Dokfest - Kassel

Ghettoblaster im Betonkasten

Auf dem Kasseler Dokfest wird seit zwei Jahrzehnten der Spagat zwischen Dokumentarfilm und Videokunst, Kino und Museum geübt. Deswegen gelingt er hier besser als anderswo. Die Höhepunkte des 27. Jahrgangs.
Ghettoblaster im Betonkasten:Das 27. Dokfest in Kassel

Filmstill aus dem in Kassel gezeigten Kurzfilm "Capucine" von Filmemacher Nieto, in dem ein begabtes Kapuzineräffchen die Sprache der Kinematografie erlernt

Im Internet hat sich Anja Saran einen Brutkasten mit Wachteleiern bestellt. Sie brütet die Tierchen aus, zieht sich eine bäuerliche Tracht an und richtet den Küken in ihrem Wohnzimmer einen Stall mit Auslauf ein. Ein Stück Tapete gaukelt ihnen den Himmel vor, ein grüner Teppich die Natur, und ein Spielzeuggatter setzt ihrem Freiheitsdrang liebevolle Grenzen. Als die Wachteln größer werden, übernehmen sie allmählich Sarans gesamte Wohnung, bis die Kasseler Kunststudentin die Jägertracht anzieht und sich mit Gewehr auf die Lauer legt. Am Ende wartet der Kochtopf.

Mit der Zweikanal-Videoinstallation "Das Wachtel-Starter-Set" schreibt Saran eine kleine Kasseler Erfolgsgeschichte in der großen, dem Dokumentarfilm- und Videofest. Seit über 20 Jahren übt das Dokfest den Brückenschlag zwischen Dokumentarfilm und Videokunst, seit 1997 vor allem im Rahmen der alljährlichen "Monitoring"-Ausstellung im Kasseler Kunstverein. Sarans Abschlussarbeit markiert einen Höhepunkt der in diesem Jahr etwas uneinheitlichen, aber insgesamt gelungenen Schau: Sie zeigt das widersprüchliche Verhältnis des Menschen zum Tier in einem glänzend inszenierten Selbstversuch.

Dem Mit- und Gegeneinander von Kino und Museum war auch die Podiumsdiskussion des Festivals gewidmet. Der Videokünstler Bjørn Melhus beschrieb die Zwickmühle seiner Zunft: Einerseits bietet das Kino außerhalb von Festivals in den seltensten Fällen Abspielmöglichkeiten, andererseits hat sich die überwiegend schlechte Ausstellungspraxis in den Museen kaum geändert. "Zehn aufgedrehte Ghettoblaster in einem Betonraum", so empfindet er die meisten Videokunst-Ausstellungen, und die akustisch überladene "Monitoring"-Schau gab ihm da unfreiwillig recht. Trotzdem scheint der Weg in die Kunstszene für viele Filmemacher vorgegeben, denn längst ist die deutsche Filmförderung zur Wirtschaftsförderung mutiert. Da aber auch im Kunstraum die Mittel nicht unendlich sind, heißt es für Melhus: zweigleisig fahren.

Carolin Schmitz fährt derzeit nur auf der Filmschiene, aber ihre "Portraits deutscher Alkoholiker" ließen sich leicht als Mehrkanal-Installation auf mehrere Monitore verteilen. Bei Schmitz berichten die Porträtierten aus dem Off, während ihre Lebens- und Arbeitsräume in langen Kamerafahrten erkundet werden. So umkreist sie die trügerische Normalität, bis sich in der aufgeräumten Gutbürgerlichkeit die Abgründe der alltäglichen Sucht auftun. Michael Madsen verfolgt mit "Into Eternity" dagegen eine beinahe klassische Filmdramaturgie. Er stilisiert ein finnisches Endlager für Atommüll zur verbotenen Zone und die Bauten der Atomindustrie zu Pyramiden unserer Zivilisation. Ähnlich suggestiv wurden die "verborgenen" Orte der westlichen Gesellschaften zuletzt in der konzeptionellen Fotografie von Taryn Simon beschworen.

Bjørn Melhus konstatierte auf dem Podium, dass ihn die gegenseitige Unkenntnis von Film- und Kunstszene am Anfang ziemlich erschreckt habe. Selbst heute wird in vielen Videokunstarbeiten das Rad noch einmal neu und zudem unrund erfunden. Als Gegengift gegen eine derart rudimentäre Dokumentarfilm-Ästhetik gibt es in Kassel den erweiterten Begriff des Dokumentarischen. So findet Inger Lise Hansens neueste Expedition mit kopfüber gekippter Kamera, "Parallax", hier ebenso Platz wie "Cycle", Volker Schreiners aktuelle Found Footage-Arbeit. Michel Klöfkorns modernes Daumenkino "Flüssiges Papier" ist streng genommen dem Experimentalfilm zuzurechnen, doch welches Festival wollte schon auf ein solches Kleinod verzichten?

Um den erweiterten Begriff der Wahrheit geht es in "Bad Boy Kummer". Miklos Gimes erzählt von Aufstieg und Fall des selbsternannten Borderline-Journalisten Tom Kummer, zuweilen als höchst unterhaltsames Sittenbild, aber vor allem als Geschichte eines verhinderten Künstlers. Über Jahre hinweg wurde Kummer für seine spektakulären Star-Interviews gefeiert, bis sich herausstellte, dass sie allesamt frei erfunden waren. Heute erteilt er in Los Angeles Unterricht im Kleinfeldtennis und durfte zuletzt ein "Interview" mit dem Star-Eisbär Knut führen. Stets strebte Kummer nach Höherem, traute sich aber nie, den sicheren Boden des Journalismus zu verlassen. Deswegen zieht die Bildhauerin Kiki Smith das treffende Resümee seines bewegten Lebens: "Tom hat sich entschieden, kein Künstler zu werden. Das war sein größter Fehler."