Jonathan Meese - Dresden

In der Kunst gibt es keinen Rücktritt

Jonathan Meese ruft die "Diktatur der Kunst" aus. Er hielt am Wochenende die "Dresdner Rede" und provozierte das Publikum mit der Parole "Deckschrubben!"
Ohne Rücktritt:Jonathan Meese ruft die Diktatur der Kunst aus

Ruft die Diktatur der Kunst aus: Jonathan Meese auf großer Bühne

"Der will vielleicht, dass wir von selbst gehen", vermutet ein erschöpftes Paar mittleren Alters in der 70. Minute des Spektakels. Wie viele gutsituierte Dresdner Kulturbürger waren sie am Vortag des Rosenmontags in das Dresdner Schauspielhaus geströmt. Seit Jahren besuchen sie die Serie der "Dresdner Reden" und hatten dort schon Auftritte von diversen Politikern, Intellektuellen und Kulturschaffenden wie Peter Kulka, Charlotte Knobloch, Rüdiger Safranski, Jan Philipp Reemtsma oder Meinhard von Gerkan verfolgt. Am 6. März allerdings ist die Schonfrist vorüber. Bühne frei für Jonathan Meese, der angekündigt hatte, über Fragen der Zeitgeschichte und deutsche Ur-Mythen zu dozieren.

Mit einem Stoffbeutel voller Flaschen schlendert er aufs Podium und steigt gleich voll ein: "Ich liebe gebrüllte Reden", verkündet er ungesäumt "weil sie zukünftig sind. Alles andere ist demokratisches Gewinsel!" Damit zielt er bereits auf sein Feindbild: die Demokratie schlechthin, denn sie "ist ein Selbstzerstörungsprogramm und hat ausgedient". Die Diktatur der Kunst (und zwar nicht jene, wie sie an Kunstakademien gelehrt wird) ist das Gebot dieser Morgenstunde. Dann beugt er sich voller Begeisterung weit nach hinten, fast fortgespült von den Wogen der eigenen Wortflut: "Gehorcht einfach, das reicht doch. Tut das, was notwendig ist, in der Kunst wie im Orkan: Steh Deinen Mann!" Wenn er mit heiserer, überschnappender Stimme nach "Führung statt Ausdruck" verlangt, völkisch klingende Reizworte strapaziert und dabei zackige Gesten vollführt, erstarrt so mancher Unvorbereitete im Publikum.

Schon nach zehn Minuten möchte man dem Akteur ein Pfefferminzbonbon anbieten und auch gerne mal für ihn atmen, denn das vergisst er bisweilen in seinem unheiligen Eifer. Für einen Moment erinnert dieser permanenten Schreikrampf gegen Demokratie, Mittelmäßigkeit, Selbstverwirklichung und für die Diktatur der Kunst an die großen Selbstverletzungsperfomances von Marina Abramovic bis Stuart Brisley. Schreien bis zur Schmerzgrenze.
Doch letztendlich ist das Schlachtfeld von "Extremeese" (J.M.) nicht der Körper, sondern das der Worte. Seine Gegner sind Demokraten und vor allem die 68er. Immer wieder beklagt er das Fehlen von echten Führungspersönlichkeiten wie es einst Kapitän Ahab oder Kapitän Bligh von der Bounty waren oder erinnert an echte Revolutionen, wie jene französische von 1789: "Damals schon mit St. Just hätte man merken müssen, es ist vorbei! Der schönste aller Revolutionäre. Von dem hätte ich mich gerne instrumentalisieren lassen."

Als neue Führungskraft der Kunstdiktatur stellt er sich selbst – wen sonst – zu Verfügung und verspricht die totale Aufrüstung für die Kunst, die alles verfügbare Geld verschlingen wird. Die Strafe für Nichtachtung seiner Befehle heißt "Deckschrubben, Deckschrubben, Deckschrubben!" Dieses Mantra kehrt rhythmisch immer wieder, abgelöst nur von der Handlungsanweisung für das neue Imperium: "Ge-hor-chen! Die-nen! Mar-schieren! Strammstehen!" Wer das nicht befolgt, ist es nicht wert, Untertan der Kunst zu sein. Und überhaupt, all' diese Weicheier in der Politik: "Diese ganzen Rücktritte, das waren doch gar keine Rücktritte. Da ist Windstärke 0,3 gekommen und hat das Hemd von Bord geweht." Das Publikum versteht, um welche Fragen der jüngsten Zeitgeschichte es sich handelt und applaudiert frenetisch. Da muss sich der Meister erstmal den Schaum vom Mund wischen, bevor er anfängt, kurzatmig über die Bühne zu tigern. Jetzt nimmt er die aktuellen Revolutionen im arabischen Raum aufs Korn, alles Nonsens, natürlich, denn: "Auf der Straße ist nichts zu holen, auf der Straße geht man von A nach B, unauffällig... Diese ganzen Typen, die etwas revolutionieren wollen, das sind Meuterer gegen die Diktatur der Kunst. Die sollen nach Hause gehen."

Das will das Publikum mittlerweile auch, ganze Reihen lichten sich. Doch Derwisch Meese lässt nicht locker und zeigt noch einen Propagandafilm in eigener Sache. Während oben sein eigenes übergroßes Konterfei weiter psalmodiert, rappt das Original unten zu den Beats mit. Hat da jemand einen Hitlergruß erkannt? Egal, Meese agiert als selbsternannter Turnvater der Nation und zeigt am eigenen Leib, wie die Choreografie für Strammsteher auszusehen hat. Das ist ganz großes Kino und die Botschaft klingt langsam bedrohlich: "Der Zustand 'Jonathan Meese' wird niemals zurücktreten... In der Kunst gibt es keinen Rücktritt." Doch nach nur 81 Minuten erklärt der erschöpfte Diktator: "Ich muss jetzt ganz schnell nach Hause", stopft sein Leergut in den Stoffbeutel und verlässt die Bühne. Es gibt auch anderswo noch viel zu tun.

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