Diego Stocco - Klangkunst

Der Klang der Bäume

Er verbrennt Klaviere, wühlt im Sand und baut Schreibmaschinen zu Instrumenten um. art sprach mit dem italienischen Klangkünstler Diego Stocco, 33, über selbstgebaute Maschinen und vibrierende Bäume.
Der Klang der Bäume:Interview mit Klangkünstler Diego Stocco

Diego Stocco bei der Aufnahme von "Music from a tree"

Herr Stocco, in ihrer aktuellen Arbeit "Music from a tree" machen sie einen Baum zum Musikinstrument. Wie kommen Ihnen die Ideen zu solch außergewöhnlichen Projekten?

Diego Stocco: Der Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die Annahme, dass es Klänge in Gegenständen gibt. In meinen Experimenten bemühe ich mich, diese Klänge aus den Objekten herauszuholen, sie auf ihre Brauchbarkeit zu überprüfen und sinnvoll anzuordnen. Dabei bemühe ich mich um einen Zugang zu ganz alltäglichen Gegenständen aus einer anderen Perspektive: Niemand denkt, wenn er einen Baum sieht, intuitiv an ein Musikstück. Auch ich kann vorher nie wissen, was für Klänge sich in bestimmten Objekten verbergen – das macht die Arbeit für mich so spannend. Man könnte sagen: Es geht zuerst um die Entdeckung der Klänge, danach um ihre Anordnung zu einem Musikstück.

Glauben Sie, dass es Klänge in allen Gegenständen gibt?

Ja, allerdings kann ich mir nicht alle nutzbar machen. Jedes Material kann vibrieren und diese Vibration ist ein Klang, eine Frequenz. Bei manchen herkömmlichen Instrumenten ist das sehr offensichtlich, man braucht sich nur den Klangkörper einer Gitarre anzuschauen. Bei einem Baum oder Sand ist es weit weniger offensichtlich, aber trotzdem stecken auch in ihnen Vibrationen und Klänge.

Ihre Arbeiten erinnern an Projekte von John Cage und der Fluxus-Bewegung. Würden Sie sagen, dass Sie davon beeinflusst sind?

John Cage ist definitiv ein Meister, wenn es um klangliche Innovationen und das Experimentieren mit Musik geht. Ich schätze ihn und auch die Arbeit einiger anderer Künstler aus der Bewegung. Ich sehe allerdings keinen direkten, geradlinigen Einfluss auf mich. Was ich selbstverständlich mit ihm teile, ist die Neugierde und der Geist, etwas Neues auszuprobieren, und dabei etwas zu schaffen, was es noch nicht gibt. In dieser Hinsicht hat er mich sicherlich beeinflusst und ermutigt.

Sie produzieren außergewöhnliche Klänge und dokumentieren sie mit Videos. Würden Sie sich eher als Künstler oder als Musiker definieren – und gibt es dazwischen überhaupt eine Grenze?

Ich glaube die Grenzen zwischen diesen beiden Kategorien verschwimmen heutzutage. In der Vergangenheit war ein Musiker ein Mensch, der vor Publikum mit einem Instrument oder seiner Stimme aufgetreten ist. Ein Künstler hat Gemälde oder Skulpturen hergestellt. Heute ist das anders: Künstler greifen auf auditive, Musiker auf visuelle Effekte zurück. Außerdem haben sich dank moderner Technologien neue Bereiche geöffnet. Manche Menschen produzieren Musik durch Anordnung von elektronischen Klängen an einem Computer - ob es sich dabei nun um Kunst oder um Musik handelt, ist schwer zu sagen, aber für mich letzten Endes auch nicht wichtig. Ich wurde schon als Musiker, als Künstler, als Sound-Künstler und sogar als Öko-Künstler bezeichnet. Mir geht es aber überwiegend um die Kreativität – man kann mich also gerne einen "creative guy" nennen.

Folgen Sie in Ihrer kreativen Arbeit einer bestimmten Philosophie?

Meine Philosophie ist es, Klänge hervorzubringen, die noch nicht existieren. Früher habe ich viele physikalische Bücher über Klänge und ihre Entstehung gelesen, auch über Klangübertragung in statischen Objekten. Das war für mich neu und ungeheuer spannend. Vorher habe ich ausschließlich mit herkömmlichen Instrumenten wie einem Klavier oder einer Gitarre musiziert. Als ich einmal erkannt hatte, dass es mehr gibt als das, begann ich mich zu fragen, wie ich diese Klänge wohl aus den Gegenständen herausholen könnte. Dabei nutze ich Computer, Mikrophone und eine Vielzahl anderer technischer Geräte, ohne die meine Arbeit unmöglich wäre. Der Gebrauch von modernen Technologien ist auch ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit.

Neben Ihrer experimentellen Klanggewinnung arbeiten Sie auch für die Industrie, zum Beispiel haben Sie an den Trailern für die Spielfilme "Resident Evil" und "Transformers" mitgewirkt. Wie passt das zusammen?

Diese beiden Bereiche harmonieren sehr gut, denn es gibt in der Industrie ein starkes Bedürfnis nach neuen Klängen. Die Möglichkeit, diese zu entwickeln, bekomme ich durch meine Experimente. Bei der Arbeit an Produktionen für Computerspiele oder Filme kann ich die Ergebnisse meiner Klangexperimente oft mit einfließen lassen oder zumindest auf meine Erfahrungen in diesem Bereich zurückgreifen. Die Arbeit an industriellen Produktionen stellt mich immer wieder vor Herausforderungen, zu deren Lösung Innovationen gefordert sind.

Sie haben in der Vergangenheit schon neue Instrumente entwickelt und arbeiten auch jetzt an neuen. Tun Sie das, weil Sie von der klassischen Auswahl an Instrumenten gelangweilt sind? Suchen Sie nach neuen Wegen, sich auszudrücken?

Klassische Instrumente liegen mir sehr am Herzen. Ein Klavier zum Beispiel ist eine so präzise und perfekte Maschine, ich liebe seinen Klang. Aber für mich ist es auch sehr wichtig, neue Instrumente zu bauen, um neue Klänge zu erzeugen. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist diese Motivation eigentlich nichts Neues: Auch die Instrumente aus einem Orchester wurden ursprünglich von Menschen entwickelt, die nach neuen Klängen gesucht haben. Diese Instrumente sind dann lange verfeinert und perfektioniert worden und werden es heute noch. Meine Entwürfe sind keine perfekt abgestimmten Maschinen und können manchmal nicht mehr als fünf verschiedene Töne erzeugen. Aber wenn mir diese Töne gefallen und sie unverwechselbar sind, dann hat sich die ganze Konstruktion gelohnt. Vielleicht steckt ein klein wenig Langeweile in meiner Motivation, aber es geht mir vor allem darum, all die Technologie von heute sinnvoll zu nutzen.

Können Sie uns etwas über Ihre Pläne für die Zukunft sagen?

Ich arbeite derzeit an verschiedenen Projekten, allerdings verrate ich ungern zuviel über Ideen, die noch in der Entstehung sind. Sehr gerne würde ich zukünftig die Komplexität und Ausdehnung meiner Experimente erhöhen, obwohl für mich auch Experimente in einem kleinen Rahmen interessant sind. Ich verfolge keinen Masterplan, der mir vorschreibt zu welchem Zeitpunkt ich bestimmte Dinge getan haben möchte. Ich folge ganz einfach dem Fluss meiner Ideen. Die Idee zu "Music from a tree" kam mir erst ein paar Tage bevor ich das Viedo dann drehte. Nicht jedes meiner Experimente bringt ein gutes Resultat, ich versuche es einfach immer wieder.

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