Egon Schiele und Wally Neuzil

Liebe mit Abgrund

Wally war seine treue Begleiterin in dunklen Tagen – trotzdem verließ Egon Schiele sie, um eine Bürgerstochter zu heiraten. In Wien führt eine Ausstellung jetzt durch die traurigschöne Geschichte einer Liebe und würdigt die Rolle von Wally Neuzil im Werk des Expressionisten.
Liebe mit Abgrund:Egon Schiele und seine Muse Wally Neuzil

Egon Schiele: "Bildnis Wally Neuzil", 1912

Sie war die Frau seines Lebens und seiner Kunst, sein ausdrucksstärkstes Modell, Begleiterin durch alle Tiefen, sein "Schatten", wie ein Freund es beschrieb. Und doch heiratete er am Ende eine andere. Erstmals wird Egon Schieles Muse, Modell und Partnerin, Wally Neuzil, eine eigene Ausstellung gewidmet.

Und es wäre nicht das Leopold Museum, wenn es seinen Hausheiligen nicht versuchte zu rehabilitieren in dieser sichtlich schwierigen Liebesgeschichte. Das Abschiedsbild ist das bewegendste in Schieles Werk: "Tod und Mädchen". Schiele und Wally klammern sich hier aneinander, doch sie entgleitet ihm bereits.

Aber wie begann sie, diese Liebesgeschichte im Wien um 1900? Egon Schiele war damals der junge Wilde, Gustav Klimt sein etwas saturierterer Mentor. Eine nicht belegbare Mär besagt, dass Klimt es war, der 1911 ein ganz spezielles Modell zu Schiele schickte. Wally, rotblonde Haare, blaue Augen, auffällig eindringlicher, skeptischer Blick. 16 Jahre war die Lehrerstochter damals alt, ihr Vater aber war gestorben, sie musste sich in Wien alleine durchschlagen und arbeitete als Kassierin und "Probierfräulein". Auch Künstlermodell war kein seriöser Beruf damals, eher eine Tätigkeit, die man verschwieg, nahe der Prostitution angesiedelt. Ihre Rehabilitation erhielten die jungen Damen in den Ateliers, die von den Künstlern auf der Straße angesprochen wurden, in der Regel erst im Nachhinein, von der Kunstgeschichte. Doch die meisten blieben namenlose Nymphen, Verführerinnen, Unschuldige, Vamps.

Von seinen näheren Bekannten besuchte nur Wally Otto Schiele im Gefängnis

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Undatiertes Fotoporträt von Egon Schiele

Zumindest dieses Schicksal blieb Wally erspart, obwohl auch sie lange fälschlich als "Valerie" Neuzil geführt wurde, nicht als Walburga. Die 16-Jährige aber schaffte, was die anderen Mädchen, die in Schieles Atelier herumlungerten, nicht schafften. Der nur fünf Jahre ältere Schiele ging mit ihr eine Beziehung ein – es muss eine wilde Jugendliebe gewesen sein. Nur wenige Monate nach ihrem Kennenlernen folgte sie ihm sogar in die Heimatstadt seiner Mutter, Krumau. Wo sie sich wegen ihres unstatthaften Zusammenlebens und wegen der nackten Modelle in dem Gärtchen des Atelierhäuschens bald unbeliebt machten. Nach drei Monaten musste das Paar weiterziehen. Es ging in die nächste Kleinstadt, nach Neulengbach, wo die bekannte Affäre losgetreten wurde: Ein ausgerissenes Mädchen suchte bei Schiele und Wally Unterschlupf. Die Polizei stürmte die Wohnung, fand erotische Zeichnungen und Schiele wurde wegen Unzucht angeklagt und in Untersuchungshaft genommen. Er war gerührt: Von seinen näheren Bekannten besuchte nur Wally ihn im Gefängnis, brachte ihm Orangen und Malutensilien. Sie benahm sich "so edel, dass mich dies fesselte", sollte er später darüber schreiben. Er dankte es ihr nach seiner Entlassung mit einem seiner schönsten Porträts, das "Bildnis Wally", ein Gegenstück zu seinem "Selbstporträt mit Lampionfrucht", beide 1912.

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Er löste Skandale aus, wechselte seine Liebhaberinnen wie eingetrocknete Pinsel und stand als "Kinderschänder" vor Gericht. Ein Biopic über Egon Schiele versucht jetzt, jetzt den mit nur 28 Jahren verstorbenen Wiener Modernen für ein Mainstream-Publikum zu züchtigen

Diethard Leopold, Sohn des verstorbenen Sammlers, Therapeut und Kurator der aktuellen Ausstellung, hat zwischen die beiden das Gemälde eines wirr verästelten, dürren Baums aus demselben Jahr gehängt. Ein faszinierendes Triptychon, noch melancholischer, noch auswegloser als das Gemälde "Versinkende Sonne", mit dem Elisabeth Leopold, Witwe des Sammlers, die beiden Bilder der Liebenden schon einmal getrennt hatte. Getrennt aus gutem Grund, denn irgendwie möchte man hier, am Zenit ihrer Liebe, unbedingt schon in die Zukunft weisen – drei Jahre später gingen die beiden tatsächlich auseinander. Auf hässliche Weise. Schiele verließ die Treue für ein "anständiges", bürgerliches Mädchen. "Habe vor zu heiraten – günstigst, nicht Wally vielleicht", schrieb er 1915 an seinen Freund Arthur Roessler. Wenig später schon heiratete er tatsächlich die Nachbarstochter von gegenüber, Edith, und Wally wurde Krankenschwester, ging in den Krieg und starb noch ein Jahr früher als das frische Ehepaar, 1917, an der Front in Dalmatien, an Scharlach. Schiele und seine Frau erlagen 1918 der spanischen Grippe.

Berühmt wurde die »Goldene Adele«, nicht für Wally.

Dieser Satz, diese berechnende "günstigere" Heirat, schwingt immer nach, wenn man an Egon und Wally denkt. Er belastet ihn schwer. Auch Diethard Leopold räumt das ein, es ist das einzige Mal, dass man "am Menschen" Schiele so seine Zweifel bekommt. Ein wenig krampfhaft wirkt daher auch der versöhnliche Schluss, der in der Ausstellung beschworen wird: Auch Wally sei gestärkt aus der Trennung hervorgegangen, habe sich emanzipiert und einen damals neuen, selbständigen Beruf gewählt: Krankenschwester. Man kann nur hoffen, dass sie stark war, denn die Kränkung war enorm. Es kam noch zu einer letzten Aussprache mit dem ehemals Geliebten vor seiner Heirat in seinem Wiener Stammcafé. Er bot ihr tatsächlich eine Art Vertrag an, hinterm Rücken seiner zukünftigen Gattin, in dem ein gemeinsamer Urlaub pro Jahr garantiert würde. Wally verließ das Café mit traurigem Blick, wie Schieles Schwester später berichtete. Und sie verließ die Weltöffentlichkeit.

Das Faszinierende, Herausragende an dieser Ausstellung ist, dass sie dieses Erscheinen einer Privatperson in der Geschichte sorgsam herausarbeitet. Mit Dokumenten und Fotografien beschreibt man die Situation der mittellosen Frau in einer Zeit, die für die "Goldene Adele" berühmt ist, nicht für die unstatthafte Wally. Durch ihre Augen sehen wir Schiele in seiner Absonderheit, die ihn auch von Klimt und den anderen Malern seiner Zeit abhebt. Wer war dieser Mann, der in "Kardinal und Nonne" sein Gesicht der Nonne und Wallys Beine dem Kardinal "anmontierte". Beides Zitate anderer Bilder. Beides Spiele mit den Geschlechtern, mit der eigenen erwachenden Sexualität. Wally hat ihn dabei geleitet, kannte keine Tabus, wie Leopold betont. Sie war seine "Orphea", die ihn aus dem Schattenreich führte.

In der existenziellen Zerrissenheit der Geschlechter war Schiele derart wegweisend, dass es einem immer noch den Atem nehmen kann. Seiner Zeit 100 Jahre voraus. Und 100 Jahre nach Wallys Tod fangen wir an, auch ihren Beitrag zu diesem außerordentlichen Werk, ihre Rolle in diesem außerordentlichen Leben zu schätzen, endlich.

Wally Neuzil – Ihr Leben mit Egon Schiele

bis 1. Juni 2015 im Leopold-Museum in Wien
http://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/65/wally-neuzil

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