Matthias Frehner - Gurlitt-Erbe

Wir wollen keine Kunst aus illegitimem Besitz

Alle warnen vor dem Erbe, das der umstrittene Sammler Cornelius Gurlitt dem Kunstmuseum Bern vermacht hat. Dessen Direktor Matthias Frehner ist im Feuer erprobt und gibt sich verhalten optimistisch.
Schwieriges Erbe:Matthias Frehner, Erbe von Cornelius Gurlitt

Muss über ein schweres Erbe entscheiden: Matthias Frehner

Die Nachricht kam höchst überraschend: Cornelius Gurlitt vermachte seinen gesamten Besitz der Stiftung Kunstmuseum Bern. Einen Tag nach dem Tod des 81-Jährigen hatte sein Anwalt die Nachricht Museumsdirektor Matthias Frehner mitgeteilt.

Zum Erbe gehören die in der Öffentlichkeit heiß diskutierten rund 1500 Kunstwerke sowie Immobilienbesitz und eine kleinere Geldsumme, wie Frehner dem Testament, das ihm inzwischen vorliegt, entnehmen konnte.

Wieso das Kunstmuseum Bern? Wieso, wenn schon kein deutsches Haus, nicht Basel oder Zürich? Die Erschütterung dieser Frage war so groß, dass sogar die "New York Times" das stille Haus auf seine Titelseite hievte. Die Antwort kennt niemand. Vermutungen gibt es viele. Die plausibelste ist diejenige, die der Berner Museumschef Matthias Frehner geäußert hat: Cornelius Gurlitt war früher immer mal wieder in Bern. Er hatte, wie bekannt, vor 20 Jahren Werke über die Galerie Kornfeld verkauft. Da dürfte es anzunehmen sein, dass er auch das Kunstmuseum besucht hat. Und 2010 war in der Hypo-Kunsthalle München ein Ausschnitt der Berner Sammlung zu sehen und auf viel Beifall gestoßen. Vielleicht war das Kunstmuseum Bern einfach ein Ort, an dem Cornelius Gurlitt seine Hingabe an die Kunst der Moderne leben konnte, wie sein Vater sie jahrzehntelang und bis zum Berufsverbot durch die Nazis gefördert hatte. Immerhin hat er als mßsgeblicher Kunstverwerter auch zahllose Werke vor der Zerstörung gerettet, das ist ja eine Kehrseite dieses tragischen Lebens. Mehr als solchen einseitigen Bezug Gurlitts zum Berner Kunstmuseum gab es jedenfalls nicht. Wie Frehner mitteilte, hat weder er noch sonst ein Mitarbeiter des Hauses Gurlitt je gesehen noch Kontakt mit ihm gehabt.

Das überraschende Geschenk löste bisher ambivalente Reaktionen aus, wobei die Warnungen und Bedenken deutlich überwiegen, wie Matthias Frehner sagte. Der Werber Hermann Strittmatter hat das in seiner Plakat-Kolumne in der gestrigen "NZZ am Sonntag" auf den Punkt gebracht: "Was hat denn Bern dem Herrn Gurlitt zuleide getan?" wird da auf einer fiktiven Werbefläche im Park gefragt. Natürlich kommen viele Bedenkenträger aus dem von Gurlitt verschmähten Deutschland; da hätte man gerne eine Stiftung gesehen. Die Reaktionen gehen soweit, dass darüber diskutiert wird, ob die Sammlung von so hohem nationalem Interesse sei, dass sie als bedeutendes Kulturgut mit Ausfuhrverbot belegt werden sollte. Die Absurdität einer solchen Forderung wird sofort klar, wenn man sich für eine Sekunde vorstellt, die Schweiz würde im umgekehrten Fall so verfahren. Versteckter äußern sich Museen. Hier sieht man nun wohl eher die Chance, dass öffentliche Häuser, deren Kunst die Nazis abhängen liessen, auf Rückgabe klagen können. Da kann man nur hoffen, dass sich die Vernunft durchsetzt, wie sie Max Hollein vom Frankfurter Städel schon lange einfordert: Die Problemkreise Raubkunst und entartete Kunst gehören getrennt behandelt.

Einer macht nicht auf Pessimismus, sondern sieht in der Aufgabe eine Chance: Museumsdirektor Matthias Frehner. Er habe, sagte er am Telefon, so viele Warnungen gehört, die Erbschaft anzutreten, dass er sich inzwischen ganz merkwürdig vorkomme. Dabei ist es eigentlich nichts weniger als seine Pflicht, das unerwartete Geschenk wenigstens zu prüfen. Natürlich weiß Frehner, dass er sehr gut aufpassen muss, um nicht alles falsch zu machen. Gurlitts Sammlung ist zu einer prima causa der Raubkunstforschung, der Restituierungsdiskussion und der Psychohygiene des deutschen Kunsthandels geworden. Die Akteure haben es alle nicht so gerne, dass das Untersuchungsobjekt jetzt etwas auf Distanz rücken soll. Dabei könnte man ganz unbesorgt sein. Kaum ein Museumschef in der Schweiz, Deutschland und Österreich hat sich so vertieft mit der Materie auseinandergesetzt wie Matthias Frehner. Als in den neunziger Jahren das Washingtoner Abkommen verhandelt wurde, hat sich der Museumsdirektor, damals noch als leitender Kunst-Redakteur der "Neuen Zürcher Zeitung", als erster in die Archive der Schweizer Museen begeben. Die Ergebnisse seiner monatelangen Recherchen sind in einer Artikelserie und hernach als Buch erschienen (Das Geschäft mit der Raubkunst, "NZZ"-Verlag, Zürich 1998).

Gewiss, Frehner entspricht vom Charakter her eher den Hodlerschen Quadratschädeln als den smarten Pariser Bürgern auf den Balkons und in den Separées der dortigen Moderne. Der 1955 in Winterthur geborene Kunsthistoriker und Sohn eines Künstlerpaares scheut keine Auseinandersetzung und ist nicht überall beliebt. Aber wie das Kunstmuseum Bern heute ohne ihn aussehen würde, möchte man sich nicht vorstellen. Als er im Sommer 2002 die Leitung übernahm, war das Haus finanziell am Boden, von der Struktur her ein Labyrinth und auf der personellen Ebene ein Intrigenstadel. Dazu kam die Auseinandersetzung mit dem Zentrum Paul Klee, das der Unternehmer Maurice E. Müller der Stadt wie ein Kuckucksei ins Nest gelegt hatte mit einem viel zu bescheiden dotierten Budget. Die Paul Klee Stiftung zog nach Eröffnung des neuen Hauses 2005 aus dem Kunstmuseum aus, dieses verlor nicht nur einen Teil seiner Klee-Bestände, sondern musste an vielen Fronten dafür eintreten, dass ein öffentliches Kunstmuseum bei der Förderung einen anderen Status haben sollte als ein privates Haus. Inzwischen haben Kanton und Stadt Bern beiden Häusern eine Fusion aufgezwungen, ein Mehr-Generationen-Projekt, das nur zäh vorankommt und viel Energie verschlingt. Dabei ging bisweilen fast vergessen, dass das Kunstmuseum Bern über hervorragende Bestände zur klassischen Moderne verfügt: Hermann und Margrit Rupf, Anne-Marie und Victor Loeb, Othmar Huber, Adolf Wölfli gaben hochkarätige Sammlungen und Einzelwerke. Auch Hauptwerke von Paul Klee wie etwa das kardinale "Ad Parnassum" befinden sich unter den über 3000 Gemälden und Skulpturen der Sammlung.

Wer in einer so schwierigen Situation einen Neuanfang, oder wie man sagt Turnaround, schaffen wollte, brauchte Ecken und Kanten. Dass Frehner dabei nicht alles gelang und das Museum auch von Sammlern ausgenutzt wurde, gehört dazu: Die erstklassige Sammlung für klassische Moderne Im Obersteg ging gleich nach Frehners Amtsantritt doch lieber ans Kunstmuseum Basel als nach Bern, und der Würzburger Unternehmer Hermann Gerlinger hielt 2004 auch in Bern verbindliche Abmachungen nicht ein, nachdem er bereits eine Reihe deutsche Häuser genarrt hatte. Frehner liess sich nicht entmutigen. Er sanierte das Haus finanziell, schluckte auch die eine oder andere weniger wichtige Ausstellung, weil sie durch Kooperationen oder Sammler mitfinanziert war, und schaffte es immer wieder, Pflöcke einzuschlagen: Die Retrospektive zu Germaine Richier in diesem Frühling war so einer, die zu den Präraffaeliten vor vier Jahren ein anderer. Die erstmalige Ausstellung der Sammlung Sigg 2005 machte weltweit Furore. Dass man in Schweizer Medien jetzt die Gelegenheit gekommen sieht, gegen den eigenwilligen Museumsmann mit kunsthistorischem Credo nachzutreten, ist charakterlos. Den Mut, auch Schwieriges anzupacken und Delikates auszuprobieren, sollte man unterstützen.

So ist Frehner auch beim Gurlitt-Erbe durchaus bewusst, dass das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist. Er will auf jeden Fall, dass die Bestände gänzlich auf Raubkunst und Restitutionsforderungen untersucht und berechtigte Forderungen erfüllt werden: "Die Werke, die wir hier im Museum zeigen werden, dürfen von keinen Zweifeln belastet sein. Wir wollen keine Kunst aus illegitimem Besitz", stellt er klar. Dass die Task Force diese Abklärungen vorantreibt, befürwortet er ohne Vorbehalt und hofft, dass sie damit auch nach der Testamentseröffnung und einem eventuellen Antritt des Erbes durch die Stiftung Kunstmuseum Bern fortfährt. Und zwar auch für die vermutlich kapitaleren Salzburger Bestände. Dabei will er schnell vorangehen. Diese Woche fährt er nach München, um sich ein Bild vom Zustand und der Qualität der Werke dort zu machen. Schließlich will der Stiftungsrat des Kunstmuseums Bern wissen, worauf er sich einlässt, wenn er das Erbe antritt. Ebenfalls will man vor einer Entscheidung abklären, wie die Fortsetzung der Provenienzabklärung aussieht – auch, wer für sie zahlt. Erst wenn klar ist, welche Kosten auf ihn zukommen und welchen Nutzen das Kunstmuseum Bern aus der Erbschaft ziehen könnte, kann der Stiftungsrat entscheiden. Dafür hat man laut Frehner ein halbes Jahr Zeit. Bis dann, so hofft der Museumschef, sind Restitutionsansprüche auch ein gutes Stück deutlicher geworden; Anspruchsberechtigte sollten, so sagt er, "nicht so lange warten müssen".