Painting Forever! - Berlin

Das tote Medium und die frische Farbe

Berlin feiert die Malerei: Vier Institutionen haben sich zusammengetan, um dem "Urmedium der Kunst" (so der Katalog) neue Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aber hat die Malerei es nötig, so gepuscht zu werden? Gibt es neue Sichtweisen und Ideen aus Berliner Ateliers? Und lohnt sich die Tour durch die vier Häuser, für die man insgesamt einen ganzen Tage braucht? art hat den Parcours absolviert: Anmerkungen zu "Painting forever!".

Der Titel

Erstaunlicherweise heißt das Ausstellungsprojekt "Painting forever!" und nicht "Painting Now!" Wie konnte es dazu kommen? Auch bei Titeln gibt es Modeerscheinungen, und wer in den letzten zehn Jahren seine Gegenwartstauglichkeit beweisen wollte, hängte an sein Thema einfach das Wörtchen "Now" an, mit Ausrufezeichen.

Dass das Berliner Projekt dem demonstrativen "Jetzt" die radikale Behauptung von Ewigkeit entgegensetzt, hat auf irgendwie sympathische Weise etwas Nichtssagendes. Was soll denn "Painting forever!" genau bedeuten: Malerei ist unsterblich, so wie "Rock'n'Roll will never die"? Oder heißt das, es dauert ewig, alle Ausstellungen zu sehen? Udo Kittelmann hat schon 2009 mit seinem Slogan "Die Kunst ist super!" einen Hang zur semantischen Pop Art bewiesen. Es scheint, als entstehe hier eine neue Berliner Schule der Super-Mega-Titel.

Die Gattung

Eines haben "Painting forever!" und die Triennale der Kleinplastik in Fellbach gemeinsam: Bei beiden Ausstellungen wird die Gattung zum Thema. So etwas funktioniert nur in der Kunst. Niemals würde sich ein Literaturfestival ausschließlich der Novelle verschreiben, und ein Cineast, der nur 16-mm-Filme guckt, ist wohl nicht bekannt. Die Form hat in der Kunst offenbar den Rang eines Inhalts, und natürlich freuen sich viele jetzt offen oder heimlich, dass sie Gemälde anschauen können, und sich nicht an "sperriger" Konzeptkunst abarbeiten müssen.

Ausstellung I: Franz Ackermann: "Hügel und Zweifel"

In der Berlinischen Galerie hat Franz Ackermann ganze Arbeit geleistet. Er hat die hohe Eingangshalle mit seinen Gemälden gefüllt, sie wurden integriert in das gigantische Wandbild einer Hügellandschaft. Es zeigt sich, dass die Größe des Raums Ackermanns Kunst auf gute Art herausfordert. Seine wuchernden Stadtlandschaften sind ja tendenziell aufs Unendliche ausgelegt, jedes Bild scheint durch den Rahmen sinnlos begrenzt zu sein. Ackermann kann meisterhaft Konkretes und Abstraktes miteinander verbinden, auf seinen Bildern verschwinden die fotografierten Wohnblocks der Megacitys immer wieder in Strudeln aus reiner Farbe; ein Gemälde ist oben im Raum schräg aufgehängt und erinnert an die Anzeigetafel eines Flughafens, und auch das ist kein platter Gag. Allerdings kann man sich auch fragen, ob die pauschale Formalisierung dieser Architektur nicht auch unrecht tut: Sind sie wirklich alle gleich, anonym, austauschbar, die Megacitys in Asien, Südamerika, Afrika? Aus der Sicht des reisenden Europäers sieht offenbar die ganze Welt gleich aus, und es ist ein bisschen zu einfach, das den digitalen Medien in die Schuhe zu schieben.

Der Tod der Gattung

Entgegen aller Unkenrufe sei die Malerei nicht tot, heißt es immer wieder im Katalog und in den Eröffnungsreden. Es wäre eine schöne Aufgabe für Kunsthistoriker, einmal herauszufinden, wann zuletzt jemand den Tod der Malerei ernsthaft behauptet hat. Vielleicht so um 1970?

Ausstellung II: Jeanne Mammen und ihre Enkelinnen

Die differenzierteste, überraschendste, klügste Ausstellung des Zyklus findet in der Deutsche Bank KunstHalle am mal wieder schwer unter Baustelle stehenden Boulevard Unter den Linden statt. Sie kreist um späte Werke der Malerin Jeanne Mammen (1890-1976). Allein schon die Anordnung: Mammens zarten, verästelten, noch ganz der Moderne von Klee bis Pollock verpflichteten Gemälde sind ganz hinten im letzten der vier Räume zu sehen. Man geht auf sie zu, oder bewegt sich von ihnen weg. Drei junge Malerinnen haben jeweils einen der anderen Räume für sich und verstehen ihre Auseinandersetzung mit Mammens Werk gut zu nutzen. Antje Majewskis Thema ist das Artefakt, sie malt auratisch aufgeladene Gegenstände, etwa Fundstücke aus Jeanne Mammens Atelier oder kleine Figuren, die Gefangene im KZ Ravensbrück geschaffen haben. Ihre Präsentation ist voller Anspielungen auf Joseph Beuys, es geht letztlich um den archaischen, bedeutungsvollen Gegenstand – ein großartiger Raum. Giovanna Sarti schließt eher an Mammons abstrakte Arbeiten an, Katrin Plavcak zeigt, dass auch politische, fast journalistisch aktuelle Malerei nicht oberflächlich sein muss (bei ihr tauchen auch Porträts von Julian Assange und Bradley Manning auf). Die Kuratorin Eva Scharrer hat hier ganz ihrer Intuition und Experimentierfreude vertraut, es hat sich gelohnt.

Die Lage

In Wirklichkeit hat die Malerei statt einer Totsagung einen beispiellosen Boom hinter sich. Er begann Ende der neunziger Jahre, als plötzlich figurative Malerei wieder ins Blickfeld rückte, mit Künstlern wie Neo Rauch. Während der nuller Jahre war in der Kunst nichts cooler als zu malen, am liebsten figurativ, und noch die größten Kitschmotive (Kätzchen, Mädchen, Harlekine) waren plötzlich salonfähig. "Painting forever!" verhilft nicht einer unterschätzten Gattung zu Beachtung, das tut eher die Triennale der Kleinplastik. Das Projekt beweist zweierlei: Dass a) der Boom vorbei ist, und dass die Protagonisten dieser Zeit wie Eder, Scheibitz und andere jetzt sehr abgeklärt betrachtet werden. Und dass b) das Ende dieses Booms nicht bedeutet, dass die Malerei an Bedeutung verliert. Dafür wird schon allein der Kunstmarkt sorgen.

Ausstellung III: Vier Maler in der Neuen Nationalgalerie

Alles ist so groß hier! Vier große Stellwände mit jeweils großen Bildern. Ist die Kunst super? Ist Malerei für immer? Aber ja, na klar, hier in der Neuen Nationalgalerie fühlt man endlich den Atem der Geschichte. Es ist, als habe Udo Kittelmann jetzt im Jahr 2013 endlich die Champions der nuller Jahre küren wollen, die Sieger des Booms der totgesagten Malerei. Als da wären: Martin Eder: immer noch super kitschig, aber auch super groß, und jetzt immer düsterer. Michael Kunze: schwer beladen mit dem Wissen um die Kunstgeschichte, ein Clown, der aber auch vieles ernst meint, und dessen kunstvolle Farbaufschichtungen man sich doch gerne ansieht. Thomas Scheibitz: der Rätselhafte, Verschlossene, der einen durch leuchtende Farben und vertraute Formen anlockt, und sogleich wieder abstößt. Und schließlich Anselm Reyle, dessen Bilder ohne Diskursanstrengungen plötzlich so nackt schick sind, dass man sie sofort in ein Wohnzimmer hängen möchte, oder in ein Schloss. Apropos: Vielleicht wäre das – Reyle und Kunze im Schloss… – eine Alternative zum Humboldt-Forum?

Die Kooperation

Alle zwei Jahre, so wurde auf der Pressekonferenz gesagt, soll es nun zu einer Kooperation der Berliner Institutionen kommen. Sehr löblich. Dass diese Art der Zusammenarbeit ein Berliner Patent sei, wie auch behauptet wurde, stimmt aber nicht. Hannover hat 2007 "Made in Germany" erfunden, in Düsseldorf gibt es die Quadriennale. Vielleicht steigt den Berlinern ihre Kunstmetropole manchmal zu Kopf.

Ausstellung IV: "Keilrahmen"

Die Kuratorin Ellen Blumenstein hat genau 74 frische Bilder aus Berliner Ateliers an eine große Wand in den Kunst-Werken gehängt. In Petersburger Hängung, was bedeutet: Wo Platz ist, kommt auch ein Bild hin. Unter den Künstlern sind bekannte Größen wie Elke Krystufek, Frank Nitsche oder Dorothy Ianonne, aber auch viele Unbekanntere. So weit, so gut. Der Blick schweift über die große Wand, es gibt gelungene Bilder und nicht so gelungene, und wenn man länger schaut, bilden sich durchaus Korrespondenzen heraus. Trotzdem ist die Schau die am wenigsten erkenntnisfördernde und inspirierende des Zyklus. Weder fordert sie die Malerei heraus, noch setzt sie sie gewinnbringend in einen neuen Kontext. Die Bilder neutralisieren sich zum Teil gegenseitig, in der Auswahl fehlen die Extreme, und irgendwie hat diese Zwangsgemeinschaft an der Wand etwas Tristes, Verengendes.

Installation forever?

Das Berliner Projekt zeigt eines sehr deutlich: dass die Malerei dort am wenigsten tot ist, wo sie versucht, über ihre Grenzen hinauszugehen. Die Kombination mit installativen Elementen, wie man sie bei Franz Ackermann, aber auch in der Deutsche Bank KunstHalle bei Antje Majewski findet, bietet neue Perspektiven. Aber liebe Berliner, jetzt bitte nicht gleich ein ganzes Kooperations-Projekt zur Installation daraus machen!

Painting Forever!

bis 10. November in Berlin:


Berlinische Galerie: "Franz Ackermann – Hügel und Zweifel"


Deutsche Bank KunstHalle: "To Paint Is To Love Again: Jeanne Mammen – Antje Majewski, Katrin Plavčak, Giovanna Sarti"


Kunst-Werke: "Keilrahmen"


Neue Nationalgalerie: "BubeDameKönigAss"
http://www.berlinartweek.de/de/painting-forever.html

Mehr zum Thema auf art-magazin.de