Kolumbus - New York

Zu Besuch bei Kolumbus

Der Künstler Tatzu Nishi baut der Kolumbus-Statue ein Wohnzimmer und landetet damit einen Publikumserfolg. Wegen Hurrikan Sandy musste das Kunstwerk im öffentlichen Raum einige Tage schließen, nun ist es wieder geöffnet.

Die Tragik von Christoph Kolumbus ist, dass ihm niemand in New York großartige Beachtung schenkt. Auf einer Höhe von 22 Metern steht die Marmorstatue auf ihrem Podest, um von hier aus in Richtung Downtown Manhattan zu blicken.

Um das Monument herum türmen sich die Gebäude vom Columbus Circle, es lärmt der Verkehr. Einen Block weiter erstreckt sich der Central Park. Die wenigsten New Yorker blicken hoch zu Kolumbus, die meisten Touristen laufen in all dem Getöse an dem vor 129 Jahren, anlässlich des 400. Jubiläums von Kolumbus Ankunft in Amerika errichteten Monument vorbei. Es musste ein aus Japan stammender, in Berlin und Tokio lebender Künstler kommen, um Amerikas Entdecker in ein neues Licht zu rücken.

Tatzu Nishi ist Experte darin, Statuen oder Monumenten ein neues Leben zu verleihen, in dem er sie Kunstinstallationen einverleibt. Er privatisiert Öffentliches, holt historische Größen auf eine menschliche Ebene zurück und spielt mit der Wahrnehmung der Betrachter. Sich in eine von Tatzu Nishis Installationen zu begeben, hat den Zauber von Kindheitserinnerungen. Größenmaßstäbe verschieben sich. In Köln zimmerte der Künstler eine Wohnzimmer-Box um das Reiterstandbild Wilhelms II, in Basel integrierte er den Engel auf der Turmsitze einer Kirche in einem Wohnraum. Einen Brunnen in Nantes verwandelte er in eine Hotel-Suite, um die Statue von Königin Victoria in Liverpool baute er ein funktionstüchtiges Fünf-Sterne-Hotel, so dass die Besucher die Nacht mit der Königin verbringen konnten. Mit seinem Namen spielt der Künstler ebenso wie mit dem öffentlichen Raum. In der Vergangenheit nannte er sich Tatsurou Bashi, Tazro Nishino oder Tatzu Oozu.

Um das Werk des italienischen Bildhauers Gaetano Russo herum baute der 1960 geborene Künstler eine weiße Box mit Fenstern. In dem Kasten befindet sich ein 75 Quadratmeter großes Wohnzimmer samt Sofas, Sesseln, Bücherregal, Teppich, roten Vorhängen und Fernseher, das auf Grund seiner Größe und der Lage am Central Park als absolutes New Yorker Luxus-Apartment einzustufen ist. Die Ausstattung des Wohnzimmers wurde vom Kaufhaus Bloomingdales spendiert. Die Tapete gestaltete Tatzu Nishi selbst und wählte Motive, die für ihn in seiner Kindheit Amerika symbolisierten: Elvis, Marilyn Monroe, Martin Luther King Jr., Hot Dogs, das Empire State Building, Malcolm X. Der Entdecker, die Hand in die Hüfte gestützt, steht in seiner gewaltigen Größe auf dem Couch-Tisch.

Organisiert und finanziert wurde die spektakuläre Installation, die noch bis zum 18. November für Besucher geöffnet ist, vom Public Art Fund. Anschließend wird Kolumbus von Restaurateuren überholt. Die kostenlosen Eintrittskarten, die man auf der Website der Kunst-Stiftung bestellt, sind für die meisten Tage vergeben. Mehr als 20 000 Besucher stiegen bereits die Stufen des Baugerüsts hinauf, um den Lärm der Stadt hinter sich zu lassen, sich auf einem der Sofas niederzulassen, eine der ausliegenden Zeitungen zu lesen und sich dem entthronten Kolumbus zu nähern. Die Konturen des Helden haben sich auf Grund von Wettereinflüssen und Umweltverschmutzung aufgelöst. Die Oberfläche des Marmors ist mit den Jahren porös geworden, so dass Kolumbus eine eher geschlagene Figur abgibt. Der Eroberer der Neuen Welt wirkt in dem privaten Umfeld eines Wohnzimmers noch nicht einmal wie ein Fremdkörper. Sondern wie die Trophäe eines ambitionierten Sammlers. Und so gelingt Tatzu Nishi mit dem domestizierten Meisterwerk, das im Haus eines millionenschweren New Yorkers verschwunden zu scheint, nicht nur ein Kommentar zur Geschichte, zu Heldentum und Kolonialismus, sondern auch zu einer Zeit und Stadt, in der das Geld regiert.

Tatzu Nishi: Discovering Columbus

20. September bis 18. November 2012

Columbus Circle, New York City
http://www.publicartfund.org/view/exhibitions/5495_discovering_columbus