Kurt Schwitters in London

Rauher, dreckiger, unruhiger

Seine letzten Jahre verbrachte Kurt Hermann Eduard Karl Julius Schwitters, wie der Hannoveraner Künstler vollständig hieß, in Großbritannien. Die Ausstellung "Schwitters in Britain" zeigt die Arbeiten dieser Zeit.
Die britischen Jahre:"Schwitters in Britain"

Blick in die Londoner Ausstellung "Schwitters in Britain", in der Tate Britain, 2013

Der Dadaist Kurt Schwitters (1887-1948) verbrachte die letzten Jahre seines Leben im Exil in Großbritannien. Die Londoner Tate Britain zeigt nun eine gemeinsam mit dem Sprengel Museum in Hannover konzipierte Ausstellung mit mehr als 180 Arbeiten, die sich Schwitters' Kunst dieser siebeneinhalb Jahre widmet. art sprach mit Kuratorin Karin Orchard vom Sprengel Museum.

Frau Orchard, der Künstler kam im Juni 1940 aus dem norwegischen Exil in Großbritannien an. Wie ging es dann für ihn weiter?

Er wurde zunächst hier interniert, als "feindlicher Ausländer", wie damals alle Exilanten. Nach mehreren Übergangslagern landete er in einem Lager auf der Isle of Man. Dort trafen sich eine ganze Reihe von Intellektuellen und Künstlern, die eine Art Kulturrat gründeten, Vorträge hielten, Ausstellungen organisierten. Eine sehr kreative Zeit für ihn. Ende 1941 wurde er entlassen und ging nach London, wo sein Sohn schon lebte. Dort blieb er bis 1945, ehe er in den Lake District zog, wo er 1948 starb.

Diese letzten siebeneinhalb Jahre seines Lebens und Schaffens werden eigentlich immer ein bisschen vernachlässigt. Woran liegt das?

Seine Kunst ist in dieser Zeit sehr viel rauher, dreckiger, unruhiger als das, was er in den zwanziger und dreißiger Jahren gemacht hat. Das hatte noch so einen harmonischen Touch, der dann in den späten Jahren verlorengeht. Er benutzt damals auch ganz andere Materialien. Kritiker mochten das vielleicht nicht so sehr, ganz im Gegensatz zu uns Ausstellungsmachern hier. Wir halten es für eine spannende Zeit, nicht nur biografisch, sondern auch künstlerisch. Sie schlägt ganz neue Wege ein, weist nach vorne auf die Kunst, die sich danach entwickelt, Pop Art, Konzeptart und auch Fluxus in Deutschland.

Sie weisen in der Ausstellung mehrmals auf den großen Einfluss hin, den Schwitters angeblich auf nachfolgende Generationen hatte. Ist der wirklich so groß?

Wenn in den fünfziger und sechziger Jahren nach den Vätern der Moderne gefragt wurde, fielen immer die Namen Duchamp und Schwitters, die etwa die Pop Art beeinflusst hatten. Der Einfluss reicht bis zu Figuren wie Joseph Beuys und den ganzen Fluxuskünstlern. Und ein Künstler wie Damien Hirst, der die große Schwitters-Schau 1985 in der Tate sah, hat Collagen im Stil von Schwitters gemacht, die er allerdings wieder zerstörte.

Hat sich seine Kunst in diesen letzten Jahren in Großbritannien verändert?

Auf jeden Fall. Er hat großformatiger gearbeitet, er hat mehr Skulpturen produziert als zuvor. Auch waren die Materialien anders. Es kamen die farbigen Illustrierten auf, mit großen Formaten, mit denen er seine Collagen gestalten konnte.

Schwitters war ein Künstler, der ständig arbeitete, etwas mit seinen Händen herstellte. Hier ist etwa eine kleine abstrakte Holzplastik, die er auf dem Schiff von Norwegen nach England geschnitzt hat.

Er war ständig kreativ, da gibt es etliche Anekdoten. Etwa einen Spaziergang, wo er plötzlich stehen blieb, Papier aufsammelte, und unter einer Laterne eine Collage zusammenklebte. Und alle mussten warten, bis er fertig war.

In London war es für ihn sicher sehr schwierig, aber abgeschnitten von künstlerischen Entwicklungen war er nicht.

Er war bemüht, immer Kontakt zu halten, sowohl zu den englischen Künstlern, etwa Ben Nicholson und Barbara Hepworth, als auch zu den emigrierten Künstlern, die sich in Organisationen wie dem PEN-Club oder dem Freien Deutschen Künstlerbund zusammengefunden hatten.

Sind seine figurativen Arbeiten – Porträts und Landschaften – eigentlich reine Brotarbeit?

Sie sind auch Brotarbeit. Die meisten Porträts sind Aufträge, aber die Landschaften, auch schon in Norwegen, sind eigentlich Vorarbeiten für seine abstrakten Gemälde. Ihn interessiert das Licht, die Harmonie von Formen und Farben in Landschaften, und da gibt es einen ganz fließenden Übergang zu den abstrakten Arbeiten.

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Die Collagen und die abstrakten Bilder beziehen sich auch aufeinander.

Er sieht die Materialien für die Collagen im Grunde als Materialien für Malerei. Für ihn sind sie wie Farben und Formen. Er komponiert seine Collagen und Assemblagen wie ein traditionelles Gemälde.

Sie zeigen auch viele Skulpturen. Er hat diese einmal als seine besten Arbeiten bezeichnet.

Für die englische Zeit gilt das sicherlich. Seine abstrakten Plastiken, vor allem die im Lake District entstandenen, sind hauptsächlich Steine und Holzstücke, die er mit Gips und anderen Materialien bearbeitet. In Hannover werden wir noch mehr Skulpturen zeigen.

Warum siedelte er eigentlich in den Lake District um?

Er liebte die Landschaft, sie schien ihm vertraut und erinnerte ihn an Norwegen.

In den letzten drei Monaten seines Lebens begann er im Lake District auch mit der Arbeit an seinem dritten Merzbau.

Ja, er bekam eine Scheune zur Verfügung gestellt, in der er mit der Arbeit begann. Die beiden in Hannover und Norwegen waren ja schon zerstört. Der Merzbau war im Grunde sein Lebenswerk. Überall, wo er längere Zeit lebte, begann er einen Raum zu gestalten. Es ist so etwas wie ein Schneckenhaus, das er immer mit sich trägt.

Im Lake District reichte die Zeit nur zur Fertigstellung einer Wand, die seit Anfang der sechziger Jahre auf Betreiben des englischen Pop-Künstlers Richard Hamilton in der Hatton Gallery in Newcastle untergebracht ist. Was ist das für ein Eindruck, wenn man vor ihr steht?

Sie ist ganz anders als der hannoversche Merzbau, der sehr konstruktiv war, mit glatten Oberflächen. Sie ist organisch, hell gehalten, mit einigen Assemblage-Elementen, Gerätschaften wie Kochlöffel, aber alles eingebunden in das Konzept Merz.

Schwitters in Britain

Tate Britain, London,
bis 12. Mai 2013

Sprengel Museum, Hannover, 02. Juni bis 25. August
http://www.tate.org.uk/whats-on/tate-britain/exhibition/schwitters-britain