Markus Lüpertz im Interview

Letzte Antworten liegen mir fern

"Bramabasierender Böhme" nennen ihn seine Kritiker, "bekennerisches Genie" seine Befürworter. art sprach mit dem umstrittenen Künstler Markus Lüpertz über sein Magazin "Frau und Hund – Zeitschrift für kursives Denken". Zur Zeit sind seine Werke in der Ausstellung "Bozzetti for Hercules" in der Michael Werner Gallery in New York zu sehen.
Kursives Denken:Markus Lüpertz über "Frau und Hund"

Markus Lüpertz, Teltow 2011

art: Herr Professor Lüpertz, Sie sind bekannt als Sammler schöner Autos – was steht ganz oben auf der Wunschliste?

Markus Lüpertz: Im Moment ein großer Morgan, ein Plus 8. Ein Auto, das auch aussieht wie ein Auto. Heute sehen die Autos ja alle aus wie Turnschuhe. Was tragen Sie da eigentlich? Na, endlich mal einer, der keine Turnschuhe trägt.

Als Herausgeber und Chefredakteur veröffentlichen Sie demnächst eine neue Ausgabe der Zeitschrift "Frau und Hund". Warum sollte man sie lesen?

Der ganze Wust heutiger Kunstzeitungen ist voller Tendenzen. Keine Poesie, bestenfalls Kritik, aber meistens eine sehr tendenziöse Kritik, die dem Mainstream folgt. Es wird in diesen Blättern immer nur
zu lesen sein, was bereits feststeht. Man trifft nicht auf Wagnisse und kaum auf Veränderung, nur hier und da Aggressionen: Wenn beispielsweise ein Schreiber seine persönliche Meinung über einen
Maler in die Welt setzt, den er für schlecht hält. Aber das ist keine sinntragende Kritik! Kritik, die diesen Namen verdient, hat mit eingehender Auseinandersetzung zu tun, die aufmerksam hinterfragt und ihren Gegenstand würdigt. Und genau dies vermisse ich heute. Und weil ich nicht mit erhobenem Zeigefinger herumlaufen wollte und schon gar nicht als prophetischer Mahner, habe ich mir dieses Forum ausgedacht – in Form einer Zeitschrift, die eine Atmosphäre schafft, darin man vom zwanghaften Schlechtreden befreit und abseits der pädagogischen Besserwisserei den umfassenden Raum, in dem Kunst entsteht, wahrnimmt und dadurch angeregt als Leser selbst sein Urteil fällt. Von
vornherein war die Zeitschrift als eine Art Brevier gedacht, als kleines Reisebüchlein, das man sich in die Jackentasche steckt und unterwegs hervorzieht, bereichernde Lektüre, die man im Hotel oder
den eigenen vier Wänden nach dem Lesen auf die Nachtkonsole legt. Ein zauberhaftes Sammelobjekt, in der Ästhetik angelehnt an die von mir sehr geschätzten Reclamhefte, die mich ein Lebtag lang begleiten und mir so viel an Genuss und Bildung zugeführt haben. Meine Leidenschaft
für Poesie wollte ich in der neuen Streitschrift Ausdruck geben und interessantere Essays als sonst üblich in Umlauf bringen, die vielleicht das Thema Kunst nur streifen, aber eine Atmosphäre schaffen, die Kunst in sich aufsaugt. Kurzum eine Zeitschrift sollte entstehen, die, wie es im Untertitel heißt, zu kursivem Denken anhält.

"Frau und Hund" als Zeitschriftentitel – klingt das nicht nach "Country Living" und irgendwie seltsam anachronistisch?

Was soll ich darauf antworten. Was will man hören? Soll ich mich als alternder Macho gebärden. Nein, das alles hat man ja versucht, da hineinzulesen und liegt gehörig damit neben der Spur. Leichtsinn, der sich traut, ohne Zögern die Schwelle zum Unsinn zu überschreiten, das trifft die Sache schon eher. Bei der Findung eines Titels für meine Zeitschrift, die sich kursivem Denken verschreibt, galt es, sich Freiräume zu verschaffen, und da war eine unernste Überschrift gefragt. Die Jägerzeitschrift "Wild und Hund" oder die charmante "Bäckerblume" spukten mir dabei im Kopf herum. Aber bitte, ich lasse jede Interpretation des Titels zu.

Was ist kursives Denken?

Schräg. Und das bedeute zunächst eine Absage ans vorschnelle Antworten. Vielmehr gilt es, beherrscht der Frage eine Frage folgen zu lassen. Eine Diskurskunst (Übung, Gesprächskunst), die nicht neu ist. In der jüdischen Tradition ist es seit Jahrtausenden Praxis, eine Frage mit einer Frage zu beantworten. Es wäre sicherlich besser zu sagen, einer Frage mit einer Frage zu entgegnen. Für mich öffnet sich darin ein nicht-amerikanischer Weg. Denn die US-Amerikaner bringen beispielsweise in der bildenden Kunst immer nur Antworten hervor. Das ist mir nie gelungen, ich folge nur einem Duktus, pflege meinen Individualismus, letzte Antworten liegen mir fern. Der Europäer beantwortet Fragen mit Fragen, der Amerikaner liefert Antworten. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen beiden Kulturen, und deswegen wird das auch nie wirklich zusammenfinden. Wenn man sich auf die
amerikanische Kultur einstellt und sich unhinterfragt auf sie einlässt, gibt man sich auf und ist verloren. Der amerikanische Einfluss auf die deutsche und europäische Kultur endete fast immer mit
deren Auflösung und Aufgabe. Das bekommen leider nur die wenigsten im aktuellen Rausch der "Internationalität" mit. Natürlich gibt es sie, die Ausnahmen. Jackson Pollock, Willem de Kooning, Philip Guston und Franz Kline waren großartige Maler der Veränderung. Doch schon die Generation danach – Lichtenstein oder Stella – rutschte ab und wurde kommerziell. Warhol war kein bildender Künstler, sondern ein Designer, der versucht hat, die Malerei abzuschaffen. Seine Siebdruck-Porträts
sind lächerlicher Kitsch – das ist Zeitgeist, den Sammler und Museen hochhalten, um die Preise nicht fallen zu sehen. Doch ich bin sicher, als reine Zeiterscheinung wird dies verblassen und verschwinden.

Das ganze 19. Jahrhundert ist voll von Künstlern, die in ihrer Zeit großartig waren – Hans Makart beispielsweise hat ganze Salons vollgemalt und seine Generation beeinflusst und hat inzwischen den
Platz, den er verdient. Und man denke nur an die Kommoden von damals, die waren voll mit Zeug. Zeug, das dreimal teurer war, als der Courbet, der darüber hing. Und ich mag ja Jungs wie Jeff Koons oder Damien Hirst, aber sie füllen Kommoden. Kitsch! Wunderbarer, großartiger Kitsch. Der gleich hinter der großen Kunst kommt. Diese Leute erfüllen ein ganz bestimmtes Bedürfnis nach Dekor. In einer großen Eingangshalle macht sich so ein Koons-Herz prächtig und es ist ja auch eine enorme handwerkliche Leistung, Edelstahl wie Gummi aussehen zu lassen. Um Ecken zu denken und weit Auseinanderliegendes zu verknüpfen, schafft schräges, kursives Denken sich Bahn, und wer sich auf dessen Spur begibt, kann angeregt, um vieles klüger dabei herausschauen.

Wird es "Frau und Hund" jemals als App geben?

Niemals. Damit will ich nichts zu tun haben. Wenn man früher etwas wissen wollte, forschte man nach und las, damit war man drei, vier und mehr Tage beschäftigt. Heute drückt man auf so ein Ding, und prompt steht dann da eine Antwort. Was fängt man jetzt mit den drei Tagen an? Da wird einem doch langweilig. Und dies darf man nicht vergessen, der mit der schnellen Antwort ist informiert und abgespeist, aber weit entfernt davon, über ein fundiertes Wissen und Verständnis zu
verfügen. Handy-verwöhnt, Computer-verrückt, überall sehe ich Verblödungsmechanismen. Stattdessen einfach mal hinsetzen, nachdenken – ein intensives Gespräch mit Freunden führen, das scheint es nicht mehr zu geben. Short Message Service heißt die Zauberformel, wer nicht permanent simst gehört nicht dazu und das schmerzt offensichtlich die Netzwerkabhängigen sehr. Trifft man sich mit Freunden zum Essen, funken ständig Anrufer und eingehende Nachrichten dazwischen, was jedwede Unterhaltung empfindlich stört. Ich bin nicht bereit, so etwas zu akzeptieren und mag mich mit der Situation nicht abfinden, die eine Hälfte meiner Gäste rauchend vor der Tür zu wissen, während die anderen telefonieren oder sich die Finger wund simsen. Da sitzt man dann alleine und darf anschließend auch noch zahlen! Kurzum ich empfinde die sozialen Netzwerke als asozial und zudem verstehe ich nichts von der Handhabung dieser Dinge. Und wie ich auf die harte Tour gelernt habe, sollte ich von Dingen, die ich nicht verstehe, besser die Finger lassen. Geldgeschäfte, Häuser kaufen – das reine Fiasko. Dazu gesellt sich ein ästhetisches Problem, welches ich mit Computern und ihren Nutzern habe. Diese Gerätschaften machen Menschen klein und kleinlich, gebückt und mit gekrümmtem Rücken haben sie dieses Ding vor der Nase. Keiner geht mehr freien Geistes stolz über die Straße, alle halten ihr Handy ans Ohr und flöten belanglose Nachrichten hinein. Da reihe ich mich nicht ein.

Wer ist derjenige, der da ungebeugt wandelt?

Ich habe den ewigen Traum von einem freien Menschen in einer freien Gesellschaft. Doch ich stelle fest, dass die Demokratie nur als Versorgungsstaat verstanden, und nicht in ihrem eigentlichen Sinne
gelebt wird. Das liegt aber in der Natur der Sache. Wenn ein Großteil der Bevölkerung staatliche Unterstützung erhält, führt das zur Trägheit und weitläufigem Verzicht auf Eigeninitiative. Heute riskiert keiner mehr, zu verarmen oder zu verelenden, was auch zur Freiheit gehört. Und mit der Abschaffung der Religion haben wir auch das Leiden abgeschafft. Durch die angebliche Aufhebung der Unterdrückung wurden nur neue Formen der Unterdrückung geschaffen. Inzwischen bestimmt die
Masse, was der einzelne denkt, und wie er sich zu verhalten hat. Das nenne ich den Terror der sozialen Netzwerke. Die Politiker sind nur die Büttel dieser Masse und erfüllen beflissen deren Wünsche. Das ist das erstaunliche Problem unserer Zeit – wir werden indirekt von einer diffusen, völlig unreflektierten Menge gesteuert. Und leider sind großartige Politiker wie Schröder, Fischer oder Schily, die freiheitliche Ideale wahr- und ernst genommen haben und mit Leben erfüllten, raus aus dem Geschehen. Heute agieren nur noch Politstrategen, die dem Volk aufs Maul schauen und Wunscherfüllung leisten und populäre Entscheidungen treffen, um erneut gewählt zu werden. Wenn man bedenkt, dass 80 Prozent der Wahlbevölkerung nicht über die nötigen intellektuellen Voraussetzungen verfügen, dann gute Nacht Mattes.

Wie kann uns die Kunst von der modernen Misere befreien?

Ich bin Maler und die Malerei ist ein Metier, das die Welt erklärt. Sie verändert unsere Wahrnehmung, öffnet unsere Augen für den Sonnenuntergang, den wir so noch nicht sahen. Das hat die Maler göttergleich gemacht. Gott hat die Welt geschaffen, und die Maler haben sie erklärt. Jetzt haben wir Medien, die das tausendmal schneller bewerkstelligen. Darüber erblindet die Menschheit. Durch den
Sehüberfluss der Medien hören wir auf zu sehen und verlernen das aufmerksame Wahrnehmen. Die angeheizte Geschwindigkeit der Bilder entleert den Sinn unserer Welt. Was heute in der Fotografie passiert, ist die wild gewordene Fototapete. Was will man eigentlich noch mit Bildern, wenn eine 50 Meter große Claudia Schiffer an der Gedächtniskirche hängt? Malerei, hat offensichtlich ihren Beitrag geleistet, und die Leute wollen jetzt nur noch eine kurzfristige und rasche Vermittlung. Aber immer noch versuche ich mit meiner Malerei, dem Verschwinden der wahren Bilder entgegenzutreten und werde darüber wohl zum Don Quijote.

Freundliche Bitte um Nachhilfe – was war doch gleich die Dithyrambe?

Nun, in der antiken Tragödie bezeichnet sie das vom Chor vorgetragene Vorspiel, das Dionysos geweiht war. Nietzsche greift das auf und dichtet seine unvergleichlich schönen Dionysos-Dithyramben – "Nur Narr! Nur Dichter!", "Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt...", "Klage der Ariadne" und andere mehr. Meine Maler-Freunde Koberling und Hödicke stellten vor vielen Jahren Bilder unter dem Titel "Dithyrambische Malerei" aus. Ich fand die Bezeichnung so hinreißend, dass ich sie besetzte und daraus die Dithyrambe entwickelt habe, die bei mir für einen ganz bestimmten Formenablauf steht. Das passte ganz gut in meine expressive Phase. Ich hatte das Glück, mit einer großen Generation von Malern gleichzeitig zu arbeiten. In den sechziger, siebziger Jahren steht die Wiege der großartigsten deutschen Malerei der Neuzeit. Leider gibt es trotz der höchst begabten jungen Maler keinen adäquaten Nachwuchs von dieser vitalen Komplexität, in der wir auftraten, und Malerei als Lebensgefühl vermittelten. Jonathan Meese, Daniel Richter und Neo Rauch sind herausragende Talente. Meese jedoch erfüllt eine Malerei, die es immer schon gegeben hat, wie bei Penck, der das bravouröser gemacht hat. Aber Meese ist ja noch jung, er kann zur Meisterschaft
aufsteigen. Rauch ist ein großartiger Maler, verliert jedoch zu viel Zeit damit, sich immer noch von der DDR-Malerei abzugrenzen. Er hat wunderschöne abstrakte Bilder gemacht und sollte mehr Wert auf die freie Malerei legen, anstatt auf surreale Weise der DDR-Doktrin auszuweichen. Aber es ist müßig, mit ihm darüber zu reden, weil er beides so großartig kann. Doch all das hat nicht die Wucht, die wir damals hatten und noch immer haben. Wenn man heute einen Baselitz sieht – das bleibt eine unerreichte Größe. Oder Kirkeby – keiner malt schönere Bilder als Kirkeby! Keiner ist so teuer wie Gerhard Richter, was auch eine Leistung in der Malerei ist – und keiner ist so verrückt wie ich. Ich glaube, ich bin der letzte Mann mit der Baskenmütze. Das sind Dinge, die kommen heute nicht mehr vor. Heute sind das schnelle, intelligente Jungs, denen es aber am Glauben mangelt und an Idealen
fehlt. Das Künstler-Sein liegt da im Argen.

Braucht die Gesellschaft heute noch Künstler, wo sich die Milieus von Avantgarde und Establishment immer weiter annähern?

Wir haben es heute mit einem wild gewordenen Bürgertum zu tun, das sich avantgardistischer gebärdet als jeder Künstler, auf jedem Empfang tritt ein Transvestit auf, überall wird Koks genommen und auf den Putz gehauen. Und ich stehe plötzlich als der gut angezogene und
disziplinierte Bürger da. Heute sieht doch jeder aus wie ein amerikanischer Schauspieler nach Feierabend. Da wird einem Angst und Bange, und ich muss schon aus Reflex die Gegenposition beziehen. Abgesehen davon sehe ich im Maßhemd einfach besser aus als im T-Shirt. Wichtig daran ist die Fähigkeit aufzufallen. Wenn ich einen Raum betrete, ist er danach nicht mehr der gleiche, da gucken die Leute. Mir ging es auch an der Akademie immer um diese Atmosphäre, dass das Haus vor Kunst dröhnt. Mehr habe ich nie lehren können. Der Künstler ist eine Ausnahme. Er ist ein von Gott gesandter Geselle, um den Menschen die Welt zu erklären. Nur versteht keiner mehr meine Sprache,
die Malerei – ich habe inzwischen das Gefühl, in der Fremde zu leben. Wir haben das schon mal erfahren, beim Jazz – wer hört heute noch Jazz? Darum mache ich Jazz und schreibe Gedichte! Und ich bin ein guter Dichter! Natürlich hing die Malerei in früheren Jahrhunderten auch mit dem Bedürfnis nach Unterhaltung zusammen, weil es andere Medien in der heutigen Form nicht gab. Heute hingegen muss Kunst mit gesellschaftspolitischen Themen konform gehen, wenn sie wahrgenommen werden will, die reine Kunst wird verteufelt. Trifft man heute einen Schauspieler, redet der nicht mehr von großen Rollen, die er spielen will, der redet vom Waldsterben. Keiner redet mehr von der Kunst. Maler unserer Tage wollen der Welt zeigen, wie sie ist – das ist lächerlich. Man kann die Welt nur zeigen, wie sie zu sein hat. Man muss die Welt immer erhöhen, immer Ideale schaffen, immer versuchen, Träume zu entwickeln. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, wenn man
lediglich als Informant auftritt, dann ist man eben Journalist.

Der Ring an ihrem linken Mittelfinger zeigt Mickey Mouse mit Totenschädel – was hat er zu bedeuten?

"Wie es euch gefällt". Der Ring spielt das Spiel der Masken, hintergründiger Humor in vollendeter Leichtigkeit. "As You Like It".

markus-lupertz-geburtstag
Sagen Sie niemals »Malerfürst« zu ihm: Markus Lüpertz, der Dandy unter den »Big Five« der deutschen Kunst, wird 75. Trotzdem denkt der Liebhaber expressiver Großformate noch lange nicht ans aufhören

Markus Lüpertz – Bozzetti for Hercules

bis 13. April,
Michael Werner Gallery,
Upper East Side,
New York

"Das Tagebuch des Herkules" ist gerade als Hardover-Edition erschienen, es wird in den nächsten Monaten auch als Ausgabe von "Frau und Hund" erscheinen.
http://www.michaelwerner.com/exhibition_current_1.htm