Jonathan Meese - Performance

Der Kunstszene liebste Ameise

In Klosterneuburg versuchte sich Jonathan Meese in seiner Ausstellungseröffnungsperformance in Emphase zu reden und schimpfte darum auch ein bisschen herum. Aber das Wiener Publikum ist andere Publikumsbeschimpfungen gewohnt
Publikumsbeschimpfung:Jonathan Meese in Klosterneuburg

Jonathan Meese im Essl Museum

Wie in eine Arena, oder noch besser: in ein Tiergehege blickte das Publikum, das in recht übersichtlichen Ausmaßen von Wien nach Klosterneuburg gereist war, in die Rotunde des Privatmuseums Karlheinz Essls. Lässig am Geländer lehnend beobachtete man leicht belustigt der Kunstszene zur Zeit liebstes Alien, Jonathan Meese, der dort unten, in wild ausgepinselter und beschrifteter Kulisse samt mächtig schwarz aufragendem "Staatskristall" seine angekündigte Eröffnungsperformance vorbereitete und Requisiten verteilte. Bussi-Bussi mit einer Assistentin und Luftküsse hinauf zum Gönner-Mäzen – dann wurde das Terrain geräumt und Meese konnte unter den gütigen Blicken seines (nach eigenen Angaben) "größten" Sammlers seinen Dienst beginnen, das sattsam bekannte Programm abspulen, einen pausenlosen, leicht schizophrenen Monolog, der unweigerlich in der Verkündung der „Diktatur der Kunst“ kulminierte.

10388
Strecken Teaser

"Lecker, lecker schmeckt die Kunst, Mann, schmeckt die lecker", brabbelt Meese ins umgehängte Mikro, während er am rotweißroten Lolly lutscht. "Kunst ist Spielzeug hier im rechtsfreien Raum, hier spielt Junker Meese, Manege frei für die Kunst. Ich, das Tierbaby, bin Menschensammler geworden, ist doch nicht so schwierig." Meese deklamiert, geht rund um den hin und wieder drohende Töne ausspuckenden "Staatskristall" im Kreis, langsam, schneller, auf allen vieren, ganz "Sklave", ganz "Ameise" der Kunst. Zumindest Kameramann und Fotograf kommen außer Atem. Das Publikum am Geländer lichtet sich langsam. Meese versucht sich in Emphase zu reden ("... ich gehe hoch, natürlich gehe ich hoch ..."), schimpft aus diesem Grund ein wenig herum: "Ihr Pottsäue!". Keine Reaktion, Wien ist andere Publikumsbeschimpfungen gewohnt.

Geht Meese in seinem kalkuliert wirkenden Furor die Luft aus, greift er zu Zetteln, die er "Eilmeldungen" nennt, und holt sich das nächste Stichwort. "Neutralität" etwa, mit dem er aber wenig assoziiert. Der gerade Österreich besuchende Dalai Lama wird ein wenig beflegelt, die Massenarbeitslosigkeit soll – wie auch immer – unter der "Diktatur der Kunst" ein Ende finden. Diese zählt Meese zum Schluss noch mit einem Countdown ein, 13 Mal läuft er dazu um den "Staatskristall" in der Mitte der Rotunde. Dabei beginnt die nicht weiter erläuterte Kunst-Dikatatur doch erst, wie am Boden steht, im Jahr 2023!
Also keine Panik vorerst, von der allerdings an diesem Abend in der Sammlung Essl ohnehin keine Spur ist. Nicht einmal das kleinste Gefühl von Unberechenbarkeit kommt auf. Die Performance wirkt vorsichtig und hochprofessionell, Requisiten werden achtsam geschleudert, Farbe achtsam verspritzt, nur der Oberkörper wird enthüllt, ein langes rosa Gummiteil als Penisersatz in die Hose gereckt. Mit "Revolutionsbrille" vom Papa posiert Meese während der Performance für Fotos, die dann wohl in seinem Werk noch später Verwendung finden.
Für etwas dramaturgische Abwechslung sorgt ein hydraulischer Hebewagen, den Meese besteigen kann, um sich – weiter vor sich hin redend – von einem Liftboy in Uniform und mit Zylinder auf die erhöhte Ebene des Publikums hochfahren zu lassen. Und sogar darüber hinaus, was dann doch noch zu einer intensiven Szene führt: Von einer Art Kanzel aus zelebriert Meese pubertäres postmodernes Mythenzertrümmern. In rasendem Tempo wechselt er seine Haltung von Hitlergruß, Salutieren, angedeutetem Onanieren und Geschlechtsverkehr a recto, um dazu immer wieder zu brüllen: "Was ist das für eine Bewegung? Eine Muskelbewegung! Und nichts mehr!"
Freundlicher Applaus nach einer guten Stunde Exzess für den Privatsammlungsgebrauch.

Jonathan Meese - "Fräulein Atlantis"

Ausstellung: bis 3. Februar 2008. Ein von Karlheinz Essl für die Rauminstallation von Jonathan Meese entwickeltes Klangenvironment ist auf CD erhältlich (15 Euro).

Mehr zum Thema im Internet