Fresh Paint - Tel Aviv

Zu viel Pioniergeist?

Die vierte Ausgabe der israelischen Kunstmesse "Fresh Paint" unterscheidet sich deutlich von globalen Multi-Kulti-Messen. Statt kulturellem Mix setzen die Israelis auf einheimische Galerien und Projekte – und das nicht ohne Erfolg, aber auch nicht ganz freiwilig.
Zu viel Pioniergeist?:Die Kunstmesse "Fresh Paint" in Tel Aviv

Die "Fresh Paint" Kunstmesse 2011 in Tel Aviv läuft noch bis Samstag

"Vielleicht gibt es hier etwas zu viel Pioniergeist," urteilt Tamar Margalit, Mitarbeiterin vom Sommer Contemporary, über die nunmehr vierte Ausgabe der Kunstmesse "Fresh Paint" in Tel Aviv. Sie meint allerdings nicht die allgemeine Aufbruchsstimmung in der israelischen Kunstszene, sondern vielmehr das aktuelle Messegelände im Süden der Stadt.

Tatsächlich unterscheidet sich das leicht heruntergekommene Firmenareal erheblich von allen Kunstmessen der Welt mit seinen Werktor und zahlreichen Großgaragen, in denen sich fast 30 einheimische Galerien und einige Spezialprojekte eingerichtet haben. Hin und wieder flattern ein paar Tauben durch die Räume. Der Charme des Aufbruchs hat auch damit zu tun, dass sich die 2008 gegründete "Fresh Paint" jedes Jahr eine neue Unterkunft suchen muss. Das Publikum nimmt das Abenteuer gerne an, so haben sich die Besucherzahlen von 14 000 am Anfang bis auf aktuell 36 000 gesteigert. Mit israelischen Kunsthändlern, vorwiegend israelischen Künstlern und Sammlern bleibt man hier weitgehend unter sich – aber das auf hohem Niveau. "Wir sind ein kleines Land, haben aber sehr große Talente. Sammler fangen immer mit lokalen Erwerbungen an, aber die Sprache unserer Künstler ist eine internationale", erklärt Yifat Gurion, künstlerische Leiterin der Messe, die diese zusammen mit Sharon Tillinger Shafir gegründet hat.

Mit "Fresh Paint" wollen sie eine "neue Generation von Kunstkonsumenten ausbilden. Wir haben auf eine Interessenlage von Angebot und Nachfrage reagiert und damit die Künstler zu ihrem Publikum gebracht und umgekehrt." Der erzieherische Aspekt der jungen Kunstmesse ist unübersehbar, hier werden keine großen Deals abgewickelt, ein Stand kostet zwischen umgerechnet 4000 und 5000 Euro. Dafür gibt es eine ambitionierte Leistungsschau junger, noch nicht etablierter Kunst unter dem Titel "Independent Artists Greenhaus", die ein wenig an den Diplomrundgang einer Kunstakademie erinnert, aber durchaus Entdeckungen zulässt – wie etwa Fotos von verformten Scheunen und Häusern, die Ofra Lapid in Serie herstellt und die schon vor der offiziellen Eröffnung eine Menge roter Verkaufspunkte aufwiesen. Kurator Matan Daube rechnet damit, dass gut ein Drittel der hier ausgestellten Werke von der Wand weg verkauft wird, wobei es den Newcomern wohl weniger ums Geld, sondern mehr um die Anerkennung geht: "Viele arbeiten noch bei ihren Eltern zu Hause, wie etwa die aus Südafrika eingewanderte Fotokünstlerin Yael Bronner, die die heimischen Nippes opulent in Szene setzt."

Der gewünschte "Treibhauseffekt" soll – zumindest einmal im Jahr – Schwellenängste zwischen arriviertem Kunstbetrieb und dem "Junggemüse" des Greenhouse abzubauen. Das scheint, von außen betrachtet, in Israel zumindest nicht am gewohnt elitärem Kunstweltgehabe zu scheitern – jeder scheint mit jedem befreundet zu sein, ständig wird man auf die Erfolge oder Qualitäten der Nachbarn hingewiesen. Was anderswo vielleicht gerade noch so als Vetternwirtschaft durchgehen würde, kommt in dem Land mit 7,6 Millionen Einwohnern als ungefilterte Herzlichkeit an. Der größte gemeinsame Feind des Eröffnungsabends ist der Regen, ein Besucher ruft euphorisch. "We have already conquered Israel, now we need to spread the word." Doch bislang, so Yivat Gurion, habe man noch keine internationalen Galerien für die Messe gewinnen können, der Markt sei wohl zu klein und zu sehr auf Israel konzentriert. Doch das heißt nicht, dass es keinerlei Interaktionen gäbe. So führte die Bielefelder Kunstvermittlerin Friederike Schir eine kuratorische Begegnung zwischen Karen Irmer aus Berlin und Uriel Miron aus Tel Aviv herbei. Mit einem Gesprächsauftritt der Preview-Macher Kristian Jarmuschek, Rüdiger Lange und Ralf Schmitt wurde die Berliner Achse einmal mehr bedient und auf künftigen Austausch gesetzt.

Wahrscheinlich ist es aber wirklich so, dass der internationale Markt und das Kuratorenwesen von einem Blick nach Israel mehr gewinnen als umgekehrt. Es sind vielleicht eher Sammler und Experten, die diesen Fundus nutzen können und weniger internationale Galerien, die ihre Waren hier einem überschaubaren, lokal orientierten Publikum anbieten würden. Wer dieses Spektrum wünscht, ist in Basel, Miami, Berlin und London immer noch besser aufgehoben – das hat sich übrigens über Jahre hinweg auch an Kunstmessen mit ähnlichem Binnenfokus wie Moskau oder Peking gezeigt, wo Überregionales einen schweren Stand hat. Viele der einheimischen Galerien wie etwa "Sommer Contemporary Art" oder "N & N Aman" sind schon am dritten Tag mit den Verkäufen recht zufrieden, die Resonanz sei mit jedem Jahr größer geworden. Irit Sommer bringt dieses Jahr mit Yael Bartana eine ihrer Künstlerinnen in Venedig an den Start: Sie wird den polnischen Pavillon bespielen. Auf der Fresh Paint päsentierte sich Sommer unter anderem mit Werken von Yehudit Sasportas, Adi Nes und Michal Helfman. Galeristin Nelly Aman machte sich für den kritischen Dokumentaristen Oded Balilty stark, und Kollegin Noemi Givon freut sich ihrerseits auf den baldigen Biennale Auftritt von Sigalit Landau, die sie vertritt. Auf den Objektschildern von Givons Messestand lassen sich nur die Preise entziffern, sie reichen bis maximal 40 000 Schekel (etwa 8 000 Euro) – der Rest ist auf Hebräisch und lässt zugereiste Besucher rätseln.

Mit arrivierten Positionen wie Landau, Balilty oder Adi Nes zeigt sich, dass der Krisenherd Nahost als Thema für die hiesigen Künstler nichts an Interesse eingebüßt hat. Politische Motive haben nach wie vor Konjunktur, werden mit Autowracks und Stacheldraht jedoch manchmal recht plakativ behandelt. Am eindringlichsten gelang die Präsentation von Studenten und Absolventen der Kunsthochschule von Sderot. Die Stadt ist nahe am Gazastreifen gelegen, und Granaten gehören dort zum Alltag. Unter dem Titel "Southern Exposure" zeigen die Jungkünstler aus Sderot, dass sich Bedrohung formsicher in Kunstwerken niederschlagen kann: Videokünstler Barak Daly lässt auf weiche Tonobjekte schießen, das Klatschen von Ohrfeigen mischt sich mit den Geräuschen von Tonverarbeitung. Metaphern der fragilen Existenz liegen in Sderot buchstäblich auf der Straße, wie etwa Galit Massas' totes Pferd aus jener Blasenfolie, mit der normalerweise Gemälde verpackt werden. Die Messe in Tel Aviv verkraftet solche Irritationen, denn jeder feiert aus Kräften, und jeder weiß, dass sich die Situation wie jüngst bei dem Anschlag in Jerusalem in Sekunden ändern kann.

Fresh Paint

Termin: bis 9. April 2011
http://www.freshpaint.co.il/en/
info@freshpaint.co.il