Hermann Josef Hack - Interview

Backöfen statt Krisenherde

Hermann Josef Hack trägt häufig eine signalfarbene Weste mit aufgemalten Slogans und manchmal auch farbverschmierte Knieschützer. Erstere benötigt der Kölner Aktionskünstler (*1956), um seine Botschaften unters Volk zu bringen und mit letzteren rutscht er manchmal auf Knien über den Asphalt, um denselben zu beschriften. art sprach mit Hack über politische Kunst, Joseph Beuys und die Deutsche Bundesbahn.
"Backöfen statt Krisenherde":Das Interview mit Hermann Josef Hack

2007 erklärt Hermann Josef Hack vor dem Museum Fridericianum in Kassel die Documenta 12 zum Klimaflüchtlingslager

Anlässlich des städtischen Klimatags schrieb Hermann Josef Hack in Leipzig, vor dem Centraltheater, den beängstigend hohen CO2-Verbrauch für die Produktion von je einem Kilogramm ausgewählter Lebensmittel mitten auf die Straße. Auf seiner aktuellen Bekleidung las man daher: "Hack: Klimawandel aufessen!

Erst wenige Tage vorher hatte er, erst in Leipzig, dann in Dresden, auf prominenten Plätzen sein "Klimaflüchtlingslager" aufgestellt. Mit 500 beschrifteten Miniaturzelten macht er seit Jahren auf den weltweiten Exodus im Gefolge der Erderwärmung aufmerksam. Im so genannten Kunstkontext hat der radikale einstige Beuys-Schüler bislang oft nur Ablehnung oder Kopfschütteln geerntet. Explizit vorgetragene politische Themen sind nach wie vor nicht salonfähig. Für Hack kein Grund zu verzagen. art-Korrespondentin Susanne Altmann traf den Künstler bei einer Gemüsesuppe, die Teil der Aktion war, in Leipzig.

Wenn man die Liste Ihrer Projekte betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass Sie alle kritischen Themen, die erst jetzt langsam in die Kunst einsickern, bereits vor zehn, 15 Jahren behandelt haben: Globalisierung, Kunstrecycling, Erderwärmung, Randgruppenintegration oder Internetkunst. Wie gehen Sie mit diesem Pionierstatus, der bislang kaum gewürdigt wurde, um?

Hermann Josef Hack: Ich glaube einfach an meine Arbeit. Jemand hat einmal gesagt, eine gute Idee zu früh zu haben, ist genauso schlecht wie zu spät. Ich warte jetzt einfach, bis die Karawane nachkommt. Außerdem war es mir immer wichtig, neue Wege auszukundschaften und unbequeme Fragen zu stellen, bevor das populär wurde. Darin liegt ein Risiko, aber auch die Chance. Wenn man allein unterwegs ist, muss man sich nicht auf eine bestimmte Haltung festnageln lassen. Ich wundere mich trotzdem immer, dass so wenige andere Kollegen in diesem Bereich arbeiten. Es würde mich freuen, wenn es tausend von meiner Sorte gäbe.

Ihr Klimaflüchtlingscamp tourt seit einigen Jahren durch die Lande, kürzlich war es im Schlosshof der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen und hier in Leipzig auf dem Rathausmarkt. Wie sind die Reaktionen auf dieses Miniaturlager, das eine düstere Realität in fast heiterer Form transportiert?

Diese kleinen Zelte sind mit Slogans zu dem Thema beschriftet, sie sprechen für sich. Das Camp wandert ständig und überrascht dort, wo es keiner vermutet. Ich begebe mich damit auch in die Konsumzonen, wo der Klimawandel ja gerade verursacht wird. Damit plädiere ich für ein bewussteres Einkaufsverhalten. Die Passanten nehmen die Idee als Fototrophäe mit nach Hause, womit sie bis in die Wohnzimmer kommuniziert wird.

Joseph Beuys war Ihr Lehrer, aber war er auch Ihr Vorbild? Die Spuren seiner "sozialen Plastik" bestimmen Ihr Tun deutlich. Doch was unterscheidet Sie von diesem Übervater?

Beuys war damals nicht mein Vorbild, ich war ja nicht einmal Meisterschüler bei ihm. Ich habe erst im Nachhinein vieles von ihm verstanden und als wichtig erkannt, zum Beispiel dass man in die Gesellschaft hinein wirken soll – besonders an dem Projekt der "7000 Eichen". Was ich ihm heute vorwerfen würde ist, dass er sich überwiegend im hermetischen Kunstbetrieb bewegt hat, mit der Kultivierung seines Startums und der Jüngerschaft. Das finde ich nicht vorbildlich, sondern es geht ja bei der wahrhaftigen sozialen Plastik darum, den Kunstkontext zu sprengen. Das heißt ja nicht, dass man ihn völlig negieren oder verlassen sollte.

Mit Ihren griffigen Propagandasprüchen und einer eher cartoonhaften Ästhetik wirken Sie im Kunstkontext tatsächlich etwas deplatziert. Welche Rolle spielt bei Ihnen eigentlich noch die künstlerische Form? Was verlangen Sie von Ihren Werken jenseits der politischen Botschaft und einer gewissen Plakativität?

Ich bin ja nicht angetreten, den Kunstbereich zu revolutionieren, Aber ich teile das Motto "Art is to change what you expect from it". Ich hoffe insofern, dass es mir gelingt, in Form von leicht verständlichen Idiomen und Piktogrammen Menschen anzusprechen. Aber Agitprop, wie sie etwa Klaus Staeck macht, ist nicht meine Sache. Mich interessiert zwar auch das Spiel mit Worten und Botschaften, doch weder will ich die so verschlüsseln, dass es keiner mehr begreift, noch verstehe ich mich als Werbetexter, der sich auf Einschaltquoten konzentriert.

"Das Nomadenhafte unterstützt meiner Ästhetik"

Sie haben über ökologisch motivierte Kunst einmal gesagt: "Nur weil etwas in der Natur steht oder man es kompostieren kann, ist es noch lange kein gutes Kunstwerk." Und Sie haben den Begriff der "Ästhetik des globalen Überlebens" geprägt. Nochmals, wie sieht diese Hack'sche Ästhetik ganz konkret aus?

In der Umsetzung und bei dem Material ist es mir wichtig, dass man das Thema auch noch in zehn, 20 Jahren verstehen kann und nicht nur im aktuellen Zusammenhang. Das Werk soll Menschen direkt ansprechen – sie sollen also, wie beim "Klimaflüchtlingslager", darüber stolpern. Jedes einzelne Zelt gestalte ich dabei nach klassischen skulpturalen Aspekten – gebe mir Mühe, dass es nicht wie ein Wegwerfprodukt wirkt. Mit den Plastikplanen, die von Zirkuszelten, Kirmesbuden, Baugerüsten und LKWs her bekannt sind, verwende ich sozusagen ein "Material der einfachen Leute". Es ist wetterfest und steht nicht im Verdacht, ein besonders hohes Kulturgut zu sein. Ich kann es nach Belieben einrollen und annageln, es unterstützt das Nomadenhafte meiner Ästhetik.

Sie zeichnen und malen auch auf diesem Material. Eine Ihrer Serien nennt sich "Brote Armee Fraktion" (BAF). Was hat es damit auf sich?

Die BAF verkörpert eine Radikalität des Teilens und ist eine Reaktion auf weltweite Hungerprobleme. Es ist eine Schande, dass wir uns hierzulande mit Übergewicht beschäftigen, während anderswo Menschen am Hunger verrecken. Wir wären in der Lage, alle Menschen sattzukriegen. und das ist ein Problem, das es schon lange vor dem Thema Klimawandel gegeben hat. Frei nach dem Motto "Backöfen statt Krisenherde" brauchen wir die BAF als subversive Rebellion, die sich über Grenzen hinwegsetzt und erkärt, was Teilen eigentlich bedeutet.

Darum sind auf den Bildern auch Kampfhubschrauber zu sehen, die riesige Brote über Flüchtlingslagern abwerfen oder Kampffahrzeuge, mit Broten bestückt. Sie haben sogar der Kunstmesse Art Cologne einmal angeboten, einen Panzer aus Brot zu backen und aufzustellen. Das wurde dann aber abgelehnt. Sie leben offenbar auch ständig mit der Möglichkeit, dass Ihre Aktionen scheitern beziehungsweise unrealisierbar bleiben. Was bedeutet für Sie der Begriff Utopie?

Ich bin mit einem christlichen Hintergrund aufgewachsen, mit den Idealen des Teilens und Helfens. Wenn ich anderen helfen kann, liegt darin für mich ein Sinn und eine Befriedigung. Der liegt auch darin, einen Zustand von Gewaltfreiheit und Harmonie herzustellen. Das kommt meinem ausgeprägten Gerechtigkeitsinn entgegen. Dabei enthält Utopie für mich auch immer den Hoffnungschimmer des Machbaren. Meine Projekte beginnen auch stets als Utopie, als die ich die ersten Skizzen verstehe. Das Zeltlager hat so als Entwurf begonnen: Ich habe mir den Pariser Platz zeichnerisch als Camp vorgestellt, auf Planen gemalt.

Und dann ist das Camp Realität geworden, nicht nur im Berliner Regierungsviertel. Ihre Projekte funktionieren ja nicht nur als Guerillamaßnahmen, sondern auch mit offiziellen Partnern. Über Ihren "Arme Socken Teppich" aus Fußbekleidungen von sozial Schwachen ist ja bereits Gerhard Schröder zur Wahlurne geschritten. Wie bekommen Sie die jeweiligen Genehmigungen?

Ich habe natürlich beim Kanzleramt angefragt. Dort sagte man mir, dass eine künstlerische Aktion eigentlich nicht möglich sei. Ich habe mich dann nach Ausnahmeregelungen erkundigt und die gab es tatsächlich. Ich war der Erste, der etwas in dieser Bannmeile realisieren durfte. Bei dem Medienfestival Transmediale wollte man mich mit dem Bescheid abwehren, meine Arbeit sei ja keine Kunst, sondern Politik. Da musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten, wobei mir meine frühere, völlig außerkünstlerische Ausbildung bis heute hilft.

Parallel zum Kunststudium in Düsseldorf haben Sie bei der Deutschen Bundesbahn eine Ausbildung zum Diplom Verwaltungsbetriebswirt absolviert. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Karriere?

Zwar habe ich mir die Akzeptanz als Künstler in meinem privaten Umfeld hart erarbeiten müssen, habe aber nie Interesse an abgeschotteten Kunstzirkeln gehabt. Ich hatte immer das Ziel, mit vielen Menschen gleichzeitig zu arbeiten. Internet gab es damals noch nicht und die Idee der Vernetzung war auch noch nicht angesagt. Nur die Bundesbahn hatte eine solches Netz. Dieses Kommunikationssystem wollte ich von innen kennenlernen und es nutzen. Wenn man nur das klassische Kunst-Handwerk gelernt hat, fällt es einem schwer, die Sprache der Anderen zu verstehen. Diese Fähigkeit, auf Augenhöhe zu kommunizieren, hilft mir bei all meinen interdisziplinären Projekten noch immer. Ich habe diese Ausbildung nie bereut.

Sie sind unermüdlich in wissenschaftlichen Instituten, in Kultureinrichtungen und auf Behörden unterwegs. Am häufigsten trifft man Sie allerdings im öffentlichen Raum, auf den Straßen. Haben Sie Berührungspunkte zur Street Art Szene? Die wird von den jeweiligen Akteuren ja oft schon als ausreichend subversive Geste verstanden und wirkt in ihren Inhalten oft erstaunlich brav, unpolitisch und dekorativ.

Ich bin tatsächlich im Kontakt mit Street Art-Leuten und versuche, deren Tun mit Inhalten aufzuladen, ohne sie bevormunden zu wollen. Ich möchte sie anregen, nicht nur ihr Revier zu markieren, sondern das politische Potenzial, das wir alle brauchen, auch zu nutzen. Bei Künstlern wie Banksy finde ich Bildsprache und Mut durchaus interessant, man darf aber nicht bei Allgemeinplätzen stehen bleiben. Wenn die Arbeiten später bei einem Banker über dem Sofa hängen, ist es schon wieder pervers. Da besteht die Gefahr der Vereinnahmung. Darum lade ich Leute ein, sich nicht mit Verhübschungen zu verschwenden, sondern die wichtigen Themen zu entdecken. Das ist oft nur ein kleiner Schritt!

"Klimaflüchtlingslager"

In Offenbach aus Anlass des von Hack mitinitiieren Forums "Klima, Flucht, Flughafen". Termin: 18. Juni, "Hafen 2"
http://www.hermann-josef-hack.de/enid/f29331c43cb0b63a676425862af86576,0/3y.html

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