht aber ein Thema, zu dem die Arbeiten der Künstler passen sollten. Den beiden Kuratorinnen war es lediglich wichtig, die Behandlung der Künstler zu thematisieren – löblich, denn das wird viel zu selten gemacht.

Es fällt denn auch schwer, zwischen den ausgestellten Werken einen Zusammenhang herzustellen. Im Untergeschoss der Momentum Kunsthalle hat Fia Bäckström einen Kontrollraum nachempfunden, auf den Bildschirmen zeigt sie eine ihrer wohlbekannten Bildersammlungen, dazu liest eine Computerstimme. In der Etage drüber stellt Jacob Dahlgren eine seiner aus zahlreichen sich gleichenden Elementen hergestellten Skulpturen aus, diesmal Bohnendosen. Ólafur Ólafsson und Libia Castro zeigen einen halb dokumentarischen Film über EU-Lobbyismus. Der in Berlin lebende Schwede Karl Holmqvist arbeitet wie gewohnt mit Worten und ebenso gewohnt sehr humorvoll. Eines seiner Werke ist eine Leinwand, auf der Weiß auf Schwarz steht "My son could have done that – Well, he didn't". Obwohl Holmqvist anwesend war, war keine seiner berühmt berüchtigten Leseperformances eingeplant. Glücklicherweise lag sein neustes Buch aus, und wer Holmqvist einmal live gehört hat, hat seine Stimme beim Lesen im Ohr, Performance im Kopf sozusagen.

Momentum will ganz bewusst eine regionale Biennale sein, an der nur wenige nicht nordische Künstler teilnehmen. Eine kluge Entscheidung, um sich ein eigenes Profil zu geben, schließlich hat sich die Zahl der Biennalen in letzter Zeit inflationär entwickelt, und es ist oft nicht klar, ob die Veranstalter den Beinamen Biennale nicht nur gewählt haben, um mehr Aufsehen zu erregen. Diese Problematiken können demnächst auch in Norwegen diskutiert werden, in Bergen nämlich findet Ende des Monats die Biennale-Konferenz statt.

"Momentum Biennale"

Termin: bis 18. Oktober, Moss, bei Oslo, Norwegen
http://www.momentum.no