Buch zu Frida Kahlo

»Ich glaube nicht an eine perfekte Welt«

Im Prestel Verlag erscheint morgen das Buch "Bekenntnisse" und bietet erstmals intime Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. Gegen Ende ihres Lebens gab die Künstlerin ihrer Freundin, der Psychologin Olga Campos, ein Interview und äußerte sich darin freimütig über ihre Kunst, über Sex und Politik. art präsentiert vorab Auszüge aus den Kapiteln "Soziales Bewusstsein", "Meine Malerei" und "Sexualität".
"Ich glaube nicht an eine perfekte Welt":"Bekenntnisse" von Frida Kahlo

Frida Kahlo mit ihrer Nichte Isolda und ihrem Neffen Antonio, 1935

"Soziales Bewusstsein"

Erziehung sollte revolutionär, materialistisch sein.

Imperialistischer Krieg ist idiotisch. Der Klassenkampf, selbst der bewaffnete, ist sehr wichtig. Ich würde in einem Krieg kämpfen.

Man sollte mit den Stärksten und den Schwächsten kämpfen, um die Stärkeren auf die Ebene der Schwachen zu bringen und diese wiederum zu stärken.

Nur manche Gesetze sollten immer befolgt werden.

Ich habe viele gesellschaftliche Normen gebrochen.

Ich habe die Dinge, die ich getan habe, nicht bereut.

Mir hat es gefallen, widersprüchlich zu sein.

Ich glaube nicht an irgendjemandes Ehrlichkeit, nicht einmal an meine.

Ich bin nicht sozial oder moralisch gut oder schlecht. Das Beste, was ich getan habe, ist anderen so gut ich konnte zu helfen. Man sollte versuchen, anderen zu helfen.

In Mexiko bedeutet coraje "Wut"; in Spanien "Mut". Wut entsteht, wenn etwas nicht gut läuft. Man reagiert aufbrausend, wenn man sich gekränkt oder schlecht behandelt fühlt oder wenn man eine Ungerechtigkeit erkennt.

Kinder oder wehrlose Tiere zu schlagen bedeutet Feigheit, Schwäche. Es gibt keinen Grund, feige zu sein. Ohne Feigheit können die Menschen besser miteinander leben.

Ich glaube nicht an die Wirksamkeit von Bestrafung und Scham. Ich weiß nicht, wann es gerechtfertigt ist, jemanden zu schlagen; wenn die Vernunft versagt?

Ich glaube nicht an eine perfekte Welt. Aber um eine bessere Welt zu schaffen, ist die kommunistische Lehre der einzige Weg. Diego und ich sind Kommunisten.

Ich ziehe es vor, mich führen zu lassen, weil ich nicht weiß, wie man selbst die Führung übernimmt.

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"Meine Malerei"

Ich interessierte mich bereits fürs Malen, als ich etwa zwölf Jahre alt war. Mit ungefähr 15 Jahren begann ich zu zeichnen. Ich habe die erste Zeichnung noch, ein Selbstporträt von 1925. Nach dem Unfall begann ich zu malen, und es entstanden das Selbstbildnis mit den Wolken und die Porträts von Adriana Kahlo, [Miguel N.] Lira, Alicia Galant, Cristina Kahlo und Agustín Olmedo. Sie sind alle mehr oder weniger aus derselben Zeit. Bei den letzten trug ich das Gipskorsett. Zum Malen stieg ich nachts aus dem Bett.


Papá malte kleine Landschaften am Fluss in Coyoacán und kopierte kitschige Gemälde mit Aquarell- und Ölfarben. Danach schenkte er mir einen kleinen Kasten mit Farben, der ihm gehörte. Ángel Salas gab mir ein Büchlein, das erklärte, wie ich Leinwände vorbereiten musste, und ich spannte sie ganz glatt.

Die Zeit der jungen Liebe mit Gómez Arias dauerte von 1922 bis 1925, als der Bus uns beide zerquetschte. Gómez Arias brachte mir Bücher über Malerei und Maler aus Europa mit. Es waren die ersten Bücher über Kunst, die ich in die Finger bekam.


José Clemente Orozco und ich fuhren mit derselben Straßenbahn von Coyoacán nach Mexiko-Stadt, und ich trug seine Papiere. Wir wurden Freunde, und ich lud ihn in unser Haus ein. Als er zu Besuch kam, hatte ich vier oder fünf Sachen gemalt, und er umarmte mich und sagte, ich hätte eine Menge Talent, und er plauderte immer weiter über die entsetzlichen Geschichten von Diego.

Man fing wieder an von Diego zu reden; dass er aus Russland zurückgekommen war und Vorträge über russisches Theater und russische Kunst hielt. Ich ging hin, um ihm zuzuhören. Nachher begann er in der Prepa zu malen und später im Secretaria de Educación.

"Meine Malerei"

Ich besuchte die Prepa, aber der Unfall vermasselte mir alles. Ich kehrte an die Schule zurück, doch mir tat alles weh, und ich hatte wenig Energie. Ich brachte meine Gemälde zu Diego, und sie gefielen ihm sehr, besonders das Selbstporträt. Von den anderen sagte er, ich sei von Doctor Atl [dem mexikanischen Maler und Revolutionär, eigentlich Gerardo Murillo] beeinflusst und von [dem Maler Roberto] Montenegro und dass ich versuchen sollte, das zu malen, was ich wollte, ohne von jemand anderem beeinflusst zu sein. Das beeindruckte mich sehr, und ich fing an zu malen, woran ich glaubte. Dann begannen die Freundschaft und beinahe auch schon die Liebesbeziehung mit Diego. Ich ging nachmittags zu ihm, um ihn malen zu sehen, und nachher brachte er mich heim im Bus oder in einem Fordcito – einem kleinen Ford, der ihm gehörte –, und er küsste mich.


Eines Sonntags kam Diego in unser Haus, um meine Bilder zu sehen, und er kritisierte sie alle auf sehr klare und unmissverständliche Weise, und er erklärte mir all die Möglichkeiten, die er darin sah. Dann malte ich zwei oder drei Bilder, die sich irgendwo im Haus befinden und mir sehr von ihm beeinflusst erscheinen. Es sind Porträts von 13- oder 14-jährigen Jugendlichen. Das Bildnis von Rosita (gegenüber), das Mati an einen Altkleiderhändler verkaufte, entdeckte Mr. [Salomon] Hale [ein amerikanischer Freund Riveras, der in Mexiko lebte und bekannt war für sein gutes Auge beim Kunstkauf] auf dem Flohmarkt in Lagunilla und erwarb es für acht Pesos.


1929 trat ich in die Kommunistische Partei ein, heiratete Diego und hatte meine erste Abtreibung.

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"Sexualität"

Beim Sex ist alles gut, das Genuss bereitet, alles, das wehtut, ist schlecht.

Es ist gut, Sex zu haben.

Masturbiert habe ich zum ersten Mal, als ich etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt war, spontan, mit meinen Fingern an meiner Klitoris. Ich war allein im Bett. Ich weiß nicht mehr, woran ich dabei gedacht habe oder was zuvor passiert war. Ich fühlte mich hinterher sehr gut. Masturbieren tat mir nicht weh. Ich habe es nur als Kind gewohnheitsmäßig betrieben.

Es macht mir nicht allzu viel aus, wenn jemand meine Genitalien betrachtet.

Ich mag die Genitalien des anderen Geschlechts.

Brüste sind ästhetisch. Wenn die Brüste von Frauen schön sind, mag ich sie sehr.

Aber ich mag keine rosafarbenen Brustwarzen.

Während des Geschlechtsverkehrs spielen meine Brüste eine aktive Rolle. Es erregt mich, wenn sie berührt werden, sogar von manchen Frauen.

Homosexualität ist sehr richtig, sehr gut.

Sadismus und Masochismus gefallen mir nicht. Im Allgemeinen halte ich sexuelle Perversionen für eine sonderbare Sache.

Nichts hat mich von sexuellen Aktivitäten abgehalten, nur Krankheit.

Ich fürchte mich vor Geschlechtskrankheiten.

"Frida Kahlo: Bekenntnisse"

Salomon Grimberg, Prestel Verlag, 160 Seiten, 40 Abbildungen, 22 Euro, erschien April 2010