Documenta 12 - Vermittlung

„Und wie wirkt das jetzt auf Sie?“

Die subtlie Vermittlung seiner Ausstellung ist dem Documenta-Chef Roger M. Buergel besonders wichtig. art-Autorin Sandra Danicke testete das Angebot und ließ sich die Documenta erklären

Es sei dies keine gewöhnliche Führung, erklärt die junge Dame gleich zu Beginn. Sie werde hier nicht etwa „autorisiertes Wissen reproduzieren“, sondern der Gruppe ihre eigenen Gedanken zu den Werken darlegen und diese zur Diskussion stellen. So will es das Vermittlungskonzept der Documenta 12; passives Konsumieren soll dadurch vermieden werden. Forsch marschiert also die Kunstvermittlerin durch das Fridericianum, und die Informationen purzeln nur so aus ihr heraus. Die dicken Kabel im zweiten Stock hat also nicht etwa ein Elektriker hier vergessen. 100 Fäden im Inneren verweisen auf indische Näherinnen. Die scheinbar banale Stickarbeit im Erdgeschoss ist also aus dem Haar der chinesischen Künstlerin gewirkt, und wir wären fast dran vorbei gelaufen. Selbst die banalsten Fragen („Hat sie denn jetzt eine Glatze?) weiß die Vermittlerin zur Zufriedenheit zu beantworten („Bestimmt hat sie nur Haare verwendet, die in der Bürste hängen geblieben sind“). Als ein Besucher plötzlich wissen will, wie und von wem denn all die Exponate ausgesucht wurden, erläutert die Dame souverän und in gebotener Kürze das Verfahren zur Auswahl des künstlerischen Leiters und dessen Vorgehensweise, und selbst als jemand unbedingt ein Bild erklärt haben will, dass die Führerin eigentlich links liegen lassen wollte, zaubert sie spontan eine aufschlussreiche Bildanalyse aus dem Ärmel, die von aufmerksamer Beobachtung ebenso zeugt wie von kunsthistorischem Hintergrundwissen.
Zufall?

Nicht jeder mag die Märchenonkelstimme

Die Kollegin im Aue-Pavillon hat es ungleich schwerer, muss sie doch gegen einen heftigen Regenguss anschreien, der erbarmungslos auf das Kunststoffdach prasselt. Wind lässt die Eisenkonstruktion ächzen, doch die Dame fordert ungerührt, man solle seine Wahrnehmungen zum jeweiligen Werk kundtun. Das häufige „Und wie wirkt das jetzt auf Sie persönlich“ wirkt vielleicht ein wenig zu didaktisch, und bisweilen hat man den Eindruck in einem Volkshochschulkurs für freies Assoziieren eingeschrieben zu sein, doch auch diese Führerin ist jederzeit in der Lage ihr Konzept auf Wunsch zu variieren und spontan etwas über „das Orangefarbene da drüben“ zu erzählen. Informationen, die sie (wie ihre Kollegin) übrigens nicht dem Katalog entnommen hat, sondern die die Lektüre tatsächlich sinnvoll ergänzen. Begeistert zeigt sich vor allem ein Herr, der einen i-pod mit der von Roger M. Bürgel gesprochenen Audiotour umhängen hat. Die „bedächtige Märchenonkelstimme“ des Documenta-Leiters habe ihn nämlich „schier wahnsinnig“ gemacht.