DDR-Fotografie - Berlin

Alchimistische Schattenwirtschaft

Während in staatlichen Läden und Kaufhäusern der DDR die Planwirtschaft regierte, blühte in ihrem Schatten eine rebellische Gegenkultur auf. Hier wurden Vogelfeldern und Stahlriemen zu martialischen Kleidern verarbeitet, mit denen sich der Untergrund für den Kampf gegen das Regime rüstete. Zwei Berliner Ausstellungen dokumentieren die kulturelle Revolte vor der Wende

Die Straßen, Häuser und Plätze, deren Namen unter den Fotografien von Robert Paris stehen, sind wohl den meisten Besuchern der Ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum bekannt. Dennoch ist es ein fremdes Berlin, das auf den Bildern aus den frühen achtziger Jahren zu sehen ist. Die bröckelnden Fassaden und menschenleeren Straßenszenen wirken, als sei die Zeit stehen geblieben. Die Morbidität gipfelt in einer Serie, die zeitlupengleich die Sprengung eines Mietshauses 1982 an der Ecke Fehrbelliner Straße und Schönhauser Allee dokumentiert. Kaum zu glauben, dass dort, wo heute im fein sanierten Prenzlauer Berg unter jungen Mittelschichtsmenschen erbittert um jede frei werdende Wohnung gekämpft wird, noch vor ein paar Jahren Verfall und Stagnation herrschten und eine junge, bohemistische Szene mit hedonistischen Ausschweifungen die Bevormundung durch den siechen DDR-Staat missachtete.

Doch genau davon handeln die beiden Fotoausstellungen "Kunst und Revolte '89" und "In Grenzen frei", die derzeit in der Berliner Akademie der Künste und im Kunstgewerbemuseum im Kulturforum gezeigt werden: vom bohemistischen Underground in der Übergangsgesellschaft. Und während die Akademie einen Überblick über die Kunst-, Fotografie-, Film-, Literatur-, Musik- und Theaterszene in der DDR der achtziger Jahre gibt, richtet die von den Kuratoren Michael Boehlke, Henryk Gericke, Grit Seymour und Frieda von Wild für das Kunstgewerbemuseum zusammengetragene Schau mit einer Vielzahl von Fotografien, Videos und Kollektionen ihr Hauptaugenmerk auf die Untergrund-Mode, die im letzten Jahrzehnt des Honecker-Staates nicht nur innerhalb, sondern auch jenseits der Mauer für Furore sorgte.

So traute ein Reporter des "Stern" im Mai 1989 kaum seinen Augen, als er Katharina Reinwald und Angelika Kroker von der Mode-Performance-Gruppe "Allerleirauh" in ihrem Wohnungsatelier in der Nähe der Gethsemane-Kirche besuchte: "Die Werkstatt ist ein Alchemisten-Kessel, in dem die verrücktesten Zutaten zusammengerührt werden. Lederschnallen, Vogelfedern, Stahlriemen für eine aufregende, verblüffende und herrlich junge Mode: Leder-Couture vom Prenzlauer Berg. Jedes Stück ein Unikat, in keinem Laden zu kaufen. Freaks in Ost-Berlin reißen sich darum." Bebildert war der Artikel mit Fotos von Sibylle Bergemann, die trotz ihrer Arbeit für die offizielle Modezeitschrift "Sibylle" auch eine Chronistin und Mentorin der inoffiziellen Szene war.

Nach der Wende erwarb das Deutsche Historische Museum einen Teil der originalen "Allerleirauh"-Kollektionen aus jener sagenumwobenen Werkstatt – die in Vitrinen ausgestellten Stücke, darunter ein "Schuppenmantel", das "Gebisskleid" oder ein "Ästekleid", wirken heute in ihrer dominanten Materialität wie Rüstungen, mit denen sich die Avantgarde für die letzte ästhetische Schlacht präparierte. Auch wenn der Leder-Look martialisch war – der Staat wusste nicht, wie er mit den neuen Hipstern umgehen sollte, die sich auch den althergebrachten Mustern von Dissidenz widersetzten. Denn statt sich zu politischen Diskussionen zu versammeln, verlegte sich die Mode-Boheme auf das Feiern von rauschenden Festen und schließlich auf die Produktion theatralischer Mode-Inszenierungen, die im Zuge einer Duldungs- und halbherzigen Vereinnahmungspolitik auch in staatlich verwalteten Kulturhäusern und Jugendclubs zur Aufführung kamen.

Blüte der Do-It-Yourself-Kultur

So hatten Gruppen wie "Allerleirauh" oder ihr Vorgänger "chic, charmant und dauerhaft" (ccd) sowie "stattgespräch" und "Omlett Surprise" es in der DDR leicht und schwer zugleich. Obwohl in der offiziellen Lesart der Mode immer etwas Westlich-Dekadentes anhaftete, funktionierte natürlich auch der real-sozialistische Alltag nicht ohne Mode-Codes. Wer sich jedoch modisch kleiden wollte, der wurde in den staatlichen Läden und Kaufhäusern, die nach planwirtschaftlichen Direktiven geführt wurden, schwer enttäuscht. Das führte neben einer Blüte der Do-It-Yourself-Kultur zu einer florierenden Schattenwirtschaft, die denjenigen, die die Kunst der Materialbeschaffung und ihre Nähmaschine beherrschten, ein gutes Auskommen bescherte. Es sind also nicht nur die Kollektionen und die Fotos, denen etwas Dunkles und Märchenhaftes anhaftet: Auch die politischen und ökonomischen Zwänge, unter denen sie produziert wurden, sind heute nur noch schwer nachvollziehbar. Mit dem Sozialismus sind auch die ehemals kollektiv durchlebten Wunsch-, Angst- und Albträume verschwunden.

Ausstellungen

"In Grenzen frei. Underground in der DDR 1979–89", bis 13. September 2009, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr, Kunstgewerbemuseum am Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

"Kunst und Revolte '89. Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen 1980–1990", bis 11. Oktober 2009, Di–So 11–20 Uhr, Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin
http://www.smb.museum/kgm