Max Ernst - Une semaine de bonté

Des Menschen Grausamkeit und Dummheit

"Zufälliges Zusammentreffen eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch": Die Wiener Albertina zeigt zum ersten Mal seit 1936 die Originalblätter zu Max Ernsts surrealistischem Collageroman "Une semaine de bonté"
Des Menschen Grausamkeit und Dummheit:Max Ernsts surrealistischer Collageroman

Blatt aus "Une semaine de bonté" – Ein surrealistischer Roman von Max Ernst

Groschenromane in Comicform hat es schon im 19. Jahrhundert gegeben – Geschichten voll Sex and Crime, in mehr oder weniger grobschlächtigen Holzschnitten anschaulich erzählt. Der Kölner Surrealist Max Ernst (1891 bis 1976) hat sie gesammelt, immer auf der Suche nach Rohstoff für seine Arbeit. Als er 1933 nach Italien reiste, hatte er einen ganzen Koffer voll Material mitgenommen. In Mailand kaufte er auch noch einen Band des französischen Grafikers Gustave Doré (1832 bis 1883), dessen mysteriöse Fabelwesen und Monster Ernsts Fantasiewelt nahe standen.

Dies alles bildete den Grundstock zu Ernsts größtem Collagewerk "Une semaine de bonté" (Eine Woche der Güte). Mit scharfer Schere und Klebstoff fertigte er den surrealistischen Bilderroman, der nur eines zum Inhalt hatte: "Des Menschen Bosheit, Grausamkeit und unerschöpfliche Dummheit" – so jedenfalls Ernst-Biograf John Russell.

Durch den künstlerischen Eingriff von Max Ernst entstanden auf diese Blättern bizarre, schockierende, in jedem Falle absonderliche Begegnungen getreu dem vom surrealistischen Dichter Lautréamont (auch Comte de Lautréamont, Pseudonym für Isidore Lucien Ducasse) formulierten Begriff von Schönheit: das "zufällige Zusammentreffen eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch". Da schauen bestrumpfte Beine einer Cancan-Tänzerin aus einem schäumenden Wasserwirbel mitten in Paris, ein Wesen, halb Vogel, halb Mann, geleitet eine vornehme Dame in einen noblen Salon, ein finsterer Drache bedroht eine schluchzende Frau, vogelköpfige Männer bevölkern die Szenerie, das apulische Castel Del Monte dient als Fessel für einen Riesen.

Diese Original-Collagen wurden nur ein einziges Mal, 1936 im Museo Nacional de Arte Moderna in Madrid, öffentlich gezeigt. Dank einer Leihgabe der Isidore Ducasse Foundation in New York können sie nun in der Wiener Albertina ausgestellt werden. Die Schau ist vom Ernst-Spezialisten Werner Spies organisiert, der auch den Katalog verfasste.

"Max Ernst: Une semaine de bonté"

Termin: bis 27. April. Katalog: DuMont Buchverlag, 39,90 Euro
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