Map Games: Dynamics of Change - Peking

Avantgardistische Autobahnschleifen

Im Rahmen der internationalen Gruppenausstellung "Map Games: Dynamics of Change" gibt es im Pekinger Today Art Museum rund zwei Dutzend Arbeiten von Künstlern aus sechs Ländern zu sehen, die sich mit der explosiven Stadtentwicklung der chinesischen Metropole auseinandersetzen.
Geografie, Kartografie, Kunst:Gruppenausstellung zur Stadtentwicklung in Peking

Bai Shuangquan, "Alternative Tokyo Travel Project 2: Valleys Trip", Installation, 2007

Es sind vier Neubauten, die auf dem kürzlich erschienenen Peking-Stadtplan für die westlichen Olympia-Gäste mit einer dreidimensionalen Miniaturabbildung besonders hervorgehoben sind: das "Vogelnest"-Nationalstadion von Herzog & De Meuron, das "Wasserwürfel"-Schwimmzentrum von PTW und Ove Arup, Rem Koolhaas' CCTV-Fernsehzentrum, sowie der bereits 1997 vom chinesischen Bauministerium errichtete "Beijing Silver Tower".

Im Plan erscheinen die spektakulären Architekturen nicht nur als Sehenswürdigkeiten, sondern sie dienen Touristen auch ganz praktisch als Orientierungspunkte in der unübersichtlichen Megacity. Denn obwohl auf Straßen- und U-Bahnschildern neben chinesischen Schriftzeichen auch Pinyin-Übersetzungen zu lesen sind, bleibt es mühsam, den
richtigen Weg oder auch nur seinen eigenen Standpunkt zu finden. Pekings große Straßen sind allzu oft durch die unauffällige Funktionsarchitektur der in den letzten Jahren schnell hochgezogenen Verwaltungs-, Wohn- und Geschäftsbauten gesäumt. Selbst Wolkenkratzer mit Spiegelglasfassade im Geschäftsviertel sind nichts Besonderes mehr, wenn sie rudelweise zusammenstehen. An jeder Straßenkreuzung lauert ein Déjà-vu: Sind wir hier nicht schon mal gewesen?

Während man in der Stadt noch der Eröffnung des biomorphen Olympiastadions und der Fertigstellung von Koolhaas' futuristischem Bügelbau entgegenfiebert, werden im Pekinger Today Art Museum schon Entwürfe für das Peking von Übermorgen präsentiert. Im Rahmen der internationalen Gruppenausstellung "Map Games: Dynamics of Change" gibt es rund zwei Dutzend Arbeiten von Künstlern aus sechs Ländern zu sehen, die sich mit der explosiven Stadtentwicklung der chinesischen Metropole auseinandersetzen, die vermutlich auch nach Olympia nicht an Tempo verlieren wird. Auch wenn es sich hierbei um Kunst handelt, die sich mehrheitlich aus dem Zeichenreservoir der Geografie und Kartografie bedient, kommt die von einem vierköpfigen Kuratorenteam zusammengetragene Schau ganz ohne den Sound des Empirismus aus, der solche Projekte zwischen Kunst und Urbanismus für gewöhnlich durchzieht.

Monumentale Statuen im Stile des Sozialistischen Realismus

Stattdessen ist etwa an den feinen Zeichnungen des chinesischen Künstlers Tang Hui abzulesen, was er sich unter einem einzigartigen Stadtbild vorstellt. Denn "der einfachste Weg, sich in einer Stadt zurechtzufinden", das weiß auch Tang, "sind außergewöhnliche Gebäude." Ginge es also nach dem Willen des 1968 in Wuhan geborenen Künstlers, so würde sich etwa an der Südseite des Tiananmen ein künstliches Seenplateau über den Dächern der Stadt erheben, dessen Ränder durch einen überdimensionalen Festungsbau mit Pagodendach eingefasst sind. An mehreren Punkten der Stadt schlägt Tang, der auch an der zentralen Pekinger Kunstakademie unterrichtet, zudem die Aufstellung monumentaler Statuen im Stile des Sozialistischen Realismus vor. Ob dies tatsächlich ein ästhetisch begrüßenswerter Zugewinn für Peking wäre, bleibt fraglich – nicht nur die kübelformige Sockelstruktur der Monumente, sondern auch die heroische Verstrahltheit der megalomanen Statuen erinnert doch zu sehr an bedrohliche AKW-Meiler. Deshalb ist auch die Illusionslosigkeit des Malers nicht ganz überraschend, was die Realisierungschancen seiner Ideen anbetrifft: "Wahrscheinlich ist es nur ein Traum ohne Praxis."

Nicht nur in den Zeichnungen Tangs, sondern auch an der Videoprojektion "Beijing City Wall 2007" von Li Juchan ist das Bemühen spürbar, das Imaginäre als Teil des Alltags in der 15-Millionen-Stadt abzubilden. Li lud im November 2001 zwei Pekinger Mädchen zu einer dreiviertelstündigen Taxifahrt auf der zweiten Ringstraße ein und filmte die Handlungen seiner beiden Begleiterinnen Wu Feifei und Zhang Shasha auf der Rückbank mit seiner DV-Kamera. Während die Mädchen telefonieren, rauchen oder Bonbons lutschen und sich lebhaft über allerlei alltägliche Dinge austauschen, brettert das Taxi über die mehrspurige Autobahn, welche seit den siebziger Jahren die antike Stadtmauer ersetzt, die auf Beschluss der damaligen Regierung restlos abgerissen wurde. Während sich ältere Pekinger noch gut an das historische Bauwerk erinnern, ist es für die Jüngeren schon nicht mehr Teil der Stadterfahrung. Deshalb will Li seine Arbeit vor allem als Hommage an den 1972 gestorbenen Stadtplaner und Architekten Liang Sicheng verstanden wissen. Es war Liang, der in den Fünfziger Jahren versuchte, die Demolierung der Stadtmauer zu verhindern und die Altstadt in ihrer traditionellen Struktur zu erhalten.

Avantgardistische Autobahnschleifen

Doch die Erkenntnis, dass die Großartigkeit einer Stadt nicht zwangsläufig aus mehreren übereinander liegenden Autobahnkreuzen erwächst, scheint sich in China nur sehr langsam durchzusetzen. Als wahrhaft avantgardistisch darf hier die großformatige Fotografie "They..." (2008) des Documenta-X-Teilnehmers Wang Jianwei gelten. Wang manipulierte die Großaufnahme eines "Fly-overs", indem er mittels Bildbearbeitung zusätzliche Autobahnschleifen hineinmontierte, jedoch anstelle der Autos Menschen auf den Asphalt-, Stahl-, und Betonschleifen zeigt. Auch wenn sie sich auf einer Kreuzung im Vordergrund des Bildes zu versammeln scheinen, so wirken sie doch ziemlich verloren in einer Architektur, deren Funktionalität sich naturgemäß nicht daran misst, als Bühne für versprengte Spaziergänger zu dienen. Was also kommt nach dem Ende der Autostadt? Vielleicht liegt die ultimative Utopie Pekings in der Rekonstruktion der alten Stadtmauer.

"Map Games: Dynamics of Change"

Termin: bis 28. Juni, Today Art Museum, Peking, China. Kuratiert von Feng Boyi, Monica Piccioni, Rosario Scarpato und Varvara Shavrova, mit Beiträgen von: Ai Weiwei (CN), Bai Shuangquan-Tozer Pak (HK), Sarah Beddington (UK), Anna Boggon (UK), Chen Shaoxiong (CN), David Cotterrell (UK), Marcella Campa (IT) + Duliao Studio (Li Wenjun, Stefano Avesani, CN), Andrea Gotti (IT), Guan Shi (CN), Li Juchuan (CN), Lin Yilin (CN), Ma Qingyun (Mada Spam, CN), Ma Yansong (Mad, CN), Winy Maas (Mvrdv, NL), Michael Najjar (DE), Perino & Vele (IT), Varvara Shavrova (RUS/IRL), Tang Hui (CN), Hugo Tillman (UK), Wang Hui (Urbanus, CN), Wang Jianwei (CN), Wu Wenguang (CN), Yin Xiuzhen (CN), Yuan Shun (CN).
http://www.todayartmuseum.com/

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