Chicks on Speed - Wien

Brüste, Hintern, High Heels

"Power tools: for the remote controlled metaverse" lautet der Titel der aktuellen Ausstellung von Chicks on Speed in der Bawag Contemporary Wien. Bei der Eröffnung im Rahmen der Ausstellungsreihe "Young and Reckless" ließen es die Performerinnen ordentlich krachen. Brüste, Hintern, High Heels und reichlich Farbauftrag inklusive.

"Metaverse" ist die Bezeichnung für eine Art Cyberspace und stammt aus einem Science-Fiction-Roman der neunziger Jahre. Die reale Welt besteht dort nur als Metapher, der Mensch schlüpft in Rollen, die es ihm ermöglichen, in der irrealen Welt Kontakte zu knüpfen. Chicks on Speed erschaffen in den Räumlichkeiten der Bawag Contemporary diese Art von Zwischenwelt, der Raum wird zu einem Bruchstück ihres spektaktulär bunten, trashigen Pop-Art-Universums. Doch die Ausstellung findet erst durch den Auftritt der selbsternannten Weltenretter (Chicks on Speed Will Save Us All!) Vollendung, sie bringen dazu die Werkzeuge und schicken Outfits mit. Auf einem Podest steht ein mit Farbe beschmiertes, aufblasbares blaues Kinderbecken. Rundherum Kabel, Verstärker, bunte Stoffe, Requisiten wie rosa Pumps, Steine, eine Schere, Musikinstrumente. Von den Wänden schreien trashige Schriftzüge, collageartige Wandteppiche, irgendwo liegt ein Polstermöbel in Form von riesigen Brüsten. Im Hintergrund wird ein Bein an die Wand projiziert, von dem mit einem Einmalrasierer blaue Farbe geschabt wird.

Blanker Busen ist hier eine Frage von Prestige

Schon bevor Chicks on Speed ihre Bühne entern, befindet man sich mitten drin in der multimedialen Kunstwelt der Girl Group, die seit ihrer Gründung 1997 die Szene der Frauenkunst nachhaltig durcheinander gewirbelt und neu positioniert hat. Das Genre der feministischen (Video-)Kunst wurde durch Chicks on Speed zu einem Markenzeichen umfunktioniert, das sich durch das Crossing Over verschiedenster Stile und Medien behauptet. Allein die Musikrichtung ihrer Releases auf einen Nenner zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit – Elekto/Pop/Punk/Trash? Diese Damen kennen keine Kategorien und kein Pardon, ihre politischen und gesellschaftskritischen Anliegen nachdrücklich umzusetzen, auch wenn sie mittlerweile durch Collaborationen mit Societygrößen wie Karl Lagerfeld auf dem hippen gesellschaftlichen Parkett ganz oben stehen.
Chicks on Speed bestehen diesmal aus Melissa Logan, Alex Murray-Leslie – den Gründungsmitgliedern – und der Künstlerin A.L. Steiner. Als Gast für die Show haben sie die elfenhafte Knoot Juurak mitgebracht. Vier Frauen in selbst designten Outfits, die sich zwischen Disco-Trash, barockem Schnallenschuh, glamourösem Glitzerfummel und avantgardistischem Arbeitsanzug bewegen, betreten die Szenerie. Das Happening nimmt seinen Lauf: Professionell werden Gebrauchsgegenstände zu Klangerzeugern instrumentalisiert. Eine mit dem Verstärker verkabelte Schere schnappt rhythmisch zu Electronic Beats und Bass-Tönen, die mit einem mit Saiten bespannten Pumps erzeugt werden. Steine schlägt man als Xylophon an, dazu ertönen Saxophoneinlagen. Eine Protagonistin stellt sich mit einem Gartenschlauch in das Wasserbecken. Bruce Naumans "Selfportrait as a Fountain" verschmilzt mit Yves Kleins Blau zu einer feministischen Performance. Auf der Leinwand werden abwechselnd Filme abgespielt. Rotzfrech wird ein Reißverschluss aufgezippt, der blanke Busen ist hier eine Frage von Prestige. Ein farbverschmierter Hintern zelebriert Aktionismus pur, der Takt der Musik wird durch Hiebe auf denselben beibehalten. Auf den Kopf gesetzte "The Self Contained Amplification Head Wears" verstärken als Megaphonhelme Gesang und Ausgerufenes der Performerinnen.
Chicks on Speed steuern mit Stein, Schere, Wasser, Papier und den Tools der Frau von heute ein Spektakel für Augen und Ohren. Gleichgültig entblößt sich A.L. Steiner, was ist schon dabei? Die Aushängeschilder der Weiblichkeit werden mit schwarzer Farbe eingelassen, der Auftritt beendet, indem sie die Brüste an die Wand drückt, um sie dort als Abbild zu verewigen. Licht an.
Die Zitate, Referenzen und Statements, die Chicks on Speed in eine halbe Stunde Performance gepackt haben, bleiben nun den zukünftigen Ausstellungsbesuchern zur Reflexion überlassen.

Chicks on Speed – Power Tools: for the remote controlled metaverse

Termin: bis 31. Mai, täglich von 14-20 Uhr / Bawag Contemporary Wien
http://www.bawagcontemporary.at/