Mikrofotografie - Berlin

Von Milben und anderen Kunstwesen

Die Natur selbst sei die "bildende Künstlerin" par excellence, behauptete der Biologie Ernst Haeckel im 19. Jahrhundert. Wie recht er damit bis in unsere Zeit hat, beleuchten jetzt zwei Ausstellungen der Mikrofotografie in Berlin. Während man im Haus der Fotografie bis in die Pionierjahre zurückgeht, zeigt die Alfred Ehrhardt Stiftung eine Retrospektive des fanatischen "Mikrokosmikers" Manfred Kage.
Von Milben und anderen Kunstwesen:Ausstellung zur Mikrofotografie

Einmal die Welt mit den Augen eines Leuchtkäfers zu betrachten, ist ein recht skurriles Vergnügen. Nein, es handelt sich hier nicht um ein ins Horrorgenre lappenden Science-Fiction-Film. Und auch bleibt uns in diesem Fall das visuelle Erlebnis des Leuchtkäfers wirkliche Kapriolen schuldig. Zu sehen sind auf zwei Schwarzweißaufnahmen die konkav gewölbten Stereospiegelbilder einer fast schon geometrisch abstrahierten Außenwelt. Nicht mehr und nicht weniger!

Auch wenn man damit dem Innenleben des Leuchtkäfers nicht wirklich auf die Spur kommt, so ist der optische Eindruck seiner Retina doch eine kleine Sensation. Man schrieb das Jahr 1890, als Josef Maria Eden die beiden Netzhautbilder des Käfers auf Silbergelatine-Papier festhielt. Möglich geworden war die Recherche nach den Mysterien der Natur durch die Pionierfotografie und das gesteigerte wissenschaftliche Interesse an Mikrokosmen. Mit dem Titel "Mikrofotografie: Schönheit jenseits des Sichtbaren" wirbt nun eine Ausstellung im Museum der Fotografie in Berlin. Über die mikroskopischen Untersuchungen der Naturwissenschaften begann sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein eigener Zweig der Fotografie zu etablieren. Die gerade im historischen Teil spannende Berliner Ausstellung macht deutlich, dass selbst die analytisch eingestellten Naturwissenschaftler schnell den Bildreizen der vielfach vergrößerten Aufnahmen von Klein- und Kleinstlebewesen verfielen.

Auch Robert Kochs (1843 bis 1910) via Fotografie festgehaltene Studien zu dem Wachstum von Schimmelpilzen und Bakterien liefern unabhängig von ihrem bahnbrechenden medizinisch-hygienischen Erkenntniswert bis heute wundersame Schaubilder struktureller Schönheit. Biologe und Darwinist Ernst Haeckel, ein entscheidender Wegbereiter der Mikrofotografie, hatte nicht umsonst in seinem Buch "Kunstformen der Natur" die Natur selbst als "bildende Künstlerin" gepriesen. Schon mit der Wende zum 20. Jahrhundert befreiten sich passionierte Mikrofotografen von dem Korsett des wissenschaftlichen Mehrwerts. Der Jugendstil verdankt einen wesentlichen Teil seiner vegetabilen Formeneleganz den mikroskopischen Vorbildern. Und die Künstler der zwanziger Jahre filterten parallel zu den Wissenschaften neusachliche Abstraktionslinien aus den fotografisch gespiegelten Kleinorganismen. Nach dem zweiten Weltkrieg entzog sich wiederum die Subjektive Fotografie mit dem sprachlich nicht weiter vermittelten Faszinosum mikrokosmischer Bildwelten aus dem Dilemma der Geschichtskatastrophe.

Künstlerische Mysterienforscher glaubten, geheime Botschaften aus dem All in den Naturformen eingelassen zu finden. "Sicher gibt es andere Welten, aber sie sind in unserer enthalten", wusste der surrealistische Poet Paul Éluard zu vermelden. Salvador Dalí nahm sich für die Mikroaufnahmen zu seinem Film "Impressions de la haute Mongolie" (1976) den Experten Manfred Kage zu Hilfe: Bilder sowie Filme von dem noch heute höchst aktiven Mikrofotografen Kage sind nicht nur im Museum für Fotografie, sondern parallel auch in der Alfred Erhardt Stiftung in Berlin zu bestaunen. Die Mikrofotografie wird spätestens mit den fünfziger Jahren auf poppige Weise farbig. Psychedelische Welten eröffnen sich in dem vitalen Getriebensein der Algen, Kristalle, Milben. Und so ertönt folgerichtig zu den Filmen von Kage über Kopfhörer eine einlullende Spärenmusik aus Ambient-Klängen. 1959 hat Kage das in Schloss Weißenstein untergebrachte "Institut für wissenschaftliche Fotografie und Kinematografie" gegründet, eine heute mit allerlei High-Tech-Geräten ausstaffierte Wunderkammer. Dort verliert er sich laut eigener Auskunft zusammen mit seiner Frau mitunter ganz in den Raffinessen der detailliert sichtbar gemachten Fruchtfliege und anderer Kleingeschöpfe. Den Besuchern wird es zumindest für eine geraume Verweildauer in der Ausstellung der Mikrofotografie ganz ähnlich ergehen.

Mikrofotografie

Termin: bis 9. Januar 2010, "Schönheit jenseits des Sichtbaren", Museum der Fotografie, Berlin und "Retrospektive Manfred Kage", Alfred Ehrhardt Stiftung, Berlin; der Katalog "Mikrofotografie – Schönheit jenseits des Sichtbaren" zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 39,80 Euro

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet