Radar - Inke Arns

Inke Arns über Suzanne Treister

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Kritiker und Dozenten nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Inke Arns, Kuratorin, Autorin und künstlerische Leiterin des Hartware MedienKunstVereins in Dortmund, über die englische Künstlerin Suzanne Treister.
Radar: Suzanne Treister:Inke Arns über ihre Lieblingskünstlerin

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Ich habe die filigranen und zugleich höchst obsessiven Zeichnungen von Suzanne Treister 2006 bei einem Besuch im Chelsea Art Space in London eher zufällig entdeckt. Seither verfolgen sie mich geradezu. Das 1995 von der britischen Künstlerin Suzanne Treister ins Leben gerufene Institute of Militronics and Advanced Time Interventionality (IMATI) interessiert sich für die Geschichte der von William Burroughs in "The Electronic Revolution" (1971) beschriebenen subversiven Beeinflussungstechniken, genauer: für die Verbindung von okkulten und militärischen Technologien im 20. und 21. Jahrhundert.

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Die von Treister für das Projekt "HEXEN 2039: New military-occult technologies of psychological warfare" (2006) erfundene zeitreisende Forscherin Rosalind Brodsky deckt in ihren Recherchen zum 20. und 21. Jahrhundert im Jahr 2039 die unwahrscheinlichsten Verbindungen auf; so zum Beispiel die zwischen dem von 1972 bis 1995 betriebenen Remote Viewing Program des Stanford Research Institute und dem Film Stargate, der 1994 von den Metro Goldwyn Mayer (MGM) Studios produziert wurde, zwischen dem britischen Okkultisten Aleister Crowley und Jack Parsons, dem Forscher, der in den Pasadena Rocket Research Labs Raketentreibstoff entwickelte, oder zwischen dem 1992 von Oliver Lowery patentierten Silent Subliminal Presentation System und Techniken psychologischer und subliminaler Kriegsführung, die im Irak, in Abu Ghraib und in Guantanamo eingesetzt wurden.

Bruchstückhafte Beobachtungen werden zu gigantischen Netzen

Mit diesen – eher militärischen Zielen dienenden – Forschungsprojekten bringt Rosalind Brodsky auch eine Vielzahl poetischer Elemente in Verbindung, wie zum Beispiel den Film "The Wizard of Oz", Modest Mussorgskys "Eine Nacht auf dem kahlen Berge" (1867), die Walpurgisnacht, den Brocken im Harz, eine Typologie von Fernseh- und sonstigen Sendetürmen, die Olympischen Spiele in Berlin im Jahr 1936, Walt Disneys Film "Fantasia" von 1940 und die Entwicklung des Soundsystems Fantasound, und, so unwahrscheinlich es klingen mag, Artikellisten des Moondaughter Wicca Shop, eines Geschäfts für "Hexenzubehör und Ritual-Bedarf" in Dortmund.

Diese Liste unterzieht Treister, wie auch eine Auflistung aller Standorte des MI5 und des MI6 von 1924 bis heute, einer gematrischen Analyse und versucht in den so ermittelten numerischen Werten der Wörter verborgene Bedeutungen zu erschließen. Wie in einer klassischen Verschwörungstheorie verkettet und verknüpft das Duo Brodsky/Treister disparate Elemente und bruchstückhafte Beobachtungen zu gigantischen Netzen von Zusammenhängen und hält diese in filigranen Tusche- und Graphitzeichnungen fest. Suzanne Treisters "Hexen 2039" ist eine aus einer zukünftigen Perspektive geschriebene, obsessive und faszinierende, zugleich aber auch höchst realistische (Medien-)Archäologie unserer Gegenwart. Durch die bewusste Vermischung von Fakt und Fiktion erreicht Treister eine Destablisierung des vermeintlich sicher Gewussten und eröffnet damit einen Rück- bzw. Ausblick auf mögliche Zukünfte.