Romuald Karmakar - Venedig Biennale

Bloss keine dunkle Kammer!

Romuald Karmakar war schon einmal zur Venedig Biennale eingeladen, allerdings zu den Filmfestspielen. Jetzt bilden seine Filme neben Arbeiten von Ai Weiwei, Santu Mofokeng und Dayanita Singh den deutschen Beitrag für die Kunstbiennale. Über Budgetgrenzen, kritische Momente der Zusammenarbeit mit den anderen Künstlern und darüber, wie man als Filmemacher in eine Kunstausstellung kommt, sprach er mit art-Redakteurin Ute Thon im Vorfeld der morgen eröffnenden Biennale.
Interview:Romuald Karmakar, Künstler des Deutschen Pavillon

Filmemacher Romuald Karmakar, für art fotografiert von Dominik Gigler

art: Sie haben Ihre Filme schon oft in Venedig gezeigt, allerdings nicht auf der Kunst-Biennale, sondern auf dem Filmfestival. Was ist anders, wenn Sie Ihre Werke im Rahmen einer Kunstausstellung präsentieren?

Romuald Karmakar: Bei einem Filmfestival ist der Arbeitsprozess ja relativ einfach. Man produziert einen Film und übergibt diesen an die Festivalorganisatoren, die den Film dann in einem Kinosaal zeigen. Man präsentiert seine Arbeit also an einem Ort, der sich über 100 Jahre für diese Art der Vorführung entwickelt hat. Jetzt in Venedig ist der Ort jedoch ein schöner Pavillon mit Deckenfenstern und weißen Wänden.

Das heißt, man muss zusätzlich zum Film auch den Vorführraum erst konzipieren. Das ist der Hauptunterschied. Und wenn man sich dann entscheidet, dass man mehr als einen Film in diesem Raum zeigen will, hat man nochmal ganz andere Probleme.

Ist es das erste Mal, dass Sie Ihre Filme in einem dezidierten Kunstkontext zeigen?

Dass ich überhaupt mit der Kunstwelt in Berührung kam, hat mit Susanne Gaensheimer zu tun. Wir kennen uns aus München, sie hat meine frühen Filme gesehen und weiterverfolgt, was ich mache. Als ich 2000 das Himmler-Projekt gedreht habe, hat sie mich gefragt, ob sie das nicht im Kunstkontext zeigen könne. Damals war sie am Kunstverein Münster. Sie war eigentlich die Erste, die gesagt hat, dass man meine Filme auch außerhalb des Kinos zeigen könne. Das hat sie später auch noch mal am Lenbachhaus gemacht.

Waren Sie denn überrascht, als Susanne Gaensheimer Sie jetzt dazu einlud, im Deutschen Pavillon in Venedig auszustellen?

Überrascht war ich insofern nicht, als es im Vorfeld schon Gespräche gab. Zwar ging es da nicht direkt um den Pavillon in Venedig. Aber durch sie konnte ich mich schon mal damit beschäftigen, was es bedeutet, im Kunstkontext auszustellen. Der Münchner Maler Florian Süssmayr ist einer meiner längsten Jugendfreunde. Er hatte vor ein paar Jahren, als Chris Dercon noch Direktor war, seine erste Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Auch Dercon wolle schon mal etwas mit meinen Filmen im Haus der Kunst machen. Ich wusste auch, dass bereits Filmemacher wie Apichatpong Weerasethakul im Haus der Kunst gezeigt haben. Dass es diese Zwischenbeziehung zwischen Film- und Kunstwelt gibt, war mir also bekannt. Aber natürlich hat es noch mal eine ganz andere Bedeutung, wenn man hier in diesem Pavillon ausstellt.

Wie intensiv haben Sie die Kunstwelt bislang verfolgt?

Als ich meinen ersten Spielfilm 1995 bei den Filmfestspielen in Venedig zeigte, war damals gleichzeitig die Kunst-Biennale. Ich habe damals Filme von Abbas Kirostami und Atom Egoyan in der Ausstellung gesehen und auch etwas von Chantal Ackerman. Ich habe mich gefragt, warum sind diese Filmemacher auf einer Kunst-Biennale? Und wie machen die das? Seitdem beschäftigt mich die Frage, wie man Filme im Kunstkontext zeigen kann. Auch unabhängig davon gehe ich zur documenta und besuche Ausstellungen. Das sehe ich als Teil meines Berufslebens.

Was werden Sie denn im deutschen Pavillon zeigen?

Ich fange mit dem Raum an. Man muss vermeiden, einen schlechten Kinoraum im Pavillon zu bauen. Ich möchte die originäre Sprache des Pavillons erhalten und das auch dadurch erreichen, dass ich den Raum so hell wie möglich halten will. Das schafft wiederum unglaubliche Probleme, wenn man dort Filme zeigen möchte. Das Zweite ist, dass ich gleich drei Tonfilme zeigen möchte, und zugleich möchte ich den Ton dieser Filme so präsentieren, dass ich komplett auf schalltrennende Konstruktionen verzichten kann.

Im Raum selbst arbeite ich mit drei Elementen. Zunächst zeige ich den Film "Hamburger Lektionen", den ich 2005 gedreht habe. Dafür habe ich die Hasspredigten des Hamburger Immans Mohammed Fazazi, der die Attentäter vom 11. September kannte, ins Deutsche übersetzen und von einem Schauspieler vortragen lassen. Das war ein Wunsch von Susanne Gaensheimer. Doch mir war schnell klar, dass ich nicht nur einen Film von 2006 zeigen will. Deshalb habe ich ihr einen Film vorgeschlagen, den ich bis dahin nur in der Rohschnittfassung hatte. Er heißt "8. Mai" und besteht aus Material, das ich 2005 gedreht hatte, bei einer Kundgebung der NPD auf dem Alexanderplatz zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Das war ein ziemlich großes Ding, so eine Art europäisches Neonazi-Treffen. Erst jetzt habe ich einen Film daraus gemacht. Das dritte Element sind Filme, die ich 2012 gedreht habe. Einen im Berliner Zoo und einen in Sommerville bei Cambridge, Massachussetts – der Stadt, in der ich derzeit wohne. Für mich wird spannend, wie und welche Filme zusammen passen mit welcher Bild- und Tonstrategie man sie im Raum erfahrbar machen kann.

Was erwarten Sie von den Besuchern? Ist es okay, wenn die sich nur Bruchstücke eines Films wie "Hamburger Lektionen" anschauen, der eigentlich über zwei Stunden läuft?

Darüber macht man sich natürlich Gedanken. Mir ist bekannt, dass aixh ein durchschnittlicher Besucher höchstens zwei Minuten mit einem Werk aufhält. Mir ist auch bewusst, dass die Leute sich ein Ticket kaufen und an einem Tag die ganzen Giardini und das Arsenale ablaufen. Da kann man sich natürlich runterrechnen, wie die Wahrnehmung sein wird. Ich reagiere darauf, indem ich Filme mit unterschiedlichen Längen zeige. Die “Hamburger Lektionen” haben eine Länge von 140 Minuten, "8. Mai" wird 40 bis 45 Minuten und Sommerville 4 bis 5 Minuten lang. Im besten Fall funktionert es dann, dass, auch wenn man sich nur partiell in das eine oder andere einklinkt, sich dennoch ein eigenes Narrativ erschließt.

Wie funktioniert das Zusammenspiel mit den anderen Künstlern im Pavillon?

Das sind mehrere Ebenen, an die man sich herantasten muss. Für mich war vor allem wichtig, ob die anderen Künstler auch mit Ton arbeiten. Denn in dem Moment, wo alle vier Tonquellen benutzen, würden Sie sterben, wenn sie den Pavillon betreten. Doch eigentlich war früh klar, dass außer mir kein anderer mit Ton arbeiten würde. Erst vor ein paar Tagen hat sich Dayanita Singh aber entschieden, doch etwas mit Ton zu machen: mit sehr hochfrequentiger indischer Musik, die den ganzen Pavillon bestimmen würde. Das ist schon ein bisschen kritisch, weil ich mir seit mehr als einem Jahr mein Tonkonzept überlegt und bewusst keinen Film ausgewählt habe, in dem Heavy Metal-Musik gespielt wird. Damit hätte ich den ganzen Pavillon zerstört. Insofern arbeitet man eigentlich die ganze Zeit zusammen, auch wenn man nicht miteinander redet. Dasselbe gilt übrigens auch für die Ai Weiwei-Skulptur. Als ich letzten August hier war, um den Raum zu besichtigen, war schon klar, dass er eine Skulptur sein wird, doch damals war sie noch viel schmaler und enger. Das hat er verworfen und etwas völlig anderes gemacht. Als ich ein Foto davon sah, habe ich gesagt, bei diesen Stuhlverwirbelungen wird man meinen Eingang gar nicht mehr sehen. Jetzt zeigt sich, dass eigentlich alle anderen Zimmer zugebaut sind. Damit muss ich mich nun beschäftigen. Ich weiß nicht, ob er sich auch damit auseinandersetzt, was das für meine Arbeit bedeutet.

Wie werden Sie Ihre Filme präsentieren, als Projektion?

Das geht nicht, weil ich mich ja entschlossen habe, den Raum hell zu lassen. Auch wären sonst alle drei Räume rings um Ai Weiweis Arbeit dunkel. Das fände ich keine gute Aussage. Ich werde die Filme also auf Monitoren zeigen. Da experimentiere ich im Moment noch. Es gibt zwar mittlerweile sehr gute, lichtstarke LED-Outdoor-Monitore, aber ein vier Meter breites Gerät würde schon allein 150000 Euro Miete kosten. Das sprengt unser Budget.

Sie beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit bestimmten Themenkomplexen: Nazivergangenheit, deutsche Geschichte, Extremismus, Fundamentalismus. Sie machen aber auch Filme über die Love Parade und deutsche Clubkultur. Gibt es da eine inhaltliche Verbindung?

Eigentlich brauche ich solche Bezüge zum Erstellen dieser Filme nicht, aber ich verstehe, dass man danach fragt. Ich tue mich aber selbst schwer damit, das zu verbinden, zu klammern. Was man vielleicht sagen kann, ist, dass ich mich immer mit den Dingen beschäftige, die in der Gesellschaft stattfinden, in der ich lebe. Und Vergangenheitspolitik war bis zur Wiedervereinigung das beherrschende Thema deutscher Innenpolitik. Clubkultur und überhaupt elektronische Musik ist eines der wenigen positiv besetzten Kulturgüter aus Deutschland, das weltweit Euphorie entfacht. Wenn man aber mal guckt, wie viele Filme es dazu eigentlich gibt… Könnte zum Beispiel das Goethe-Institut in Montreal oder Boston eine Filmreihe zu dem Thema bestreiten? Die Antwort ist: nein. Dabei haben wir so viele spannende Leute hervorgebracht, beginnend mit Kraftwerk.

Dabei entwickeln Sie manchmal fast hellseherische Fähigkeiten, etwa wenn Sie sich bereits 2005 intensiv mit islamischen Fundamentalismus beschäftigen, ein Thema, dass heute aktueller denn je ist.

Im konkreten Fall von "Hamburger Lektionen" war es so, dass im Juli 2005 die Anschläge in London waren, da gab es einen Artikel in der FAS über diesen Imman Fasasi aus Hamburg, von dem ich noch nie gehört habe. Das fand ich interessant. Es waren auch einige Passagen von ihm abgedruckt von Lektionen, die er im Januar 2000 gegeben hatte. Mich hat gewundert, dass der so etwas ungestraft sagen konnte. Außerdem hieß es, dass er auch mit den Anschlägen in Casablanca in Verbindung stand und nun im Gefängnis sei. Auf meiner Seite war es erstmal pure Neugier. Ich habe den Journalisten Dirk Labs angerufen, und er zeigte mir Videobänder, die damals in der Moschee gedreht worden waren. Dann habe ich mich entschieden, dass wortgenau übersetzen zu lassen und mache also diesen Film. Als ich den dann 2006 zeige, auf dem Höhepunkt des Karikaturenstreits, und auch jetzt, nochmal sieben Jahre später, hat das Thema Salafismus für uns eine ganz neue Bedeutung bekommen. Von der Fußgängerzone in Deutschland bis zu den arabischen Revolutionen in den nordafrikanischen Ländern.

Die Künstlerauswahl im deutschen Pavillon hat schon im Vorfeld für Diskussionen gesorgt, weil kein Künstler mit deutschen Pass dabei ist. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, sind aber das Kind einer Französin und eines Iraners. Ihr Ziehvater, von dem Sie den Namen angenommen haben, war Inder, außerdem haben sie mit ihrer Mutter eine Weile in Griechenland gelebt, Ihren Militärdienst haben Sie in Frankreich abgeleistet, jetzt leben Sie gerade in Harward. Wo fühlen Sie sich zuhause?

Von meinen 48 Jahren habe ich 45 Jahre in Deutschland gelebt. Ich bin dort zur Schule gegangen und habe auch meine Filme dort gemacht. Ich habe aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Grund dafür ist, dass man damals nicht so einfach Deutscher werden konnte. Das hat ja erst die Regierung Schröder/Fischer Ende der neunziger Jahre geändert. Deshalb ist es schon komisch zu lesen, dass ich kein deutscher Künstler sei. Wo ich mich zuhause fühle, ist relativ leicht zu beantworten: in meinen Filmen. Meine Filme sind meine Heimat. Wenn ich gefragt werde, sage ich immer, dass ich französischer Staatsbürger bin. Doch in Frankreich habe ich nie gelebt, ich spreche französisch, aber nicht so gut wie deutsch. Man muss sich mal die Artikel angucken, die das kritisch sehen. Da gab es zum Beispiel einen in der TAZ mit der Überschrift "Hippe Gastarbeiter", in dem gefragt wurde, ob es denn wirklich keine deutschstämmigen Künstler gäbe. Ich möchte dem Autor zugute halten, dass er gar nicht weiß, wie sehr er damit dem völkischen Denken entspricht – einem Denken das in Deutschland, und nur in Deutschland, als Gegenmodell zum französischen Kosmopolismus entstanden ist. Wenn so etwas dann ausgerechnet beim Thema deutsch-französischen Pavillontausch hochkommt, ist das schon sehr interessant.


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Das art-Sonderheft zur Biennale kommt am 14. Juni in den Handel und ist ab sofort hier vorbestellbar.

55th International Art Exhibition

Termin 1. Juni bis 24. November 2013 in Venedig
http://www.labiennale.org