Brion Gysin - New York

Der Mann mit der Traum-Maschine

Mit geschlossenen Augen ein Flackern sehen: Die lebendigen Werke des Beat-Virtuosen Brion Gysin beeinflussen die Kunstwelt bis heute. Das New Museum widmet ihm nun seine erste große Ausstellung in Amerika.

Er war ein Poet, Maler, Performance- und Soundkünstler, der sich gern zwischen den Welten aufhielt. So dass Kuratoren oder Galeristen ihn niemals richtig zu fassen bekamen. Anstatt sich seinen eigenen Namen zu machen, beeinflusste Brion Gysin andere Künstler.

Die Liste der Berühmtheiten, die mit dem Engländer zusammengearbeitet oder ihn wie eine Art Guru verehrt hatten, ist lang. Darunter der Schriftsteller der Beat Generation William S. Burroughs, Max Ernst, Keith Haring, Laurie Anderson und Musikstars wie Iggy Pop, David Bowie und Patti Smith. Andy Warhol kaufte Gysins Zeichnungen. Haring nahm Gysins wohl berühmteste Arbeit, die flackernde "Dream Machine" von 1961, die eine bewusstseinserweiternde Wirkung haben sollte, mit nach New York, um sie in Clubs vorzuführen.

Weil sich viele junge zeitgenössische US-Künstler wie Sue de Beer oder der in den USA lebende Thailänder Rirkrit Tiravanija, die sich im Ausstellungskatalog zu Wort melden, heute wieder auf Gysin berufen, widmet das New Museum dem 1986 in Paris gestorbenen Künstler seine erste große Ausstellung in Amerika. "Brion Gysin gilt als einer der Väter der Sound-Poesie und der Multimedia-Performance. Er war eine Ideen-Maschine", meint Kuratorin Laura Hoptman. Mit seinem Freund William S. Burroughs, mit dem er sich symbiotisch im Geiste verbunden fühlte, entwickelte der Künstler 1959 die "Cut-Up"-Technik: Textfragmente, Ausrisse aus Zeitungen, Fotos oder Ausschnitte aus Bildern wurden aus ihrem Zusammenhang gerissen und neu angeordnet. Wodurch eine neue Erzählstruktur entstand, die Burroughs in späteren Romanen weiter entwickelte.

"Ich habe auf viele Nägel geschlagen"

Neben der "Dream Machine" und Film-Arbeiten, die Gysin mit Handrolle und Farbschüssel wie besessen bei der Arbeit und seinen Freund Burroughs in der an einen Traum erinnernden Film-Collage "Tower Open Fire" von 1963 zeigen, hat Hoptman 300 Arbeiten zusammengetragen. Darunter Collagen von Gysin und Burroughs aus dem gemeinsamen Manifest "The Third Mind", Gysins Malereien, auf denen er seine lebenslange Faszination für Schriftzeichen und Raster auslebt sowie ein Sound-Stück, das er gemeinsam mit dem Poeten und Performancekünstler John Giorno in der New Yorker U-Bahn aufgenommen hatte und bei dem sich Gysin über die unechte Haarfarbe der weiblichen U-Bahn-Gäste ausließ, während er die Namen der unterschiedlichen Stationen aufsagte. Gegen Ende seines Lebens, als er krank und verarmt in Paris lebte, machte Gysin Collagen und Fotos vom Centre Pompidou, das damals gebaut wurde und den Künstler in seiner Struktur an seine geliebten Raster erinnerte.

Gysin befürchtete, dass er seine Karriere verschwendet hatte. Denn die Anerkennung in der zeitgenössischen Kunst, die ihn vergessen hatte, fehlte ihm. Er hätte ein "Leben voller Abenteuer" geführt, die ihn letztlich nirgendwo hinführten, so Gysin. Zu den Stationen zählten Tanger, das berühmte Beat Hotel von Paris, das Chelsea Hotel von New York und die Künstler-Absteige auf der Bowery gegenüber dem heutigen New Museum. "Ich habe jeden möglichen Fehler begangen", schrieb Gysin damals. "Man sollte einen Nagel in sein Leben einschlagen. Ich habe wie bei einem Xylophon auf viele Nägel eingeschlagen." Doch Keith Haring vermutete, dass der widerspenstige Engländer im Grunde seines Herzens zufrieden gewesen sein muss. Weil er wusste, dass er bei einem kleinen Kreis von Künstlern Kultstatus erreicht hatte. Für alle, die Gysins Traumreise antreten wollen, wurde im Katalog eine Pappvorlage für seine "Dream Machine" beigelegt, die man sich mit Hilfe eines alten Plattenspielers basten kann.

"Brion Gysin: Dream Machine"

Termin: bis 3. Oktober, New Museum, New York
http://www.newmuseum.org/exhibitions/422