Der Hof für die Pachteinnahme - Frankfurt

Mao / Macht / Geschichte

97 laufende Meter Kunst im Dienst der Volkserziehung: "Der Hof für die Pachteinnahme", 1965 von einem chinesischen Künstlerkollektiv aus Lehm geformt, sollte von den Schrecken der kapitalistischen Vorzeit erzählen und so den Sozialismus preisen. Jetzt ist das Lehrstück erstmals in Europa zu sehen – es hat nichts von seiner seltsamen Faszination eingebüßt.

Mit Liu Wencai konnten sie es ja machen, denn Liu Wencai war längst tot, als sich die chinesische Führung in den fünfziger Jahren entschloss, den ehemaligen Großgrundbesitzer zum grausam herrschenden Monster zu stilisieren. Weil man ein Feindbild brauchte, das sich nicht wehren konnte. Glaubt man der Kommunistischen Partei, ließ Liu Wencai seine Schuldner in einem mit Wasser gefüllten Kerker verrotten oder traktierte sie mit Peitschen und Eisenfesseln. Den Babys trank er die Muttermilch weg.

Betrog seine Bauern bei der Abgabe ihrer Pacht mit falschen Scheffelmaßen, sodass diese unter anderem gezwungen waren, ihre eigenen Kinder zu verkaufen. Kein Argument war zu emotional, keine Behauptung zu abwegig, um die Bevölkerung der Provinz Sichuan zu überzeugen, dass hier zur Zeit der chinesischen Republik (1911 bis 1949) ein menschenverachtender Feudalherr gewütet hatte, ein typischer Vertreter des alten Systems, das man glücklich überwunden hatte.

Diverse dieser Gräueltaten kann man noch heute auf seinem ehemaligen Grundstück in der Kleinstadt Anren besichtigen, wo eigens eine Gedenkstätte für die Opfer eingerichtet wurde und noch heute das aus 114 Teilen bestehende Skulpturenensemble "Der Hof für die Pachteinnahme" steht. Ein Mammutwerk, das im Laufe der folgenden Jahrzehnte nicht nur immer wieder umgedeutet, sondern auch x-fach kopiert, variiert, als Meisterwerk verehrt und als hohles Pathosgebilde verunglimpft wurde. Ein Gesamtkunstwerk, das wie kaum ein anderes in China selbst, aber auch international Kontroversen auslöste, weil es gleichzeitig unglaublich platt und pathetisch, andererseits aber von einer nachhaltigen und überwältigenden Eindringlichkeit ist, wie sie hohlem Kitsch und simpler Propagandakunst normalerweise abgeht. Dass selbst westliche Kunstkenner von diesem einzigartigen Ensemble gebannt waren, belegt Harald Szeemanns vergebliche Bemühung, eine Kopie des Werks 1972 auf seine Documenta 5 zu holen. Jetzt zeigt die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt/Main anlässlich des China-Schwerpunkts der diesjährigen Buchmesse das Ensemble erstmalig in Westeuropa – ein Lehrstück über die Verstrickungen von Kunst und Geschichte im 20. Jahrhundert, wie auch der faszinierende Katalogtext von Christof Büttner vom Heidelberger Institut für Kunstgeschichte zeigt.

Aufsehern, Arbeitern, Gangstern, Tätern und Opfern

Bis 1965 hatte die Gedenkstätte auf dem Anwesen des bösen Liu Wencai mit niedrigen Besucherzahlen vor sich hin gedümpelt. Dann wurden Wang Guanyi und Zhao Shutong, zwei Bildhauer, die in China zur Elite ihrer Zunft zählten, beauftragt, ein Diorama lebensgroßer Figuren zu errichten, die die Ausbeutung der Bevölkerung möglichst drastisch vor Augen führen sollte. Zwar hatte man auch vorher schon Ausbeutungsszenen aus Gips oder Reisstroh fertigen lassen, Instrumente und Werkzeuge der Unterdrückung präsentiert, doch es brauchte schon etwas mehr, um die umliegenden Bauern endlich nachhaltig von den Segnungen des Kommunismus zu überzeugen. Für Wang Guanyi und Zhao Shutong, die beide als Dozenten an der Kunstakademie in Chongqing lehrten, war die Unterwerfung der Künste unter die Politik, wie sie Mao Zedong in seinen Schriften gefordert hatte, eine Selbstverständlichkeit. Die aktuellen Entwicklungen westlicher Kunst kannten sie nicht, dafür waren sie in den chinesischen Traditionen bewandert und kannten die propagandistischen Skulpturen sowjetischer Bildhauer.

Im Sinne Maos sollten alle Arbeiten ohne Nennung der Künstler als Kollektiv ausgeführt werden, und zwar in einem billigen, typisch chinesischen Material. Man entschied sich für die Arbeit mit Trockenlehm. Gemeinsam mit einem Experten in dieser volkstümlichen Technik, fünf Studenten sowie diversen Mitarbeitern der Gedenkstätte und lokalen Hilfskräften machte man sich ans Werk. Schuf eine komplexe, sich auf 97 Metern erstreckende Figurenwelt aus Aufsehern, Arbeitern, Gangstern, Tätern und Opfern – erfand um der Eindringlichkeit willen Szenen, wie es sie in der Realität nie gegeben haben dürfte. Das sozialistische Künstlerkollektiv integrierte – quasi als Ready-Made – sogar authentische Werkzeuge und Instrumente. Von der Ankunft der Bauern auf dem Hof über die Kontrolle des Korns, die vergeblichen Beschwerden über die Konfrontation mit dem Grundbesitzer und Repressalien bis hin zum Widerstand der Bauern, die, zur Revolte entschlossen, den Hof verlassen, reicht die Erzählung. Physiognomien und Gesten sind von einer Deutlichkeit, die keiner zusätzlichen Erklärung bedarf.

Goldener Löwe für das Remake

Der Erfolg war überwältigend, die Menschen strömten nach Anren und sollen bisweilen so bewegt gewesen sein, dass sie versuchten, die "bösen" Skulpturen zu prügeln. Schon bald wurde eine Teilkopie mit 40 Figuren für eine Ausstellung in Peking angefertigt, auch hier war der Besucheransturm gewaltig. Dann kam die Kulturrevolution. Den Protagonisten des Klassenkampfs ging die Darstellung der Schlussszene des Hofs jetzt nicht mehr weit genug. In einer neu erstellten (mittlerweile vernichteten) Kopie wurden die leidenden Bauern durch wehrhafte Revolutionäre ersetzt. Auch das Original sollte "verbessert" werden, doch Wang Guanyi weigerte sich und ergänzte stattdessen das bestehende Ensemble um die gewünschten Figuren.

Zahlreiche Leihanfragen aus dem In- und Ausland führten 1973 schließlich zur Fertigung jener transportablen Kopie des Originals aus verkupfertem Fiberglas, das nun in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle ausgestellt ist. Bis zur Fertigstellung vergingen fünf Jahre. Der Klassenkampf hatte sich inzwischen ausgetobt, nach dem "Hof für die Pachteinnahme" krähte lange Zeit kein Hahn mehr. Bis 1999 Harald Szeemann, mittlerweile Kurator der 48. Biennale in Venedig, noch einmal einen Vorstoß unternahm, ein Remake des Ensembles zu zeigen. Diesmal beauftragte er den Exil-Chinesen Cai Guo-Qiang, seine Version des Hofs zu präsentieren: 108 lebensgroße Figuren aus ungebranntem Ton, die der Künstler mit Helfern während der Biennale anfertigen ließ und die nach kurzer Zeit wieder zerfielen – ein Kommentar auf die Haltbarkeit von Utopien, der von der Jury mit dem Goldenen Löwen prämiert wurde. 2007 schließlich entwarf der chinesische Künstler Li Zhanyang eine weitere, diesmal humorvolle Variante des Hofs für die Pachteinnahme mit Persönlichkeiten aus dem Kunstbetrieb. Wie es scheint, hat der "Hof für die Pachteinnahme" noch heute das Potenzial, die Kunstwelt nachhaltig zu beschäftigen.

"Kunst für Millionen"

Termin: bis 4. Januar 2010, Schirn-Kunsthalle Frankfurt/Main. Katalog: Hirmer-Verlag 24,80 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro
http://www.schirn-kunsthalle.de/

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