William S. Burroughs - Hamburg

Das Selbst und die Kontrolle

Er war bisexueller Intellektueller und Anzüge tragender Junkie, unkontrollierbares Universalgenie und nicht-politischer "Freiheitskämpfer", er prägte Mikey Kelley ebenso wie Kurt Cobain und Patti Smith. Die Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen in Hamburg-Harburg lässt in einer Retrospektive Leben und Werk des Künstlers und Schriftstellers William S. Burroughs Revue passieren.

Burroughs war vollgedröhnt, als er mit seiner ebenfalls vollgedröhnten Frau Joan "Wilhelm Tell" in Mexiko spielen wollte. Kurz zuvor waren sie aus Texas über die Grenze geflohen, da die Polizei Wind von ihrer Marihuanafarm bekommen hatte.

Statt eines Apfels hatte Joan nun ein Glas auf dem Kopf, er statt einer Armbrust eine Pistole in der Hand. Ein gewagter Versuch selbst, wenn man nüchtern ist. Man muss gut zielen können. Fakt ist, er traf nicht das Glas – er traf Joan.

Was im Spätsommer 1951 geschah, ließ Burroughs niemals los. Ein tragisches Ereignis, ein leichtsinniger Tod – sein Kultstatus verfestigte sich, doch prägend für sein Leben und Werk war es dennoch nicht. Schon früh war er sich seiner Vorliebe für Männer bewusst, schon früh war er exzentrisch. Es ist, als sei Joans Tod weniger Einflussfaktor auf sein Leben, als Folge dessen gewesen. Am Morgen nach dem "Unfall", am 7. September 1951, entstand eine Schwarzweißfotografie von ihm. Sie bildet einen wichtigen Punkt in Burroughs Leben ab. Er sieht ernst aus. Trauer lässt sich erahnen, doch scheint er gefasst.

Das zeigen sämtliche Fotografien in der Ausstellung der Sammlung Falckenberg, die das Künstlerleben beleuchten: Obgleich er stets Gegner der Kontrolle und ihrer Gewalten war, wirkt er stets kontrolliert. Daher auch sein weitreichender Drogenkonsum. In den Drogen suchte Burroughs nicht den Genuss, sondern den Kontrollverlust, wollte er der Selbstkontrolle entfliehen. "Kontrolle", ist der zentrale Begriff nicht nur in Leben, sondern auch in Werk Burroughs. Als dramatische und intellektuelle Person der "Beat-Generation" sowie Schlüsselfigur der "Counter Culture" wurde er nicht zuletzt mit seinem Millionenbestseller "Naked Lunch" zur Kultfigur und prägte mit dem Ausleben von "freiem Sex" und "freien Drogen" auch das Hippietum. Dabei konnte er mit der Hippieszene nichts anfangen: "Was ist Flowerpower?", soll er verächtlich gesagt haben, "Ich will Blumen in Blumentöpfen, um sie vom Hausdach auf die Polizisten werfen zu können." Doch nicht nur die Hippies interessierten ihn nicht, genauso wenig wollte er anderen Szenegruppierung angehören. Ob Beat-Generation oder Counter-Culture, Punk oder Rock, Literatur oder Bildende Kunst – Burroughs verschrieb sich weder einer Szene noch einem künstlerischen Genre. Er wollte sich keinen Strukturen fügen.

Selbst Burroughs bekannte "Cut-ups", Neukonstruktionen ausgeschnittener Textpassagen, sind für ihn die "einzige Möglichkeit, die Absichten der Kontrollorgane zu vereiteln". Denn die "besteht in der Zerstörung ihres Kontrollmittels: ihrer Sprache. Cut-up ist eine Methode des Entkommens", sagte er. Und auch seine Collagen und Bilder sind der Versuch der Kontrolle zu entkommen. Sie wirken, als würden sie gleichermaßen geistiger Umnachtung und geistiger Klarheit entspringen.

So auch die "Dreammachine" von 1962, die er zusammen mit dem Programmierer Ian Sommerville und seinem Künstlerfreund Brion Gysin entworfen hatte. Ein Plattenspieler, auf den eine Glühbirne und ein Cut-Out-Aufsatz montiert sind. Beim Drehen der Platte werden verzerrte Muster aus Licht und Schatten an die Wände geworfen. Leicht hat man das Gefühl, in eine Traumwelt zu entgleiten, lässt man sich auf diese Maschine ein.

Burroughs "Shotgun Paintings" – Holzplatten, die er mit Schusswaffen durchlöcherte und mit leuchtenden Farben bemalte –, jedoch zeugen davon, dass er ein waschechter Amerikaner war. Dennoch übte er in allem, was er tat, Kritik an Gesellschaft und Kapitalismus seines Landes. Gus Van Sants Video "A Thanksgiving Prayer" von 1988 etwa zeigt Burroughs, wie er in feierlich amerikanischer Manier eine "Dankesrede" an das Land hält – eine knallharte Abrechnung mit den USA und dem Nationalstolz der Amerikaner.

Statt Burroughs Leben und Werk in einer Chronologie zu vereinen, bringen die drei Kuratoren, Axel Heil, Udo Breger und Harald Falckenberg, dem Besucher seine Person, seine Gedanken und Intentionen, ja sein gesamtes Schaffen näher. Das gelingt ihnen, indem sie Arbeiten der vielen Künstler ausstellen, die auf Burroughs Bezug nehmen, sich von ihm inspirieren ließen. "Imaginäre Zusammenarbeit" nennen sie dies. So finden sich mehrere Werke mit dem Titel "Naked Lunch" wieder (David Cronenberg), tauchen Bilder von Junkies und Nadeln auf (John Waters "Movie Star Junkie"), wird der Einfluss seiner Collagen, Cut-ups und Fantasien deutlich (Mike Kelleys "All or Nothing") und wird auch die ausblutende Gesellschaft thematisiert (Thomas Hirschmanns "Bernsteinzimmer") und Burroughs Waffenkult auf blutige oder ironische Weise bedient (Werner Büttners "Gangster im Kuchen").

Auf dem berühmten "Beatles"-Cover des Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" übrigens steht der hagere, alte Mann, mit den scharfen Gesichtszügen – wie man Burroughs von Fotografien kennt –, zwischen Marilyn Monroe und dem Guru Sri Mahavatara Babaji.

William S. Burroughs – Retrospektive

Termin: bis 18. August, Sammlung Falckenberg, Deichtorhallen, Hamburg-Harburg, Der Katalog zur Ausstellung kostet 24,80 Euro
http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=338