Kunst aus China - Berlin

Konfrontation der Kulturen

Seit jeher wird die klassische chinesische Kultur in Europa geschätzt, die zeitgenössische Kunst aus China wurde hingegen lange belächelt. Nun zeigen drei Ausstellungen in Berlin, dass sich Chinas moderne Künstler nicht mehr länger vor westlichen Kritikern verstecken müssen.

Lange Zeit, so schrieb der 1945 gestorbene französische Essayist Paul Valéry anlässlich einer Ausstellung mit chinesischen Malern, Mitte der zwanziger Jahre in Paris, habe sich Europa "damit begnügt, in der Kunst der Chinesen nichts anderes zu sehen als mehr oder weniger einfallsreiche und kostbare Kuriositäten, bizarre Erfindungen, Monströsitäten." Dann habe sich das Blatt gewendet: Plötzlich galt, dass die chinesische Kunst "die zarteste und kühnste Poesie mit den Mitteln einer höchst kunstvollen Technik verbindet".

Das Buch mit dem Text Valérys "Über die chinesischen Maler" liegt im Moment ganz oben auf dem Schreibtisch der Schöneberger Galeristin Zhu Ling, die in diesem Sommer mit der Gruppenausstellung "Mit chinesischer Methode die westliche Kunst umpflügen" die Diskussion um die ästhetischen Wechselwirkungen zwischen Europa und dem Land der Mitte neu anstacheln möchte. Auch heute – so könnte man Zhus Wink mit Valéry verstehen – ist der Blick auf das zeitgenössische chinesische Kunstschaffen abermals von Monströsitäten und Kuriositäten verstellt: Man denkt an die Grinsekopf-Bilder von Yue Minjun, deren unglaublicher Markt-Erfolg ein eigenes Genre begründete, den billigen Mao-Pop-Kitsch, der den Besuchern auf der Pekinger Dashanzi-798-Kunstmeile im Dutzend entgegenspringt, oder verschwommene Gerhard-Richter-Nachahmungen.

Eine wirkliche Vermittlung zwischen China und dem Westen im Bereich der bildenen Kunst sei auch heute selten, sagt Zhu, die mit ihrer jungen Galerie im Januar ein Ladengeschäft an der Motzstraße bezogen hat und sich auf chinesische Künstler konzentriert, die sowohl in Deutschland, als auch in China studiert haben und arbeiten. Sie bewegen sich in einem Raum zwischen den Kulturen, wo die Betonung eher auf der Möglichkeit von neuen Verbindungen als auf Gegensätzlichem liegt. So ist der provokante Titel "Mit chinesischer Methode die westliche Kunst umpflügen" längst nicht so einseitig gemeint, wie er klingt: "chinesisch" und "westlich" seien austauschbar, erklärt Zhu.

Assoziation kalligrafischer Schriftzeichen

Auch die Wahl der Medien sieht Zhu ganz pragmatisch, im Moment konzentriert sie sich ganz auf Malerei, da seien die "Möglichkeiten noch gar nicht erschöpft", ganz besonders dort, wo es um die Konfrontation der verschiedenen Kulturen ginge. Fünf junge Malerinnen und Maler zeigt sie in der Ausstellung, die auf ganz unterschiedliche Weise mit ihrem Material und den Formen, mit Abstraktion und Figuration umgehen. Doch die radikale oder die brachiale Vermengung der Zeichen findet nicht statt.

Eher verrätselt wirken etwa die erdig-braunen Bilder des 1978 in Peking geborenen Malers Fu Rao, der nach Stationen in Peking und Wuhan schließlich bei Ralf Kerbach an der Dresdner Kunstakademie studierte. Fu malt auf Papier mit Bitumen, einem klebrigen Stoff, der beim Destillationsprozess von Rohöl zu Petroleum entsteht. In der Galerie wird eine Tischszene gezeigt, die in ihren Sepia-Tönen an eine merkwürdig verschwommene alte Fotografie erinnert, eine optisch-chemisch verfremdete Erinnerung.

Etwas Fließendes haben auch die Malereien der jungen Künstlerin Zhang Hui, geboren 1979 in Jurong, die seit 2004 in Deutschland lebt und im vergangenen Jahr ihren Abschluss an der Berliner Universität der Künste absolvierte. "Twist and Turns II" – "Drehungen und Wendungen" lautet der Titel einer großformatigen Leinwand in der Galerie Ling, auf der rote Pinselstriche die Fläche wie ein loses Gewebe aus Rinnsalen überzieht. Die Assoziation kalligrafischer Schriftzeichen liegt nahe, ein Tanz der Bedeutungen, jenseits aller Grobschlächtigkeit, mit einer Eleganz, um die Europa die Meister Asiens seit jeher beneidet hat.

Chinesischer Expressionismus

An der alten Kunst der chinesischen Schriftmalerei hat sich auch der Maler Huang Yuan Qing geschult, dessen Akryl- und Ölmalereien auf Leinwand in diesem Sommer in der Galerie von Susanne Albrecht auf der Charlottenstraße gezeigt werden. Albrecht, die ihre Galerie 1986 in München gründete und seit dem Frühjahr 2009 in der Hauptstadt weiter führt, schätzt den "souveränen Umgang" Huangs mit den verschiedenen Strömungen der fernöstlichen und abendländischen Kunstgeschichte. Bei den abstrakten Bildern des 1963 in Shanghai geborenen und auch heute dort lebenden Künstlers, der sich nach einem naturwissenschaftlichen Studium 1989 als Autoditakt der Kunst zuwandte, handele es sich um einen "chinesischen Expressionismus", der sowohl amerikanischen wie auch chinesische Traditionen in sich vereine. Tatsächlich erinnern die wild tanzenden Farbknäuel Huangs an den abstrakten Expressionismus, der in den langen Fünfziger Jahren der "New York School" den Weltruhm brachte.

Doch was bedeutet es, wenn die Wiederaufnahme solcher Formen mit kalligrafischem Einschlag 2010 aus Shanghai kommt und in der Charlottenstraße besichtigt werden kann? Am "Spannungsverhältnis zwischen Fernost und West" ist auch der Berliner Galerist Alexander Ochs interessiert, doch auch er hält die alte antagonistische Betrachtungsweise in Bezug auf die jüngste Künstlergeneration, die Reisefreiheit und die Ausbildung an westlichen Akademien kennt für "obsolet". In seinen repräsentativen Räumen in den Sophienhöfen in Berlin Mitte zeigt Ochs sowohl Arbeiten von in den sechziger Jahren geborenen und am Kunstmarkt längst etablierten Künstlern wie Yang Shaobin und Fang Lijun sowie Vetretern der noch wenig bekannten Post-Siebzigerjahre-Generation.

Wie Zhu Ling zeigt auch Ochs Arbeiten von Zhang Hui – neben vier kleinformatigen abstrakten Studien eine großformatige Ölmalerei, die eine urbane Struktur von Flachbauten aus der Draufsicht zeigt. Die rasterförmig angeordneten Hausdächer werden hier zu einer Art Farbfeldmalerei, die sich diskret am Erbe Piet Mondrians abarbeitet. Jenseits dieses Themenkomplex der formalen Amalgame von Fernost und West lassen sich gerade an dieser Arbeit aber auch noch ganz andere thematische Linien ablesen, die in weiteren Exponaten präsent sind. Ist es bei den Malern der mittleren Generation noch die Verhandelung von Individualität und Konformität in der Gesellschaft, wie man sie an der kleinen Tuschzeichnung von Fang Lijun ("Inkpainting", 2006) mit seinen den Fluten entsteigenden Geschöpfen ablesbar ist, so scheint die jüngere Generation die Stadt und ihre Medien für sich zu entdecken.

Wiederentdeckung verschütteter Qualitäten

In den großformatigen Bildern Lu Songs, eines in Peking lebenden Malers etwa, zeichnet sie sich die Stadt als bedrohlich glühender Moloch am Horizont ab, dem die Menschen in der Peripherie ihren Blick zuwenden. In einer vernebelten Parklandschaft malt Lu wie selbstverständlich Geister und Passanten, zwei Betrachter am rechten unteren Bildrand könnten sich sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Bildes bewegen. Eine Zeile geduckter Stadthäuser scheint ins Endlose zu führen. Alles wirkt ein wenig vergrübelt und düster.

Wenn sich aus diesen drei Berliner Sommerausstellungen mit aktueller chinesischer Malerei etwas Generelles schließen lässt, dann ist es wohl vor allem das Verschwinden des Grellen und der Pop-Malerei, die so lange das Bild geprägt hatten. Seit Deng Xiaoping das Land öffnete, sind rund 30 Jahre vergangen. Der Blick wendet sich nach Innen, hin zur Gesellschaft und den Städten, wo sich ein neues Selbstbewusstsein formt. Dass Zhu Ling gerade jetzt Paul Valéry liest, ist wohl kein Zufall. Es geht auch um die Wiederentdeckung verschütteter Qualitäten. "Was ich an der chinesischen Malerei bewundere", schrieb Valéry, "ist, dass sie die ganze Anmut, den vollen Nuancenreichtum und alle Feinheiten eines im wahrsten Sinne des Wortes hochzivilisierten Denkens widerspiegelt."

"Chinesische Kunst in Berlin"

Ausstellungen: "Mit chinesischer Methode die westliche Kunst umpflügen", Li Yan, Zhang Hui, Wu Ming, Fu Rao, Wang Chu; Galerie Ling, Motzstr. 65 A, bis 10. Oktober, Öffnungszeiten: Di - Sa 13-18 Uhr; "Huang Yuan Qing", Galerie Albrecht, Charlottenstr. 78, 10117 Berlin. Bis 4. September, (Sommerpause bis 31.8., Besuch nur nach Voranmeldung); "Chinese*", Ce Jian, Chen Guangwu, Fang Lijun, Lu Song, Wang Shugang, Yang Shaobin, Zhang Hui; Alexander Ochs Galerie, Sophienstr. 21, 10178 Berlin, bis 28. August, Öffnungszeiten: Di-Fr: 10 – 18, Sa: 11–18
http://www.galerie-ling.de/

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