Jahresausstellung HFBK - Hamburg

Im Meer junger Kunst

"Die Kunst drängt in die Stadt und will Aufmerksamkeit" – in diesem Jahr reichten die Räume im Lerchenfeld nicht aus, so dass die Studenten auf Galerien und improvisierte Ausstellungsflächen ausweichen mussten.
Vielfältiges Treiben:Kunst, Design, Film und Musikperformance

Schön schräg: Christina Köhler aka Tintin Patrone (rechts) präsentiert die "Krachboxen Musikperformance", ein fünfstimmiges Orchester mit analog-elektronischen Instrumenten Marke Eigenbau

Das Gebäude der Hamburger Hochschule für bildende Künste scheint in diesem Jahr überzuquellen von Arbeiten, die gesehen werden möchten. Schon auf der Straße werden in zwei Containern Leuchtenentwürfe der Designklasse Lutz Pankows gezeigt. Doch die zierlichen LED-Tischleuchten scheinen viel zu vernünftig für eine Kunsthochschule. Immerhin wird vor dem Gebäude von einer Band charmanter Krach in strömendem Regen produziert, was schon eher einen Vorgeschmack auf das vielfältige Treiben im Innern gibt.

"Die Kunst drängt in die Stadt und will Aufmerksamkeit", proklamierte dann HFBK-Präsident Martin Köttering in seiner Eröffnungsrede der Jahresausstellung. In diesem Jahr drängt die Kunst so sehr, dass der Platz nicht reichte und auf Galerien und den Innenhof ausgewichen werden musste. Jeder Student vom Diplomanten bis zum Erstsemester hat nun die Gelegenheit, seine Arbeit vier Tage lang auszustellen. Vom Bildungsstreik, Studiengebührenboykott oder Kritik am neu eingeführten Bachelor/Master-System ist wenig zu spüren.

Im repräsentativsten Raum der Hochschule, der Aula, wurde dem Design Platz gemacht. Das Monumentalgemälde Willy von Beckrathes ist verschwunden, statt dessen wurde ein weißer Kubus in der Aula inszeniert, der die Aufmerksamkeit ganz auf die Arbeiten der vier Diplomanten René Sieber, Norbert Straffend, Thomas Kemper und Nora Klasing lenkt. Leichtbausitzmöbel, eine Studie zu Stadtlandschaften, Sauerstoffwandamaturen, eine Küchenreibe, ein Liegefahrrad … Alles ist anwendungsorientiert, benutzbar, durchdacht und wohl gestaltet. Eine ohrenbetäubende Performance, bei der eine Sirene aus einem Kühlschrank heraus die Besucher schnell in die oberen Stockwerke scheucht, beweist aber dann doch, dass hier die freie Kunst zu Hause ist.

Fotografie an der HFBK: nüchtern bis sinnlich

Im Vorraum der Bibliothek hat die Fotografie einen Raum erobert, der per Beamer mit den "Foto Folgen" bespielt wird. Fotografierende Studenten haben sich auf eigene Initiative hin organisiert und veranstalten allwöchentlich Ausstellungen, die die Möglichkeit zum Austausch über die Fotografie schaffen. An der Jahresausstellung lassen sie nun die 38 Ausstellungen von bisher 69 Künstlern per nüchterner Projektion am Auge des Besuchers vorbeiziehen. Sinnlicher ist es im oberen Stock in der Klasse Heike Mutters. Dort sind die Arbeiten der Fotografiegrundklasse zu finden. Erstmals werden in diesem Jahr die Arbeiten von Bachelorstudenten gezeigt, die seit zwei Semestern an der Hochschule sind. Die Fotografen zeigen sich experimentierfreudig, eine Begeisterung für analoge Umsetzungen ist spürbar, sowohl große als auch kleine Formate, wie auch verschiedene Präsentationsvarianten werden ausprobiert. Großformatige Schwarzweißvergrößerungen in einem groben Holzrahmen stehen auf roten Getränkekisten in der Ecke, andere Arbeiten werden einfach auf die Wand geklebt. Die Materialität der Fotografie wird spürbar erprobt.

Vorgeschmack auf das was kommt

Ab dem neuen Semester treten vier neue Professoren ihren Dienst für die Kunst an: Berufen wurden Jeanne Faust für Zeitbezogene Medien, Friedrich von Borries für Design, Theorie und kuratorische Praxis sowie Matt Mullican für Bildhauerei und Anselm Reyle für Malerei/Zeichnen. Mullican und Reyle waren im letzten Semester bereits als Gastprofessoren an der Hochschule, so dass die Jahresausstellung die Gelegenheit bietet, einen Blick in ihre Klassen zu werfen.
In den Räumen von Anselm Reyle, der die Klasse von Norbert Schwontkowski übernommen hat, findet sich eine sehr heterogene Ausstellung. Öl auf Leinwand, Holzschnitzereien, Installationen. "Die Verschiedenheit der Positionen wird als solche gezeigt. Wir wollten nicht künstlich einen roten Faden inszenieren", erklärt Reyle. Das titellose Bild von Johanna Tiedtke scheint diese Gegebenheit zu illustrieren: Auf schwarzen Grund formieren sich in einer Blase viele verschiedene Punkte zu etwas Neuem. Reyle hat das Jahr als Gastprofessor als sehr positiv empfunden, die jungen Künstler seien sehr intensiv und konsequent dabei und die Atmosphäre der Hochschule lobt er als familiär.
In der Klasse Matt Mullicans rattern sieben Tintenstrahldrucker in einer Endlosschleife. Stefan Mildenberg lässt dort in der Installation "Stau oder Riss" eine unbedruckte Papierschlaufe durch die Drucker befördern. "Es ist ein Fließband ohne Produktion, und die Herausforderung besteht darin den Prozess am Laufen zu halten", erklärt Mildenberg seine Installation. Trotz eingebauter Lichtschranken ist ein Papierstau eine ständige Bedrohung für seine Apparatur.
Lilia C. Schützes Arbeit "Großer Haufen Schönheit" ist jedoch die beste Therapie bei Hassgefühlen durch Papierstau. Ihr weißer Haufen im Bildhauerpavillon des Innenhofs ist eine tonnenschwere Papieransammlung, in der sich zerknülltes Papier friedlich und meterhoch in einer Ecke auftürmt. Der Berg scheint durch eine Treppe begehbar, ist jedoch zu fragil, um wirklich erklommen zu werden. Eine weitere große Installation aus der Klasse Pia Stadtbäumers findet sich bei Max Frisingers. Dieser hat aus zahlreichen Fundstücken eine komplexe Konstruktion geschaffen. Speergut scheint von der Decke herab zu regnen und sich zu einem Dschungel aus Metall und Plastik zu formieren.

Fazit: man muss sich treiben lassen

Die Jahresausstellung der HFBK bietet viel Raum zum Entdecken. Leider ist oft zwischen Experiment und Ergebnis nicht zu unterscheiden, da der Entstehungsprozess undokumentiert bleibt. Nur mühsam ist zu ergründen, welcher Künstler welche Position vertritt, denn die vielen Namen, die auf dem bekritzelten Papier an der Tür stehen, sind kaum zu lesen und zu merken. So werden die künstlerischen Positionen zu namenlosen Arbeiten in einem überquellenden, anregenden Meer junger Kunst.

HFBK Jahresausstellung 2009

Termine: bis 12. Juli 2009, täglich 14 bis 20 Uhr,
Studierende und Absolventen stellen aktuelle Arbeiten aus,
Hochschule für bildende Künste Hamburg, Lerchenfeld 2, Hamburg

http://www.hfbk-hamburg.de