Fotografiefestival F/Stop

Leipzig

Nähe, Distanz, Emigration – und Butterbrote
Die Angst der Stulle vor dem Boden: Timotheus Tomicek, "Fallen", 2008
NÄHE, DISTANZ, EMIGRATION – UND BUTTERBROTE
Der Themenschwerpunkt des Leipziger F/Stop-Fotografiefestivals heißt in diesem Jahr "Closer – Nähe und Distanz in der zeitgenössischen Fotografie". art sprach mit der Festivaldirektorin Kristin Dittrich über ihr ambitioniertes Ausstellungskonzept und präsentiert vorab die spannendsten Arbeiten.
// REGINE EHLEITER

Frau Dittrich, im letzten Jahr feierte F/Stop als erstes Fotografie-Festival in Leipzig Premiere. Wie entstand dieses neue Festival?

Kristin Dittrich: Der Ansatz bei F/Stop war, dass wir uns mit dem Medium Fotografie in seiner künstlerischen Ausprägung beschäftigen wollten. Das hat damit zu tun, dass es eine sehr interessante Entwicklung in der zeitgenössischen Fotografie gibt; das sind vor allen Dingen die inszenierten Arbeiten, und dass sich gerade in Leipzig die Künstler der Fotografieklassen ganz besonders in diese Richtung bewegen.

Viele junge Künstler, die ihr Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) machen, verlassen die Stadt, weil es zu wenige Möglichkeiten gibt, sich zu präsentieren. Der Sockel des Festivals soll in Zukunft das Zentrum für Zeitgenössische Fotografie (ZZF) in Leipzig werden, wo dann viele andere Veranstaltungen über das Jahr hinweg ausgerichtet werden, die mit Fotografie zu tun haben.

Wie erfolgreich war das Festival im vergangenen Jahr?

Wir hatten über 3000 Besucher, und das obwohl wir kein Budget für Werbung hatten. Es war einfach an der Zeit, dass man in diesem Teil Deutschlands den Besuchern auch ein intensives Kunsterlebnis im Bereich der Fotografie bieten kann – weil doch gerade in Leipzig sehr viel intelligente Kunst entsteht.

Wie zeigt sich der diesjährige Festivalschwerpunkt "Closer – Nähe und Distanz in der zeitgenössischen Fotografie" in den Arbeiten, die Sie ausgewählt haben?

Bei "Closer" wird die Beziehung zwischen dem Kunstwerk, dem Künstler und dem Betrachter thematisiert. Durch meine Erfahrungen mit dem ersten Festival, habe ich gesehen, dass es gerade in der zeitgenössischen Kunst wichtig ist, die Kunst auf verschiedenste Art und Weise lesen zu können. Hinter meinem Konzept steht der Anspruch, Künstler und Werke so zu arrangieren, dass aus der Beziehung des einen Kunstwerks mit den anderen, beim Betrachter eine eigene Geschichte entsteht oder auch, dass man mit wenigen Informationen zur Essenz der Kunst gelangen kann.

Können Sie das an einem Beispiel aus der Ausstellung konkretisieren?

In der Werkschau-Ausstellung sind viele Leipziger und internationale Positionen, die sich um das Thema Sicherheit, Balance, Ungleichgewicht drehen. Es sind vor allen Dingen Arbeiten, die sehr assoziativ funktionieren. Zum Beispiel befasst sich die Gastausstellung "Soulstealer" mit dem Problem, dass viele junge Menschen in China die Landregionen verlassen und meist zum Arbeiten in die Stadt ziehen. Der chinesische Künstler Zeng Han, den wir zu diesem Festival eingeladen haben, hat eine Region in China besucht, in der es wirklich keine jungen Menschen mehr gibt. Die zurückgebliebenen Alten hat er zusammen mit einem Theaterregisseur in Kostüme eines zeitgenössischen Stücks gesteckt und lässt sie so an den Ideen der Jungen teilhaben, die es in diesem Dorf gar nicht mehr gibt. Außerdem zeigen wir eine Ausstellung der Künstlerin Maya de Forest aus Kanada, bei der es um Emigration geht und die Verschiebung des Individuums zwischen verschiedenen Städten und Regionen. Maya de Forest hat ihre japanische Mutter fotografiert, die seit über vierzig Jahren in Kanada lebt, aber in einer Art inneren Emigration bei sich in Kanada zu 100 Prozent die japanische Kultur lebt. So entsteht von einem Künstler zum nächsten im ganzen Raum eine assoziative Kette. Bei der Frage, was die Bilder direkt miteinander zu tun haben, lassen wir dem Betrachter freien Raum, und trotzdem wird der Besucher merken, dass er auch gelenkt wird durch die Anordnung der Bilder.

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1 Leserkommentar vorhanden

Huberto

14:26

15 / 07 / 08 // 

Im Ernst?

Als ob es in Leipzig vor F/Stop keine Fotografie gegeben hätte... Das Konzept von "Closer" entspricht übrigens der natürlichen Wahrnehmungverarbeitung des menschlichen Gehirns. Auch völlig zufällige Arrangements von Symbolen und Bildern werden automatisch in einem Zusammenhang gelesen. Für etwas anderes scheinen die Erzeugnisse moderner Fotografie wohl schon nichtmehr zu gebrauchen sein?