Les recherches d'un chien - Paris

Von Hunden, Schweinen und Künstlern

Die Ausstellung "Les recherches d'un chien" im Pariser Sammlermuseum Maison Rouge zeigt, wie zeitgenössische Kunst subversiv politisch und trotzdem erfolgreich sein kann

Alle meckern über die Macht des Geldes und die Ohnmacht der Kunst. Dass Gegenwartskunst nicht immer nach dem Geld geht und "dummes" Geld durchaus auch imstande ist, intelligente Kunst zu kaufen, beweist jetzt in Paris eine Ausstellung mit Werken aus fünf wichtigen europäischen Privatsammlungen. Unter dem kryptischen Titel "Les recherches d’un chien", entliehen Franz Kafkas Kurzgeschichte "Forschungen eines Hundes", zeigen im Sammlermuseum La Maison Rouge knapp 50 Werke von Maurizio Cattelan, William Kentridge, Gregor Schneider, Paul McCarthy und anderen, wie aktuelle Kunst durch Selbstbefragung und Selbstinfragestellung politisch werden und der Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorhalten kann, ähnlich den Demonstranten in Mircea Cantors Performancevideo "The Lanscape Is Changing" (2003), die mit Spiegeln anstelle von Transparenten durch Tirana marschieren.

Vor zwei Jahren haben sich die Sammlungen DESTE aus Athen, Sandretto Re Rebaudengo aus Turin, Magasin 3 aus Stockholm, Ellipse aus dem portugiesischen Cascais und La Maison Rouge aus Paris mit dem Verein FACE eine Plattform für die Förderung der Gegenwartskunst in Europa geschaffen. Ihre erste gemeinsame Ausstellung beweist nun, wie selbst für ihre modischen Stars und Happenings berühmte Käufer wie der Grieche Dakis Joannou durchaus auch Sinn für schwierige, die Klippen der Salonkunst umschiffende Künstler haben. So ist aus Joannous Beständen ausnahmsweise nur ein einziger Jeff Koons von 2002 zu sehen, stattdessen gibt es Cady Noland, Urs Fischer oder Roberto Cuoghi, etwa mit dem ironischen Sammlerporträt "Megas Dakis" (2007). Sowie das rätselhafte, gleichzeitig abstoßende und zum Streicheln einladende "Tier" (1986) des Schweizer Duos Fischli/Weiss, das als Auftakt der Ausstellung auf das animalische Leitmotiv einstimmt, welches von Mark Dions undefinierbarem Monster bis zu Paul McCarthys liegender Sau "Pig" (2003) reicht.

Denn in Kafkas Kurzgeschichte ist es ein namenloser Hund, der wegen seiner Sehnsucht nach Selbstfindung zum Außenseiter der Gesellschaft wird. Doch obwohl im Gegensatz zu dessen tragischem Schicksal in der Realität des heutigen Kunstbetriebs Cattelan und Co. längst zum erfolgreichen Establishment der Szene zählen, haben ihre Werke nichts von ihrer politischen Brisanz verloren, selbst wenn sie ihre Botschaft nicht offen vor sich hertragen, wie Thomas Hirschhorn es mit "Spin Off" (1998) tut. Vom Klassiker, Bruce Naumans an Folter erinnerndem "Suspended Chair, Vertical" (1987) über Santiago Sierras "Person Obstructing a Line of Containers" (2009) bis zu "Rio Fundo" (2004) des Brasilianers Marepe reicht die Linie von Arbeiten, die mit bildlicher und sprachlicher Anspielung arbeiten. Das französische Künstlerkollektiv Claire Fontaine stellt das Wort "Strike" in Neonlettern in den Raum (2005-2007), die Israelin Sigalit Landau jongliert in ihrem berühmten Video nackt mit einem "Barbed Hula" (2000), Maurizo Cattelan zaubert in "Natale" (1995) einen Weihnachtskometen aus Neon an die Wand.

Reise, Einwanderung, Migration, Rasse sind immer wiederkehrende Themen. Der Thailänder Navin Rawanchaikul vereint im Stil zeitgenössischer Plakatmaler in "Fly Me to Another World (dedicated)" (1999) Werbepropaganda, Postkartenkitsch und Politalltag zum großformatigen Traum von der Realitätsflucht. Kimsooja ließ ihren mit bunten Müllsäcken beladenen "Bottari Truck" (2005) seinerzeit durch viele Länder fahren. David Hammons kreiert für die farbigen Amerikaner eine eigene "African-American Flag" (1990), Kara Walker spürt ihren Wurzeln mit einem großen Schattenriss nach ("Untitled", 2002/2005), und der Finne Eskö Männikkö portätiert in seiner großartigen Fotoserie "Kuivaniemi" lappländische Außenseiter der Gesellschaft.

Skulptur, Videokojen, Fotografie und Installation wechseln in räumlich großzügiger Präsentation ab in einer Ausstellung, die versucht, vieles anders und alles besser zu machen als vergleichbare Unternehmungen. Bis hin zum Katalog, in dem es weniger um Kunst als um Literatur geht: Bei fünf europäischen Nachwuchsautoren bestellte "FACE" Kurzgeschichten, die sich mit Kafkas "Forschungen eines Hundes" auseinandersetzen.

"Les recherches d'un chien"

Terimin: bis 16. Januar 2011 im La Maison Rouge, Fondation Antoine de Galbert, 10 Bd de la Bastille F-75012 Paris
http://www.lamaisonrouge.org/

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