Fotofestival - Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg

Das Bild im Bild

Bereits zum dritten Mal findet vom 5. September bis 25. Oktober in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg das größte kuratierte Fotofestival statt. Die Kuratoren Esther Ruelfs und Tobias Berger setzten das Thema der visuellen Alphabetisierung in den Mittelpunkt des Festivals "Images Recalled".

Auf einem Foto von Mirko Martin aus der Serie "L.A. Crash", nicht ohne Grund ein Filmtitelzitat, sieht man, wie Polizisten eine Gang aufgegriffen haben, vor einem mexikanischen Schnellimbiss in Los Angeles. Die Cops zücken die Waffen, filmreif. Die Gangster stehen breitbeinig und in Ketten, zum Wegsperren bereit.

Kann aber auch gut sein, dass ein Regisseur die Guten wie die Bösen gleich nach Hause zu Frau und Kindern geschickt und die Szenerie sich verlaufen hat. Der Berliner Martin, 1976 in Sigmaringen geboren, lässt offen, ob seine dokumentarischen Aufnahmen eine Realität der Realität zeigen oder die Action von Filmaufnahmen. Der Betrachter erfährt nur, dass Martin bei seinem Studienaufenthalt in den USA Straßenszenen und Filmsets fotografierte. Der Rest ist Zweifel, was wirklich zu sehen ist. Und wer hier wen imitiert, die Cops zum Beispiel ihre Filmverkörperungen oder umgekehrt. Typisch ist das. Beim 3. Fotofestival Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg bleibt die tiefe Skepsis gegenüber Bildwirklichkeiten vorherrschende Befindlichkeit.

"Images Recalled" (Bilder auf Abruf) haben die Kuratoren Esther Ruelfs und Tobias Berger die größte kuratierte Fotokunstausstellung in Deutschland betitelt, die sich gerade zur renommierten Biennale auswächst. Zu sehen sind gewissermaßen Fotos über Fotos. So wie bei Bettina Pousttchi, die eine Flugübung vor düsteren Wolken über dem Himmel von Berlin festgehalten und jetzt so arrangiert und dramatisiert hat, dass sie wie ein Frontbericht erscheinen. Oder es geht um die Offenlegung von Bildmustern, so wenn Peter Piller die immer gleich aussehenden Aufnahmen von Blindgängerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg aufreiht, die beispielsweise bei E-Bay zum Kauf angeboten werden. Oder wenn Ernst Mitzka (geboren 1945) Reportagefotos von afrikanischen Kindersoldaten aus ihrem medialen Zusammenhang reißt und plötzlich nicht mehr mit Gewissheit bestimmt werden kann, ob die jungen Frauen mit Maschinengewehren in den Krieg ziehen – oder doch nur die neueste Werbekampagne eines Modelabels bestreiten.

Wahrnehmungsskepsis als Ausstellungsprogramm

Dabei ist das kopflastig Selbstreflexive der Fotokunstschau fast schon vorgegeben. Wie sonst auch sollte das Kuratorenduo Ruelfs/Berger etwa bei einem motivischen Thema die Beschränkung auf die Fotografie erklären. Diskurskunst über die Ortlosigkeit des scheinbar Dokumentarischen ist hier also weitverbreitet bis allgegenwärtig, das didaktische Zweifelsäen, Tarnen, Täuschen und der lehrreiche Verweis auf das, was alles unsichtbar mitabgebildet ist; die subtile Blickrichtungsvorgabe. Das Ganze hat auch etwas Streberhaftes.

Manchmal trifft der nach kurzer Zeit schon auf rigorose Hinterfragung getrimmte Besucher auf technische Machenschaften wie bei einer speziell für die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen entstandenen Bilderserie von Joan Fontcuberta. Die mit dem militärisch-wissenschaftlichen Computerprogramm Terragen generierten Landschaftsaufnahmen des Spaniers (geboren 1955) sind auf der Vorlage von Souvenirfotos entstanden, die das Geschwisterpaar Anna und Wilhelm Reiss zwischen 1880 und 1890 auf Reisen in den Orient, nach Asien und Südamerika gesammelt haben. Die Mehrfach-Irrealität zeigt deutlich Wirkung.

Leicht instrumentalisierbare Schockfotos

Thomas Hirschhorns 18 Meter langes medienkritisches Agitprop-Banner mit großflächigen, schwerverdaulichen Aufnahmen verstümmelter Kriegsopfer versucht das auch, nur bewusst viel platter. Hirschhorns Material ist im Internet zwar frei verfügbar, aber die alteingesessenen Medien drucken leicht instrumentalisierbare Schockfotos wie diese so gut wie nie. Fast symbolisch, dass selbst im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum, wo es thematisch um den "Bilderkrieg" geht, Hirschhorns "The Incommensurable Banner" (2008) aus Kinder- und Jugendschutzgründen einen Sichtschutz hat.

Ansonsten aber liegt jeder Bildgehalt, liegen Hunderte Fotos, alle Videos der rund 60 internationalen Künstler, die an sechs Ausstellungsorten in der so genannten Metropolregion am Rhein ausstellen, wie auf ständiger Wiedervorlage. Ein Rewindmodus – der die ein Repertoire abrufende Konstruiertheit der Bilderwelten und Weltbilder und die Fernsteuerung unseres auf Bildmuster eingefahren Blicks beweisen soll. Zum Beispiel, in dem sich herausstellt, dass das "Lager der Vietcong" auf dem Foto von An-My Lê, New Yorkerin aus Saigon, statt in Vietnam während des Krieges in den Wäldern von Virgina aufgeschlagen wurde, um die Jahrtausendwende. Oder dass der harmlos daliegende Sandstrand auf der Rockaway Halbinsel, Queens, den Joel Sternfeld zeigt, am 6. Juni 1993, zehn Jahre vor der Fotoaufnahme, Schauplatz eines Flüchtlingsdramas gewesen ist, bei dem zehn Chinesen ertranken oder an Unterkühlung starben, als ihr Boot, besetzt mit 300 illegalen Einwanderern, auf eine Sandbank lief. Sternfelds Werk ist im Heidelberger Kunstverein ausgestellt – unter dem Unterausstellungstitel "Absenzen". Andernorts heißen die Schauen "Körpermuster" (Kunsthalle Mannheim) oder einfach nur "Bilder sammeln" (Kunstverein Ludwigshafen). Nirgendwo sonst aber wirkt das ganze Ausstellungsprojekt "Image recalled" – so daheim wie im Zuhause des auf dem Karrieresprung befindlichen Heidelberger Kunstvereins-Chefs Johann Holten. Seit er am Neckar das Sagen hat, ist die Wahrnehmungsskepsis nämlich so etwas wie das Ausstellungsprogramm.

Die Schönheit eines Fotos betrachten

Bei den Heidelberger "Absenzen" läuft auch das allegorische Video "Toute la Mémoire Du Monde – Alles Wissen dieser Welt" des Künstlerduos Nina Fischer und Maroan el Sani. Der Titel ist natürlich eine Anspielung auf Alain Resnais' gleichnamigen Film aus dem Jahre 1956. Wo Resnais allerdings die Bibliothèque National de France in Paris als funktionierende Speicher-Maschine vorführte, filmen die beiden Kameras in beim Remake in ruhigen Fahrten die von Büchern leer geräumten Magazine und Lesesäle der ehrwürdigen Institution. Ein paar Besucher sitzen verloren herum und oder vertreiben sich die Zeit mit einer in Zeitlupe aufgenommenen Fingerübungen. Die Tonspur? Musik in Trance. Bezugspunkt ist das Internet, in dem man vor lauter Wald den Baum nicht mehr sieht.

Nebenan von Fischer und el Sani sind die Fotos der jungen Künstlerin Marianne Hoppe zu betrachten, die schwer heruntergekommene Interieurs zeigt, aus denen Kunstwerke aus der DDR-Zeit abgehängt, übermalt oder zerstört wurden. Bernhard Heisigs Relief im Gästehaus des Ministerrates der DDR in Leipzig, Entstehungszeit 1969, ist jedenfalls vor lauter Graffiti kaum mehr zu erkennen. Von Werner Tübkes fünf Diptychen zum Thema "Fünf Kontinente" (1959) im Leipziger Interhotel Astoria sind auch nur noch leere Bildträger vor einer kahlen Wand übrig geblieben. Und Gerhard Richters "Lebensfreude" (1956) wurde weiß überstrichen. Beiläufiger lässt sich der schleichend tobende ideologische Bilderkrieg kaum zeigen. Und dabei braucht Hoppe keine großen Beipackzettel wie sehr viele Werke der großen, anstrengenden Bildalphabetisierungs-Strecke, als die sich die Ausstellung "Image Recalled" selbstredend auch ein betrachten lässt.

Fast schon ein Selbstporträt der konzeptionell bilderwirbelnden Kuratoren ist dabei das Werk "Théâtre de poche" (Taschentheater) des Franzosen Aurélien Frommert. Das auf einer Glasplatte gezeigte Video zeigt einen Magier, der sich schlafwandlerisch im weltgeschichtlichen Bildervorrat bewegt, auf der Glasplatte Fotos aufruft, verschiebt und hin und her bewegt, wie es ihm beliebt. Der Betrachter auf Sinnsuche kommt ihm kaum hinter her. Schon wahr, das Gefühl endlich mal wieder ein Foto nur als Foto anzusehen, weil es schön ist, oder besonders, oder neu – dieses Gefühl stellt sich beim Fotofestival bald ein. Und es wird stärker.

"Images Recalled"

Termin: bis 25. Oktober in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg
http://www.fotofestival.info/de/