Banksy - New York

Der mit den Hühner-Nuggets tanzt

Kunst-Klamauk oder gerissener Kommentar zum Zustand der heutigen Gesellschaft? Für seine erste große Ausstellung in New York zeigt der britische Street-Art-Star Banksy überraschenderweise keine Graffiti oder Stencils, sondern eine zynische Zoohandlung.
Kunst-Klamauk oder gerissener Kommentar?:Banksys zynische Zoohandlung

"Ich wollte Kunst machen, die unsere Beziehung zu Tieren und die Ethik und Nachhaltigkeit von industrieller Landwirtschaft in Frage stellt", ließ Banksy über seinen Pressesprecher ausrichten.

Das Kaninchen im Schaufenster manikürt sich die Krallen. Fischstäbchen drehen trostlos im Aquarium ihre Runden. Der Affe im Käfig sitzt stumpfsinnig vorm Fernseher, den Karton mit Pizzaresten neben sich, und guckt seinen Artgenossen in einer Sendung auf dem "Discovery Channel" beim fröhlichen Sex zu. Diverse Würstchen und Hot Dogs wurden in Terrarien verbannt, wo sie sich qualvoll krümmen und Wasser aus dem Napf nippen. Gleich daneben hängen ihre Artgenossen: in Verpackungen eingeschweißt als Brotbelag für 99 Cents.

Hinter dieser eigenwilligen Zoohandlung, die unter dem Namen "The Village Pet Store and Charcoal Grill" für einen Monat (noch bis 31. Oktober) in Manhattans West Village (89 Seventh Avenue) aufmachte, steckt kein geringerer als Englands berühmtester Graffiti-Künstler Banksy. Schon seit Wochen ging das Gerücht um, dass Banksy sein Unwesen in der Stadt treibe. Graffiti mit gigantischen Ratten verkündeten die Anwesenheit des Meisters.

Mit Strohballen auf dem Gehweg und einem Schild mit der Aufschrift "Seltene Züchtungen, Heimtierbedarf und mechanisch erzeugtes Fleisch" zieht der kleine Laden seit der Eröffnung Anfang des Monats einen bunten Mix an Besuchern an. Neben Katzenstreu und Hundekalendern findet sich Aquarienbedarf in den Regalen. Die beiden Verkäuferinnen tragen Latzhosen und Lipgloss. Bei Nachfragen stellen sie sich charmant dusselig an. "Ich kümmere mich nur um die Tiere hier", flötet eine von ihnen. Zu sehen gibt es Banksys elektronisch gesteuerte Figuren. Zu kaufen gibt es nichts. Neben der Dame schaukelt der tragisch gealterte Comic-Vogel Tweety, der sämtliche Federn gelassen hat, in seinem Vogelkäfig. "Mami, ich verstehe das alles nicht", sagt ein kleines Mädchen zu ihrer ebenso hilflosen Mutter. Ein paar Kunstinteressierte haben sich auf der Straße versammelt und sinnieren über das Werk. "Starker Symbolcharakter", meint einer von ihnen.

Der Witz der jämmerlichen Kreaturen liegt im Detail

Banksy selbst hatte sich mit seiner Erklärung, in der er den New Yorkern vorwarf, dass sie sich nicht für Kunst, aber für ihre putzigen Haustierchen interessieren, mal wieder über die hohe Kultur lustig gemacht. "Ich wollte Kunst machen, die unsere Beziehung zu Tieren und die Ethik und Nachhaltigkeit von industrieller Landwirtschaft in Frage stellt", ließ er über seinen Pressesprecher ausrichten. "Aber das Ergebnis waren singende Chicken-Nuggets." Die singen dann zwar nicht, aber picken mit Hühnerfüßen versehen zu Country-Musik die Barbecue-Sauce aus dem Plastikschälchen.

Ob die ganze Aktion nun als große Klamauk-Nummer oder als gerissener Kommentar zum Zustand der heutigen Gesellschaft in die Geschichte eingeht, spielt keine Rolle. Der Witz von Banksys jämmerlichen Kreaturen liegt im Detail. Jedes seiner Tierchen ist einen zweiten Blick wert. So entpuppt sich der mit dem Schwanz wedelnde Leopard im Schaufenster als kunstvoll drapierte Pelzjacke, inklusive Gürtelschnalle und Label. Die Echse hat das Muster einer Louis-Vuitton-Tasche angenommen. Die von Börsen-Crashs und Präsidentschaftswahlkampf gebeutelten New Yorker wissen die ätzend humorvolle Interpretation des American – oder New Yorker – way of life jedenfalls zu schätzen. "Ich weiß zwar nicht, was das alles soll", meint ein Besucher, "aber die wippende Salami ist das Spaßigste, das ich seit langem gesehen habe."

"The Village Pet Store and Charcoal Grill"

Termin: bis 31. Oktober, West Village (89 Seventh Avenue), New York.
http://thevillagepetstoreandcharcoalgrill.com/

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