Martin Munkácsi - New York

Das verlorene Archiv des Meisters

Mehrere tausend Glasplattennegative, die seit dem Tod des Fotografen Martin Munkácsi als verschollen galten, sind 2007 bei Ebay aufgetaucht. Das International Center of Photopraphy (ICP) zeigt eine erste Auswahl des verschwunden geglaubten Nachlasses.

Er ließ Fred Astaire auf Zehenspitzen tanzen, stellte Katherine Hepburn selbstbewusst wie einen Kerl vor einen Flieger und fing die deutschen Reichswehrtruppen 1933 in Marschformation in Berlin so ein, dass sie wie eine gesichtslose Kampfmaschine wirkten. Sportler und Tänzer schoss er in Bewegung, Models für Modeaufnahmen fotografierte er nicht in Studios, sondern in der Natur oder auf der Straße. All das galt damals als revolutionär. Der in Ungarn geborene Martin Munkácsi war einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und obendrein der best bezahlte seiner Zeit.

2007 widmete das New Yorker International Center of Photopraphy (ICP) Munkácsi eine Retrospektive mit dem Titel "Think While You Shoot!". Bereits zwei Jahre zuvor war die Ausstellung zur Eröffnung des "Hauses der Photographie" in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen gewesen. Ein erheblicher Anteil der gezeigten Bilder stammt aus der Sammlung des deutschen Fotografen, Sammlers und Kurators F.C. Gundlach und aus den Ullstein-Archiven. Kurz nach der Ausstellung am ICP bekam deren Chefkurator Brian Wallis den Anruf, dass 4000 Glasplattennegative, die seit Munkácsis Tod im Jahr 1963 als verschollen galten, plötzlich bei Ebay aufgetaucht waren. Der als verschwunden geglaubte Nachlass sollte eine Million Dollar kosten. Für wieviel Geld die Sammlung schließlich an das ICP ging, warum die sorgsam beschrifteten Pappkartons überhaupt in Connecticut gelandet waren und wer sie besessen hatte, will niemand verraten. Tatsache ist, dass das ICP sie mit Hilfe von Munkácsis Tochter Joan zurückkaufte und seitdem damit beschäftigt ist, die Negative zu scannen und zu katalogisieren. Eine kleine Auswahl, die Aufschluss über die Arbeitsweise des Meisters gibt, ist zur Zeit im ICP ("Munkácsi´s Lost Archive", noch bis 2. Mai) zu sehen.

Glück, Ehrlichkeit und die Liebe für die Frauen

"Mehr als die Hälfte der Arbeit passiert in der Dunkelkammer", hatte der Fotograf einmal verraten. Anhand der Originale und der späteren Veröffentlichungen sieht man die radikalen Anschnitte, die Munkácsi beim Entwickeln seiner Bilder wählte. Und den Einsatz von seinen Assistenten, die in einem Modefoto dem Kleid dazu verhelfen, durch die Lüfte zu wehen, es aber nicht schnell genug aus dem Bild schafften und vom Meister nachträglich herausgeschnitten wurden.

Munkácsi wurde 1896 unter dem Namen Marton Mermelstein in Ungarn geboren. Sein Vater änderte den Nachnamen, um seine Familie vor antisemitischen Angriffen zu schützen. Angefangen hatte der vielseitige Munkácsi als Schreiber und Sportjournalist in Budapest und später Berlin, wo er mit Ullstein einen Vertrag unterschrieb und neben der "Berliner Illustrirten Zeitung" für Blätter wie "Die Dame" arbeitete. Anfang der 30er Jahre fing er an, die Welt zu bereisen. Seine Aufträge führten ihn nach Algerien, Palästina, Ägypten und kreuz und quer durch Europa, bis der Fotograf in Berlin den Aufstieg der Nationalsozialisten einfing und schließlich 1934 mit seinen Negativen im Gepäck in die USA nach New York flüchtete, wo er für viel Geld beim Modemagazin Harper's Bazaar unter Vertrag genommen wurde. Henri Cartier-Bresson sagte einmal über Munkácsis berühmtes Foto von drei Jungen aus Liberia ("Three Boys at Lake Tanganyika"), dass es das einzige Bild sei, das ihn jemals beeinflusst habe. Richard Avedon bescheinigte dem Ungarn, dass er "Glück, Ehrlichkeit und die Liebe für die Frauen" in die Modefotografie brachte, die nach Avedons Ansicht bis dahin ein trostloses, verlogenes Geschäft gewesen war.

Martin Munkácsi starb vergessen und verarmt in New York an einem Herzinfarkt, den er während des Besuches eines Fußballspiels erlitt. Bedeutende amerikanische Museen lehnten die Schenkung seines Archivs ab. Seine Abzüge und Negative wurden in alle Welt verstreut. Doch über den mysteriösen Umweg über Ebay fand sein Werk nun mehr als 40 Jahre später doch seinen Weg in ein New Yorker Museum.

"Munkácsi´s Lost Archive"

Termin: Bis 2. Mai, im ICP, International Center of Photopraphy, New York

http://www.icp.org/site/c.dnJGKJNsFqG/b.4783361/k.68A7/Munkacsis_Lost_Archive.htm