Fondazione Prada - Mailand

Knackarsch in Serie

Klassik als die neue Avantgarde – was im Design bereits seit Längerem zur trendigen Gestaltungsidee geformt wird, könnte jetzt auch in der zeitgenössischen Kunst zum heißen Thema werden. In der Modemetropole Mailand zeigt die Fondazione Prada schon mal, wo die Reise hingeht.
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Stilsicher, cool und edel präsentiert, legt Miuccia Prada in ihrem frisch eröffneten Ausstellungshaus – ein von Rem Koolhaas umgebautes Fabrikareal mit Goldfassaden und Travertinböden – eine ungewöhnliche Ausstellung mit klassischen griechischen und römischen Statuen hin.

Betritt man den zentralen Showroom, glaubt man zuerst, doppelt zu sehen. Da kauern gleich mehrere anmutige Venusfiguren in exakt derselben Haltung am Boden, mehrere marmorne Diskuswerfer holen zum Schwung aus, mehrere Satyre mit durchtrainiertem Knackarsch heben kokett den rechten Arm. Die Serialität der Präsentation ist Programm. Kurator Salvatore Settis will uns unter dem Titel "Serial Classic" die Augen öffnen für den Multiple-Charakter antiker Bildhauerkunst. Dass die Büsten griechischer Götter, Kämpfer und Sportler heute noch bewundert werden können, verdanken wir dem Pragmatismus der Römer, die massenhaft Kopien ihrer griechischen Lieblingsfiguren anfertigen ließen. So überlebte der Look berühmter Werke griechischer Meisterbildhauer wie Praxiteles, Phidias oder Polyklet in den Villen römischer Senatoren und wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neu kopiert, während die Originalbronzen längst zerstört und eingeschmolzen waren.

Präzise Auswahl und moderne Präsentation

Die Stärke der Ausstellung liegt in der präzisen Auswahl und modernen Präsentation der antiken Stücke, darunter viele seltene Leihgaben aus Los Angeles, Dresden, Teheran und dem Vatikan. Rem Koolhaas’ Ausstellungsräume mit begehbarer, wie aus dem Boden wachsender Sockellandschaft bilden den perfekten Rahmen für die Klassikschau. Ebenso wie das ganze Architekturensemble, das mit seinen abgezirkelten Wegen, gestutzten Bäumen und dramatischen Fassaden wie die Kulisse eines De-Chirico-Gemäldes wirkt.

Damit man bei so viel klassischer Harmonie nicht wegdämmert, gibt es zum Thema "fragmentierte Körper" auch erste Einblicke in die Prada-Sammlung: Da steht ein ganzer Fuhrpark von Kunstautos in einer gigantischen Fabrikhalle: Walter De Marias mit Eisenstangen malträtierte Chevrolets, Sarah Lucas’ abgefackelte Schrottkarren, Elmgreen & Dragsets geteerter und gefederter Rolls-Royce; ein paar Räume weiter lässt Ed Kienholz Wagner-Musik zum Waschbrett mit Hakenkreuz erklingen – ein schöner Reibungspunkt zur seriellen Edelklassik und ein brillanter Auftakt für das neue Kunstareal in Milano.

Serial Classic

Die Ausstellung ist noch bis zum 24. August 2015 in der Fondazione Prada in Mailand zu sehen
http://www.fondazioneprada.org/visit/visit-milano/
info@fondazioneprada.org

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