Albertinum - Dresden

Dresdner Albertinum wiedereröffnet

Dresden hat einen neuen Kunsttempel – nach sechs Jahren Sanierung und Umbau wurde das Albertinum als Haus der Moderne mit Jeff Wall und Gerhard Richter wiedereröffnet. Ein kritischer erster Besuch.
Dresdner Albertinum wiedereröffnet:Albertinum als neues Haus der Moderne

Der Lichthof des Albertinums, im Vordergrund Stella Hamberg: "Berseker 1 – 3", 2007/08

Endlich ist Dresden in der Moderne und sogar in der Gegenwart angekommen, Verspätungen von ein paar Dekaden und lange kritisierte Defizite sind vergessen. Viel Prominenz aus Kunst und Politik feierte am Samstag im grandios umgebauten Dresdner Albertinum mit Hunderten von Gästen die lang ersehnte Eröffnung des Hauses. Es herrschte einhellig Begeisterung darüber, dass nun, neben Barock und Renaissance, auch die jüngere Kunstgeschichte würdig bedient wird – angefangen bei Caspar David Friedrich und seinem Romantikerkreis, über Max Klinger, Auguste Rodin und andere illustre Wegbereiter der Moderne bis hin zur Gegenwartskunst mit Jeff Wall, Gerhard Richter und den jüngeren sächsischen Malercliquen um Neo Rauch und Eberhard Havekost.

Zum Festakt versammelte man sich unter dem schwebenden Gemäldedepot des Architekten Volker Staab. Damit ist ein neues Herzstück für das einstige Zeughaus entstanden, das sogar den meisten Ortskundigen den Atem verschlägt. Anstelle eines ehedem kaum genutzten Innenhofs öffnet sich nun ein weitläufiges Foyer, wo aktuell drei „Berserker“-Skulpturen der jungen Bildhauerin Stella Hamberg die Pförtnerrolle übernehmen und unübersehbare Leuchtschriften stolz auf die diversen Sammlungsgebiete des Hauses verweisen.

Dabei hatte erst eine Naturkatastrophe diesen fulminanten Neustart möglich gemacht. So verwiesen die Redner – Sammlungsdirektoren, Politiker und Stifter – immer wieder auf einen Unglücksfall, der sich zum Glücksfall wendete: Als 2002 die Wasser der Elbe und diverser Gebirgsbäche Dresdens Kunstschätze bedrohte, bekam die Stadt eine bislang unerhörte Weltöffentlichkeit. Mitten in diesem Flut-Albtraum, so berichtet Generaldirektor Martin Roth, erlebte er einen beispiellosen Akt der Solidarität: "Noch heute bekomme ich beim Gedanken daran eine Gänsehaut." Unter der Regie des Kunsthändlers Helge Achenbach wurde eine Benefizauktion mit illustren Künstlern organisiert, die stattliche 3,5 Millionen Euro einbrachte. Mit diesem Startkapital sollten jene Werke gerettet werden, die bislang in unterirdischen Depots – ein unhaltbarer Zustand – gelagert waren. Sichere Lager mussten geschaffen werden, am besten zentral. Danach ging alles ganz schnell. Volker Staabs Entwurf, das neue Depot wie eine Arche über dem Innenhof des Albertinums schweben zu lassen, eröffnete die Chance, das gesamte Haus völlig neu zu konzipieren und umzubauen. Wer weiß, wann und ob das ohne Hochwasser geschehen wäre. Also immer wieder Dank an die Fluten – und kein Wort darüber, wie nötig dieser Schritt auch ohnedies gewesen wäre.

Positionen aus der Nachkriegszeit: brav und antiquiert

Heute erinnert ein gläsernes Depot, in dem berühmte Antiken auf ihren geplanten Umzug in die Sempergalerie warten, an die Flut. Damals drängten sich wie in einer Wunderkammer evakuierte Statuen und Gipsabgüsse in sämtlichen Ausstellungsräumen des Hauses. Diese ungewöhnliche ästhetische Erfahrung von einer höchst unzeitgemäßen Fülle inspirierte wohl auch Moritz Woelk, den Direktor der Skulpturensammlung, einen Großteil seiner sonst unsichtbaren Bestände in weitläufigen Schaulagern öffentlich zu machen. Diese Regale bilden einen der Höhepunkte im neu eingerichteten Haus. Auch die Skulpturenhalle macht viel Freude. Hier schreitet der Besucher durch mehr als 120 Jahre Bildhauerei, findet sich in einem wohldurchdachten Skulpturenwald, der mit Degas und Rodin beginnt und mit Stephan von Huene und Birgit Dieker endet. Auch Festredner Tony Cragg ist mit prominent zwei Werken vertreten. Der neue Düsseldorfer Rektor hielt am Samstag einen gelehrten Vortrag, der den Faden des gelungenen Bildhauerei-Parcours elegant aufnahm. Es ist Moritz Woelk hoch anzurechnen, dass er respektvoll und selbstverständlich Zeugnisse der DDR- Kunst, etwa von Hermann Glöckner, Wieland Förster oder Helmut Heinze, einbezog und dabei nur nach Qualität entschied und nicht, ob jedem "Westbesucher" diese Namen auch geläufig sein mögen.

Wunderbar gelungen auch die Gegenüberstellung einer Kunstmarmorserie des Dresdner Bildhauers Peter Makolies mit neuen Materialfaltungen von Olaf Holzapfel. Makolies' farbenfrohe Rundformen entstanden bereits 1978 und führen das ewige Stereotyp von der ostdeutschen Abstraktionsverweigerung genauso ad absurdum wie Hermann
Glöckners wunderbare Geometrien. Leider führt sich diese selbstverständliche Zusammenschau deutschdeutscher Kunstgeschichte in der Gemäldeabteilung nicht so konsequent fort, obwohl der Fundus der Dresdner Galerie Neue Meister auch hier reich bestückt ist. In lediglich zwei kleinen Räumen werden Positionen aus der Nachkriegszeit angeboten, brav in eine abstrakte und eine gegenständliche Sektion unterteilt. Diese Reinszenierung des ewigen (auch ideologischen) Konflikts zwischen Figuration und Abstraktion mutet etwas antiquiert an. Soll sie zeigen, dass sich etwa Max Uhlig oder Eberhard Göschel durchaus neben Armando und K.O. Götz behaupten können oder dass Glöckner und Wilhelm Müller neben Josef Albers und Günther Fruhtrunk bestehen? Dieser Rechtfertigungsgestus schmerzt ein wenig, zumal Dresden (wie auch Leipzig) während der DDR-Jahre, den Repressionen zum Trotz, wichtige und gültige Stimmen hervorgebracht hat. Der Raum für A.R. Penck und seinen Zirkel schafft hier wenig Trost, nicht nur für einheimische Kenner, sondern gewiss auch für Zugereiste, die mehr über die Standortfaktoren der sächsischen Kunststadt erfahren wollen. Die drangvolle Enge dieser Gemächer erklärt sich bald: Den großen sächsischen Kunstexilanten Georg Baselitz und Gerhard Richter wurden weitläufige monografische Präsentationen eingeräumt. Es offensichtlich, dass hier Besuchermagneten geschaffen wurden, die bei besseren Platzverhältnissen auch völlig gerechtfertigt wären. So hinterlassen sie einen etwas bitteren Nachgeschmack. Ein Zugewinn an Ausstellungsgfläche ist hier auch in Zukunft nicht zu erwarten, besonders weil die restlichen Arrangements des 19. und 20. Jahrhunderts mit Wegbereitern der Moderne wie Caspar David Friedrich, Adolph Menzel und Ferdinand von Rayski sowie mit Max Slevogt, Lovis Corinth oder Oskar Kokoschka wie aus einem Guss erscheinen.

Zeitgemäßer Umgang mit Avantgarden

Als Überraschung und als beherzter Schritt in die Gegenwart zeigt sich die Sonderausstellung "Das versprochene Land" im ersten Stock des Albertinums, ohne Raumnot und Berührungsängste. Hier versammeln sich überwiegend Werke all jener Künstler, die im Jahr 2002 Arbeiten für die legendäre Benefizauktion gestiftet hatten. Aus diversen Privatsammlungen und aus dem Fundus des Freundeskreises der Galerie Neue Meister geliehen, begegnen sich Sigmar Polke, Martin Honert, Rosemarie Trockel, John Baldessari, Katharina Sieverding, Eberhard Havekost, Neo Rauch und andere. Ein Gemälde der einstigen Dresden-Absolventin Sophia Schama stiftete den Namen der Schau. Denn diese Ausstellung ist ein "versprochenes Land" in zwiefacher Hinsicht: Dass sich Dresden traditionell mit Gegenwartskunst schwer tut, soll mit diesem Kunstkaleidoskop zu den Akten gelegt werden und ebenso, dass es für
Zeitgenössisches bislang wenig Raum im Albertinum gab. Wenn das Ganze auch noch ein wenig improvisiert wirkt: Hier hat das Haus räumliche Tatsachen geschaffen, die von Politik und Geldgebern nicht so leicht wieder vom Tisch zu wischen sind. Zusätzlich wird die aktuelle Kunst im benachbarten Lispiusbau gefeiert, wo Jeff Wall eine Soloschau erhielt. Ulrich Bischoff, Direktor der Gemäldegalerie Neue Meister, begründete seine Einladung an den Kanadier folgendermaßen: Es sei Walls "Verständnis des modernen Lebens, das wir hier in Dresden haben wollen". Tatsächlich verbindet der Fotokünstler in seinen Inszenierungen und Montagen immer wieder Tradition mit Gegenwart; Sehnsuchtsmomente der Kunstgeschichte mit kritischer Realität.

Als Schlüsselbild für die Wiedereröffnung des Albertinums wird Jeff Walls Bild "Restoration" (1993) gehandelt, das die fiktive Restaurierung eines Historienpanoramas in der Schweiz zeigt und an die Verantwortung von musealen Einrichtungen erinnert. Der zeitgemäße Umgang mit Avantgarden wird auch durch das Leuchtbild "Morning Cleaning" (1999) illustriert. Es zeigt einen Raumpfleger im menschenleeren Mies van der Rohe-Pavillon in Barcelona. Das gläserne Schiebefenster steht weit offen, der Wischlappen liegt auf den berühmten Bodenplatten. Hier springt der Funke des Verständnisses dann endgültig über: Moderne und Tagesgeschehen, klassische Avantgarden und postmodernes Kunstverständnis werden nicht allein durch eine Großreinigung miteinander in Einklang gebracht, sondern durch ständige Pflege von Details und Durchlüftungen.

"Jeff Wall. Transit"

Termin: bis 19. September, Albertinum Dresden
http://www.skdmuseum.de/de/museen-institutionen/albertinum/index.html