Aryan Papers - Wilsons

Elegischer Essay

Der neue Film der britischen Zwillingsschwestern Jane und Louise Wilson befasst sich mit Erinnerungen einer Schauspielerin an ein nicht realisiertes Holocaust-Filmprojekt von Stanley Kubrick.
Elegischer Essay:der neue Film der britischen Wilson-Zwillingsschwestern

Aus dem Film der britischen Zwillingsschwestern Jane und Louise Wilson: "Unfolding the Aryan Papers", 2009

Eine blonde Frau schreitet durch leere Räume, bleibt vor Türen stehen, geht eine Freitreppe hinauf. Sie trägt Mode der vierziger Jahre, ein schwarzes Kleid, ein Kostüm, eine Pelzjacke. Immer wieder Nahaufnahmen ihrer Hände. Dazwischen Schwarzweißfotos von deutschen Soldaten, Kindern auf dem Spielplatz, leeren Interieurs. Eine weibliche Stimme erzählt von der Begegnung mit einem Filmregisseur und spricht Dialogfetzen.

"Unfolding The Aryan Papers" ist die jüngste Arbeit von Jane und Louise Wilson, 41. Die nordenglischen Zwillinge wurden bekannt mit ihrer kühl beobachtenden Videoinstallation "Stasi City" (1997), die im ehemaligen Berliner Hauptquartier des Staatssicherheitsdienstes entstand. Für ihr etwa zehn Minuten langes neues Video, in der Galerie des British Film Institute auf eine doppelseitige Leinwand projiziert und in einem Spiegel unendlich vervielfältigt, nehmen die beiden eine Filmidee von Stanley Kubrick zum Ausgangspunkt.

Seit 1976 trug sich der 1999 gestorbene US-amerikanische Regisseur mit dem Gedanken, einen Holocaust-Film zu drehen. Sein einziges Projekt, das leicht autobiografische Züge trägt: Ein Teil seiner Familie aus Osteuropa kam im Holocaust um. Nach intensiven Recherchen fand er mit Louis Begleys zum Teil autobiografischem Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" endlich seine Vorlage. Der jüdische Autor hatte mit seiner Mutter unter falschem Namen als angeblicher Katholik den Holocaust überlebt und erzählt von den zum Überleben notwendigen Lügen aus der Sicht eines Jungen. Und Kubrick fand auch seine Hauptdarstellerin: die relativ unbekannte niederländische Schauspielerin Johanna ter Steege. Sie sollte Tania spielen, die jüdische Tante des Jungen, die alles daransetzt, ihre Familie zu retten. Er lud sie in sein Haus in der Nähe von London ein und arbeitete intensiv mit ihr. 1993 sollten erste Produktionsarbeiten beginnen, doch im selben Jahr erschien Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste", und Kubrick gab sein Vorhaben auf. Er kam später zu der Ansicht, so seine Witwe Christiane, dass ein authentischer Film über den Holocaust eigentlich unmöglich ist.

"Ich weinte und verließ zwei Tage lang meine Wohnung nicht"

Die Wilson-Zwillinge, die wie Kubrick vor jedem Projekt ausgiebig recherchieren, vergruben sich zehn Tage lang im Londoner Kubrick-Archiv. Was sie fanden, erstaunte sie und regte sie an: unzählige Zettelkästen voller Notizen und vor allem Fotos. Fotos von Interieurs und Kostümstudien, die Kubrick mit ter Steege gemacht hatte. Er fotografierte sie in verschiedenen Kleidern, aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese atmosphärischen Fotos nahmen die Künstlerinnen zum Ausgangspunkt ihrer Reise ins Zentrum der Obsession eines Filmemachers. Ihr Video springt von Schwarzweiß zu Farbe, von Foto zu Film, von nachgestellten Szenen zu Archivmaterial. Auf dem Soundtrack spricht die Schauspielerin über ihre Arbeit mit dem Regisseur und zitiert Auszüge aus dem Drehbuch.

Doch die beiden Künstlerinnen haben nicht etwa einen Film über den Holocaust gedreht, dieser findet fast überhaupt keine Erwähnung. "Unfolding the Aryan Papers" ist vielmehr vor allem ein elegischer Essay über die Erinnerungen einer heute 15 Jahre älteren Schauspielerin an ein Projekt, das nie verwirklicht wurde, in das sie aber ihre gesamte Energie investiert hatte. "Als ich hörte, dass der Film doch nicht gedreht werden soll", erinnert sie sich heute, "da weinte ich und verließ zwei Tage lang meine Wohnung nicht."

"Jane & Louise Wilson: Unfolding the Aryan Papers"

Termin: bis 26. April, BFI Southbank Gallery, London
http://www.bfi.org.uk/gallery