Kunstverein - Hamburg

Erleben, erfahren, erfassen.

Mit Arbeiten der Künstler Daniel Milohnic, Tatiana Trouvé und Kostis Velonis hat der Hamburger Kunstverein nach dreimonatiger Umbaupause wieder seine Pforten geöffnet. Damit gibt dort der neue künstlerische Leiter Florian Waldvogel auch sein Debüt.

Florian Waldvogel hat sich viel vorgenommen für den Hamburger Kunstverein. "Unsere Zielgruppe ist derzeit um die 50 Jahre alt", sagt der Kurator. Dieses Publikum solle natürlich erhalten bleiben, aber "es müssen auch junge Kunstinteressierte hinzukommen".

Im Jahr 2008 gab es nur zirka 1400 zahlende Besucher und obwohl Waldvogel glaubt, dass die Besucherzahlen nichts über die Qualität der Kunst aussagt, ist das für einen Kunstverein dieser Größe ein Desaster. Die Lage zwischen Deichtorhallen und der Galerie der Gegenwart sei auch nicht ideal. "Man muss aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig kannibalisiert.", sagt Waldvogel. "Viele mittlerweile bekannte Künstler haben zuerst im Kunstverein ausgestellt, das zeigt wenigstens, dass wir oft richtig liegen. Ob man mit einer Ausstellung Erfolg hat, sieht man sowieso erst in zehn Jahren", sagt der 39-jährige Waldvogel. Dass seine Auftaktausstellung Erfolg haben könnte, dafür sprach zumindest die Besucherzahl bei der Eröffnung: Es war voll, und dem überwiegend jungen Publikum schien es zu gefallen.

Im Foyer trifft man auf Daniel Milhonic‘ "Sleeping Buddha". Eine überdimensional große, eigens von dem 40-jährigen Künstler für den Kunstverein gebaute, liegende Buddhafigur. Diese ist mit goldener Isolierfolie beklebt, die aus diversen Apotheken Hamburgs stammt. Der Buddha ist genau da platziert worden, wo sich vorher der Informationstresen befand, und nimmt die komplette Wandlänge ein. So sorgt die ausladende Skulptur dafür, dass sich die Wahrnehmung des Raums total verändert und mit starren Gewohnheiten – links Karten, rechts zur Ausstellung – gebrochen wird.

"Ein Jahr zum Schlafen und Nachdenken"

Als religiöse Figur steht der Buddha für die vollkommene Weisheit, wobei der liegende und damit ins Nirvana einziehende Buddha die bedeutendste Form ist. Allzu oft wird er im europäischen Raum zweckentfremdet und als dekoratives Objekt missbraucht. Buddha ist populär, jeder kennt ihn, aber nur wenige sind sich seiner eigentlichen Bedeutung bewusst. In Waldvogels Debütausstellung ist er Projektionsfläche. "Der hat sich jetzt hier für ein Jahr zum Schlafen und Nachdenken hingelegt", sagt Waldvogel mit einem ironischen Lächeln. Auf der Eröffnungsfeier durften die Besucher die Figur anfassen, sich anlehnen, sie erleben. Ein guter Auftakt für eine Ausstellung, die ansonsten weit weniger greifbar ist.

Tatiana Trouvé zeigt in einer Einzelpräsentation überwiegend alte Arbeiten, in denen sie ihre eigenen Erfahrungen mit der Kunstszene verarbeitet. Die in Paris lebende Künstlerin musste einen langen Weg zurücklegen, um endlich den ersehnten Erfolg zu haben. In Frankreich gehört sie mittlerweile zu den Angesagten. Im Hamburger Kunstverein ist sie das erste Mal in Deutschland in einer Einzelausstellung zu sehen und präsentiert das "Bureau of Implicit Activities", an dem sie seit 1997 arbeitet. Die modellartigen Skulpturen von spärlichen Büro- und Warteräumen thematisieren die Wünsche, Träume und Enttäuschungen der Künstlerin. Ihre Werke setzen sich mit der Frage auseinander, wer oder was jemanden zum Künstler macht. Ist es die Gesellschaft, ist es die Qualität der Arbeit oder liegt es doch an der Einstellung zu sich selbst? Trouvé gelingt es, die Emotionen mit dem Publikum zu teilen. Zum Beispiel die Arbeit "Ghost Matrix", deren "Ghosts", wie transparente Reisetaschen aussehende Module, lässt einen spüren, wie es ist, wegkommen zu wollen, aber es nicht zu können, und zeigt, wie man als Künstler an den Behörden, an fehlenden Finanzen, aber auch an sich selbst scheitern kann.

Konstruktivismus und Propaganda

Mit den hauptsächlich aus Holz gefertigten, geometrischen Installationen, bezieht sich Kostis Velonis im Obergeschoss auf die Ursprünge des Konstruktivismus in den zwanziger Jahren und die Künstler wie Kasimir Malewitsch (1878 bis 1935) oder Ljubow Popowa (1889 bis 1924). Velonis Arbeiten sind unter dem Titel "How One Can think Freely in the Shadow of a Temple" zu sehen. Florian Waldvogel ließ alle Trennwände entfernen, so dass ein einzelner großer, sehr beeindruckender Raum entstanden ist. Einen zentralen Punkt findet hier das Werk "How to build Democracy making rhetorical comments", eine turmartige Installation, die Velonis dem Propaganda-Kiosk (1922) von Gustav Klucis nachempfunden hat. Der Turm, der einst als politisches Werkzeug verwendet wurde, darf in Velonis für die verschiedensten Zwecke benutzt werden. Ohne Hintergrundwissen sind Velonis sperrigen Werke allerdings kaum zu verstehen.

Neben den drei temporären Ausstellungen präsentiert der Kunstverein auch eine wechselnde Dauerausstellung, die sich mit der fast 200-jährigen Geschichte, den sozialen Strukturen und den Traditionen des Vereins auseinandersetzt.

Auf die Frage, warum beim Auftakt nicht auch ein Hamburger Künstler gezeigt wird, sagt Waldvogel gelassen: "Ich möchte nicht, dass man denkt, ich wolle mich anbiedern." Der Hamburger Kunstverein sei nicht gleichzeitig auch ein Ausstellungsort für lokale Künstler, gibt er weiterhin zu verstehen, aber "es gibt auf jeden Fall immer wieder eine gewisse Vakanz für Hamburger Künstler", räumt der Kurator ein. Die Abgänger der Hochschulen will Waldvogel wieder mehr an Hamburg binden und davon überzeugen, dass Hamburg ein guter Standort ist. Mit dieser Überzeugungsarbeit kann Florian Waldvogel beginnen, wenn er im April, neben seiner Tätigkeit im Kunstverein, an der Hochschule für Bildende Künste zu unterrichten anfängt.

Der Buddha bleibt dem Kunstverein das ganze Jahr erhalten, und an Stelle von Tatiana Trouvés Arbeiten werden ab dem 4. Juli Stücke von Marcel Tyroller und Fred Sandback zu sehen sein. Zwar gesellen sich im Laufe des Jahres zwei weitere Künstler zu Velonis in die erste Etage, die auf seine Arbeiten reagieren werden. Damit fällt das Jahresprogramm des Kunstvereins insgesamt sehr dünn aus. Das kann auch das gute Rahmenprogramm nicht ausgleichen.

Kunstverein Hamburg

Termine: Kostis Velonis "How One Can think Freely in the Shadow of a Temple" und Tatiana Trouvé "Bureau of Implicit Activities: archives and projects": 28.3. bis 21.6., Daniel Milohnic "Sleeping Buddha": 28.3. bis 31.12.
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