Political/Minimal - Kunst-Werke, Berlin

Die neue Schnörkellosigkeit

MoMA-Kurator Klaus Biesenbach sieht die Krise des Kunstmarkts als Chance: In der Berliner Gruppenausstellung "Political/Minimal" zeigt er, dass Politkunst und formale Abstraktion keine Gegensätze sein müssen.

Langsam muss man sich wohl an die Auflösung von einst sicher geglaubten Antagonismen gewöhnen: Schon im letzten Jahr führte der Berliner Kunstkritiker und Kurator Jörg Heiser in der Kunsthalle Nürnberg mit der Schau "Romantischer Konzeptualismus" vor, dass es Künstler gibt, die dem angeblich emotional trockenen Konzeptualismus durchaus romantische Seiten abgewinnen können.

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Strecken Teaser

Mit der soeben eröffneten Gruppenausstellung "Political/Minimal" schleift der MoMA-Kurator Klaus Biesenbach nun in den Berliner Kunst-Werken (KW) eine weitere Mauer: 32 Werke von ebenso vielen internationalen Künstlern zeigen, dass auch heutige, sich als "politisch" verstehende Kunst sich auf das Formenrepertoire der klassischen Minimal Art aus den Sechzigern beziehen kann, ohne deren hermetische Selbstbezüglichkeit zu teilen.

Dass man die neue Schnörkellosigkeit jedoch nicht mit einer neuen Bescheidenheit im Moment der dunkel dräuenden Krise verwechseln sollte, zeigt am deutlichsten das Paradestück der Ausstellung, eine bedrohliche schwarze Scheibe mit dem imposanten Durchmesser von gut dreieinhalb Metern, die der Brite Damien Hirst mit Tausenden Schmeißfliegen präparieren ließ. Der Titel "Har Megiddo" – die hebräische Schreibweise für Armageddon – lässt eine Vielzahl von religiösen Bezügen zu. Doch viel einleuchtender ist es, dieses geruchsintensive Stück Kunst im Kontext von Hirsts Großversuchsanordnung zur Funktionsweise des globalen Kunstbetriebs, seinen Eitelkeiten und Hype-Konjunkturen zu deuten. Denn wenn das Wachpersonal wie verrückt gewordene Geigerzähler zu knattern beginnt, dann wird die Ahnung zur Sicherheit, nämlich dass man vor dem mit Abstand teuersten Exponat der ganzen Ausstellung steht.

Eine Tendenz im Gewirr der Jetztzeit

Es zeugt geradezu vom subtilem Humor Biesenbachs, dass er gleich neben Hirsts Scheibe ein überdimensionales rosafarbenes Dreieck des New Yorker It-Boys Terence Koh platzierte. Dass sich der in Peking geborene Koh nun seine eigene eigene Körpergröße von 1,71 Meter mit einem rosa Winkel in Übereinstimmung brachte, erzählt rein gar nichts über die Inhaftierung und Ermordung von Tausenden Homosexuellen in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern, vielleicht jedoch um so mehr über die Hybris eines Künstlers. "Untitled" zeigt vielmehr, dass es auch 2008 nicht genügt, ein "schweres Zeichen" und gestalterische Strenge zusammenzuführen, um ein sinnstiftendes Kunstwerk zu produzieren. Hier wünscht man sich nun wieder die selbstgenügsame Formalstrenge von Donald Judd oder Robert Morris zurück.

Doch vorherrschend in der Ausstellung ist ein eher unprätenziöser Ton, wie ihn etwa die beiden akkurat geschnittenen Nadelstreifen-Stoffbahnen der in Berlin lebenden Kitty Kraus verströmen, oder das fesselnde Video von Francis Alÿs. Es zeigt den Künstler, wie er 1997 einen schmelzenden Eisblock stundenlang durch die Straßen von Mexico-Stadt schiebt, bis am Ende nur noch ein feuchter Fleck zurückbleibt. "Sometimes making something leads to nothing" lautet der lakonische Vortitel des Films. Um das Verschwinden in der Kunst ging es Biesenbach mit "Political/Minimal" jedoch sicherlich nicht. Vielmehr ist es ihm gelungen, eine Tendenz im Gewirr der Jetztzeit sichtbar zu machen, ohne sich auf vorformatierte Themenläden zu verlassen.

"Political/Minimal"

Termin: bis 25. Januar 2009, KW – Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin. Katalog: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 29 Euro
http://www.kw-berlin.de/