Female Trouble - München

Das weibliche Ich

Die Münchner Pinakothek der Moderne widmet sich der neuen Feminismusdiskussion – und zeigt in ihrer aktuellen Fotoaustellung 180 Werke aus 150 Jahren, die mit Klischees des Weiblichen aufräumen.

Sie lehnen sich bedürftig an Türrahmen oder suchen Schutz im Geviert ihres Hauses. Die Frau als hilfesuchendes Wesen – Monica Bonvicini schnitt Szenen von Filmklassikern aus den fünfziger bis siebziger Jahren zusammen, in denen Frauen diese traurige Rolle spielen. Ihre 2-Kanal-Videoinstallation "Destroy, she said" ist einer der medialen Knotenpunkte in der Pinakothek der Moderne. Rund 40 Fotokünstler untersuchen unter dem Titel "Female Trouble", welche Repräsentationsformen der Frau traditionell zukommen und wie diese bildlich aufzulösen sind.

Wer glaubt, hier würden überkommene Gender-Theorien repetiert, irrt. Nicht Judith Butlers Feminismus-Studie "Gender Trouble" ("Das Unbehagen der Geschlechter") von 1990 soll unreflektiert hervorgeholt werden. Die Fotografie habe sich beim Austragen des Geschlechterkonflikts ohnehin als "janusköpfig" erwiesen, meint Kuratorin Inka Graeve Ingelmann. "Einerseits glorifiziert sie die Frau, anderseits kann sie deren Körper aber auch wie in der Pornografie zu Markte tragen. Ich glaube aber, dass Fotografie und Video, die lange als eher unkünstlerische Medien galten, leichter als etwa die Malerei aus der darstellerischen Tradition des männlichen Bildes von der Frau ausbrechen konnten." Bereits Pionierinnen der Fotografie wie die sagenhafte florentische Gräfin Castiglione (1822 bis 1913) nutzten das Medium zur kritischen Inspektion ihres schillernden Prestiges.

Und so fühlt man sich angesichts der unzähligen manipulierten und inzenierten (Selbst-)Porträts zum Entschlüsseln der doppeldeutigen Codes des Weiblichen aufgerufen: Die Surrealistin Claude Cahun sucht unter zahlreichen Maskeraden zum Kern des Ichs vorzustoßen, Cindy Sherman scheut bei ihrer Kostümparade femininer Absonderlichkeiten keine maskenbildnerische Entstellung, Sarah Lucas verpasst sich mit drastisch flegelhaften Attitüden ein burschikoses Image, Pipilotti Rist betört durch schwärmerische Mädchen-Ironie, Daniela Rossell nimmt das schwülstige Ausstaffiertsein der Jeunesse dorée Mexikos ins Visier. Und nicht nur Frauen spüren via Fotografie der erotisch bedingten Zerreißprobe zwischen Sehen und Gesehenwerden, Begierde und Begehrtsein, Voyeur und Objekt nach. Für Urs Lüthi oder Bjørn Melhus ist der Abstecher in die Travestie ein längst willkommener Kunstgriff.

Wenn der Spiegel als zentrales Attribut bis in die zeitgenössische Kunst der weiblichen Verwirrungen wiederkehrt, so deutet dies auf eine auch durch den Fotoapparat gegebene, anhaltende Kontrollinstanz hin. Um im öffentlichen Raum erfolgreich wirken zu können, hätten sich Frauen ständig selbst beobachten müssen, schreibt Katalogautorin Elisabeth Bronfen. Schön, dass in Zeiten des Metro-Sex auch das andere Geschlecht nicht mehr vor diesen Spiegelreflexen gefeit ist.

"Female Trouble. Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen"

Termin: bis 26. Oktober. Pinakothek der Moderne, München. Katalog: Verlag Hatje Cantz, 35 Euro.
http://www.pinakothek.de/