Beuys-Werk bedroht - Schaffhausen

Der Staat sollte Farbe bekennen

Der Streit um Joseph Beuys Vermächtnis "Das Kapital" geht wohl in die nächste Runde.

Die Installation "Das Kapital – Raum 1970-1977" ist eines der letzten Werke von Joseph Beuys und gilt als sein künstlerisches Vermächtnis. Als er sie 1983 in den Hallen für neue Kunst in Schaffhausen einrichtete, gab er nicht nur dem einzigartigen Ort für die Kunst der sechziger und siebziger Jahre sein geistiges Zentrum, die Institution wurde von dem Künstler Urs Raussmüller überhaupt erst ins Leben gerufen, damit Beuys diesem Werk eine gültige Form geben konnte, nachdem dieser 1980 bei der Biennale Venedig und darauf in Zürich ähnliche Installationen geschaffen hatte. In der ehemaligen Kammgarn-Spinnerei in Schaffhausen sollte das "Kapital" dauerhaft und vor allem als neue Arbeit installiert werden.

Just dieses zentrale Werk ist in seiner Existenz bedroht. Das Obergericht Schaffhausen gab kürzlich zwei Klägern Recht, die zusammen mit einem dritten Eigentum an Beuys' "Kapital" beanspruchen, und bestätigte damit eine erste Gerichtsentscheidung von 2010. Ihr war bereits ein sechsjähriger Rechtsstreit vorausgegangen. Der Wirtschaftsanwalt Hans B. Wyss und der Unternehmer Robert Strebel gaben an, das Werk für ihre Crexart AG angekauft zu haben, können dafür aber weder ein Kaufdokument noch einen Zahlungsbeleg vorweisen. Das Gericht sprach ihnen zusammen mit Michael Liebelt, einem weiteren Sammler, das Eigentum an dem Werk auf der Basis von Indizien zu, zu denen Beiträge an die Versicherung des Werks zählen.

Urs Raussmüller, der langjährige Leiter der Hallen für neue Kunst und frühere künstlerische Berater der Crexart AG, will das nicht hinnehmen. Er beansprucht zusammen mit Joseph Beuys eine Miturheberschaft am "Kapital", denn Beuys habe die Installation in Schaffhausen explizit auf den von Raussmüller geschaffenen Kontext hin entwickelt. Dass viele Elemente bereits in anderen Zusammenhängen verwendet worden waren, sei dem unterzuordnen, das "Kapital" in Schaffhausen sei ein neues Werk. Raussmüller verweist auf den prozessualen Werkbegriff seines Kollegen. Und, so Raussmüller, Beuys habe ihm und Eva Beuys das Werk zu treuen Händen für die Zukunft übergeben. Schriftlich ist das ebenfalls nicht dokumentiert.

Künstlerwitwe Eva Beuys spricht sich vehement gegen die Entfernung von "Das Kapital – Raum 1970–1977" aus den Hallen für Neue Kunst aus und lässt über ihren Anwalt Gerhard Pfennig ausrichten: "Frau Beuys als Inhaberin des Urheberpersönlichkeitsrechts an dem Werk würde eine Entfernung des Werkes aus dem Raum als eine Zerstörung betrachten und einer an einem anderen Ort eingerichteten Version den Originalcharakter absprechen."

Wie es weitergehen soll, ist offen. Ob das Bundesgericht bei einer letztinstanzlichen Entscheidung die Situation noch einmal neu anschaut, darf bezweifelt werden. Hoffnung bieten dagegen Urheberrecht und Denkmalschutz. Hier müsste dann das Bundesamt für Kultur, also der Staat, Farbe bekennen, ob es juristische Streitereien oder ein außergewöhnliches Werk schützt.

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