William Turner - Margate

Turner und die Elemente

Fast wie der Bug eines weißen Ozeanriesen ragt David Chipperfields Museum aus dem Wasser heraus. Durch gewaltige Fenster geht der Blick aufs Meer. Derselbe Blick, der William Turner faszinierte, und den er immer wieder gemalt hat. Im Morgengrauen und in der Abenddämmerung, bei gleißender Sonne und bei Vollmond, bei ruhiger See und peitschendem Sturm.

Hier, wo heute das Museum steht, stand im frühen 19. Jahrhundert das Haus der Witwe Sophia Booth. Dort stieg der Maler 20 Jahre lang regelmäßig ab, nachdem er in dem kleinen Hafenort an der englischen Südküste kurz zur Schule gegangen war. 18 Jahre lang war die Witwe auch seine Geliebte. Die nach Norden ausgerichtete Küste der Halbinsel Thanet mit ihrem ganz besonderen Licht ließ ihn nicht los – die unendlichen Himmel, ein- und ausfahrende Schiffe, ein Vollmond, der Wolken, Wasser und Sand ineinander fließen lässt. Im Vordergrund spielende Kinder geben diesem Ölbild seinen spielerischen Untertitel: "Ich habe mein Boot verloren, Du kriegst Deinen Reifen nicht".

Mehr als 100 Werke malte Turner in Margate, 30 von ihnen sind Ölgemälde. Einige sind in der Schau zu sehen, neben dem schimmernden Vollmond von 1840 auch noch "Margate from the Sea" (um 1835), wo man gerade noch das ins Wasser ragende Pier des Ortes ausmachen kann, und einige Aquarelle wie "Storm on Margate Sands" (um 1835-40) mit einer dunkel-drohenden Wolkenwand. Auf die Frage seines Freundes John Ruskin, wo in Europa der Vielgereiste die schönsten Himmel gesehen habe, kam ohne Zögern die Antwort: "Auf der Halbinsel Thanet".

Doch die von den beiden deutschen Kuratorinnen Inés Richter-Musso und Ortrud Westheider für das Hamburger Bucerius Kunst Forum zusammengestellte Schau hat sich mehr vorgenommen, als nur Turners Begeisterung für Margates Küste darzustellen. "Turner und die Elemente" fragt, wie der Romantiker die vier Elemente auf Leinwand und Aquarellpapier bannte. Also nicht nur Wasser und Luft – Meer und Himmel – sondern auch Erde und Feuer. Bergketten und Felsformationen, Vulkane und Gletscher, und die Gewalt des Feuers, schaffend wie bei seinen Darstellungen einer Bronzegießerei, zerstörerisch wie beim Brand des Londoner Parlaments. Wissenschaftliche Diskussionen der Zeit fließen ein, etwa der Streit zwischen Neptunismus und Plutonismus.

Höhepunkt der Schau ist dann die fünfte Abteilung, "Fusion". In seinen späteren Jahren kombinierte Turner die Elemente zu wirbelnden, dynamischen Kompositionen. Er teilte diese nicht mehr in unterscheidbare Flächen ein, sondern arbeitete vom Zentrum her nach außen. "Snowstorm – Steamboat off a Harbour's Mouth" (1840) zeigt den Turner des Mahlstroms. Er malt Farbstrudel, die die Distanz zwischen Betrachter und Bild gänzlich aufheben, diesen buchstäblich ansaugen. Und auch der Turner der Abstraktion tritt zutage, nicht nur bei Aquarellstudien, wo er Farbwerte ausprobiert, sondern auch auf Ölbildern wie "Stormy Sea with Dolphins" (um 1835-40), wo man nach See und Delphinen vergeblich sucht. Entmaterialisierte Wirklichkeit, Wahrnehmung als ganz subjektive Erfahrung des Betrachters.

Turner and the Elements

bis 13. Mai 2012, Turner Contemporary, Margate
http://www.turnercontemporary.org