Jochen Gerz - 2-3 Straßen

Sonst wird die Gesellschaft alt und traurig

Am 30. Januar ist Teilnahmeschluss für ein Kunstprojekt, mit dem Jochen Gerz die Europäische Kulturhauptstadt 2010 (Essen für das Ruhrgebiet) in eine unendliche Geschichte verwandeln will. Unter dem Titel "2-3 Straßen" sind demnächst kostenlose Wohnungen in Dortmund, Mülheim an der Ruhr und Duisburg an einhundert Bewerber abzugeben, die dafür die Eindrücke eines Jahres in einem Tagebuch zu Papier bringen sollen.
"Sonst wird die Gesellschaft alt und traurig":Jochen Gerz vergibt Mietraum

Bereits über 900 Menschen haben sich für das neue Kunstprojekt von Jochen Gerz beworben

Herr Gerz, Sie laden einhundert Menschen ein, für ein Jahr mietfrei in drei Straßen des Ruhrgebiets zu wohnen. Welcher Gedanke steckt dahinter?

Jochen Gerz: Ich frage mich, wie sich das reichhaltige kulturelle Angebot des Ruhrgebiets mit seiner weltweit wahrscheinlich einmaligen Infrastruktur aus Museen in die Gesellschaft übersetzt. Zugleich geht es hierbei um eine für Europa nicht untypische Region. Ich bin seit zwei Jahren häufiger dort und habe den Eindruck gewonnen, dass dieses Angebot nicht aus den Museen herauskommt. Wenn man aber so gewöhnt ist, Kunst zu betrachten, dann müsste es doch auch möglich sein, diesen Blick nach draußen mitzunehmen und die Wirklichkeit auf die gleiche Art zu sehen. Mit so viel Geduld, mit so viel Aufmerksamkeit und auch mit so viel pädagogischem Verstand.

Das Prinzip ihres Projekts ist, dass man für ein Jahr frei wohnen kann und dafür ein Tagebuch führt, dessen Einträge am Ende in ein gemeinsames Buch eingehen.

Tagebuch ist nur die griffige Formel. Es geht vor allem darum, dass ein gemeinsamer Text entsteht, wie der auch aussieht und was der auch beinhaltet. Auch da ist der Gedanke, den Kredit, den wir Einzelnen, Künstlern oder dem zu bestaunenden Meisterwerk zugestehen, der Gesellschaft als Ganzes zu geben. Ich stelle mir vor, dass die ganze Gesellschaft ein großer Schriftsteller ist und dass während einem Jahr aus den Beiträgen vieler Menschen ein Text entstehen kann, der der Betrachtung und Kenntnisnahme würdig ist.

Jeder kann bei "2-3 Straßen" teilnehmen, und auf der Anmeldeseite wird die Parole ausgegeben: "Wer zuerst kommt, wohnt zuerst." Werden Sie versuchen, ein wenig zu steuern oder lassen Sie den Dingen einfach ihren Lauf?

Wir sprechen ja Einladungen in Form von Wohnungsanzeigen aus. Die erscheinen sowohl in Mietportalen wie auch in Tageszeitungen und kulturellen Zeitschriften. Wir schalten die gleiche Anzeige quer durch die Gesellschaft und wollen zunächst einmal nur wissen, wer sich dafür interessiert. Es ist ein Unterschied, ob ich sage "Kommen Sie bitte meine Ausstellung anschauen" oder ob ich sage "Wohnen Sie ein Jahr lang in einer Ausstellung". Zuerst einmal wissen wir von den Bewerbern nichts. Wichtig ist, dass sie ein Jahr dort wohnen werden und vielleicht auch in einen Kontext einziehen, der ihrer bisherigen Lebenserfahrung nicht entspricht.

Es geht ja auch nicht nur um das Buch, das am Ende erscheinen soll. Sie erklären die Straßen zu einer Ausstellung und wollen sie damit verwandeln. Ist der soziale Prozess, den Sie auslösen, das eigentliche Kunstwerk?

Das eigentliche Kunstwerk ist der Blick, mit dem wir die Wirklichkeit sehen. Heutzutage ist schwer zu unterscheiden, was Kunst ist und was nicht, die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst gibt es ja praktisch nicht mehr. Es soll einfach gesagt werden, dass diese drei Straßen Kunst sind und dass die Wirklichkeit und die Menschen so funktionieren können wie Kunst. Man kann sie betrachten und besuchen wie eine Ausstellung. Es ist möglich, dass wir mit den gleichen Kriterien, mit denen wir an die Kunst gehen, an die Wirklichkeit gehen und darüber nachdenken, wie man die Gesellschaft jünger und kreativer machen kann. Sonst wird die Gesellschaft, und das heißt wir selbst, alt und traurig.

Wann ist Teilnahmeschluss?

Am 30. Januar. Im Moment sind wir bei 900 Kandidaturen, mehr als wir unterbringen können. Es ist überraschend, dass sich Leute nicht nur aus dem Ruhrgebiet gemeldet haben und nicht nur aus dem Grund, kostenlos wohnen zu können, sondern aus vielen anderen Motiven, die sie uns auch mitteilen. Kunst und Kreativität motivieren viele Menschen. Sie meinen damit das eigene Potenzial. Wir haben Bewerbungen aus Istanbul, Buenos Aires, Brisbane, Shanghai, Vancouver. Ich stelle mir einen offenen Prozess der Teilnahme vor, der viele anspricht, nicht nur die alten und neuen Mieter in den Strassen, sondern natürlich auch die Besucher von "2-3 Straßen".