XIX. Rohkunstbau - Roskow

Romantik der Tatsachen

Nach einer Zwangspause ist die Brandenburger Wanderausstellung "Rohkunstbau" seit dem 11. August zurück – im havelländischen Dorf Roskow, wo nun Künstler wie Katharina Sieverding, Valérie Favre und Ming Wong das Herrenhaus einer bekannten preußischen Familie kommentieren

Zuletzt hat Schloss Roskow als Schule gedient. Davon zeugen im Treppenhaus die Fenstereinfassungen mit Häslein und kindgerecht freundlich-gelber Sonne.

Ihnen gegenüber aber hängen Offset-Drucke, auf denen toben blaue Sonnen. Katharina Sieverding hat NASA-Daten zu flirrenden Bildern kühler Feuerbälle verdichtet und sie mit strengen Fotos von Kirchen und Betonkathedralen kombiniert. Die "19. Rohkunstbau", nach ihrer Absage 2012 plötzlich auferstanden im Herrenhaus eines Brandenburger Dorfes, steckt voll solcher gebrochen romantischer Momente. So zeigt Valérie Favre zwei dunkelgraue Gemälde mit Farbschleiern, zart weiß gesprenkelt wie Milchstraßen. Auf der Wand dazwischen hat sie ein Stück Seife angebracht, Symbol für in Unschuld gewaschene Hände. Der Seife fehlt eine große Ecke.

Wer weiß schon, was auf Schloss Roskow geschah. Sowjetsoldaten und Flüchtlinge mussten hier Quartier aufschlagen. Ganz früher gehörte es der Familie von Katte, bekannt für Hans Hermann, den Jugendfreund des späteren Königs Friedrichs II. Er wollte dem Kronprinzen bei der Flucht aus dem Vaterhaus helfen. Der Plan flog auf. Von Katte wurde enthauptet, der junge Friedrich musste zusehen.

Eine Steilvorlage für die Kuratoren der "19. Rohkunstbau". Seit der 18. Ausgabe bearbeiten Mark Gisbourne und Ulrike Grelck innerhalb der Ausstellungsreihe eine vierteilige Serie zu Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Unter dem Stichwort "Macht" thematisierten sie 2011 "Das Rheingold". Nun sind das Motto "Moral" und das Inzestmotiv aus der "Walküre" dran. In Sieverdings Sonnendrucken sieht Gisbourne Anklänge an Wagners Romantik ebenso wie an Nietzsches "Ewige Wiederkehr des Gleichen".

Doch wenn hier etwas wiederkehrt, dann der Geist der "Rohkunstbau". In Roskow findet sie zu ihrem Ursprung zurück. Von dem Arzt Arvid Boellert 1994 gegründet, sollte sie zunächst in Groß Leuthen am Spreewald den Kulturaustausch zwischen Berlin und der Region anregen. Das Land Brandenburg förderte sie, die Ausstellung wuchs. Teilnehmer wie Louise Bourgeois und Mona Hatoum hoben die zunächst eher deutsche Schau auf internationales Niveau. Doch Schloss Leuthen wurde verkauft. Fortan fanden Boellert und Gisbourne neue Spielorte vor allem bei und in der Landeshauptstadt Potsdam. Dort war die "Rohkunstbau" allerdings nur noch eine Veranstaltung unter vielen. Brandenburg kappte das Geld, die Ausgabe 2012 entfiel.

Den Neustart versuchen Boellert und Gisbourne mit kleinem Etat. Sie hoffen, so 2014 zum 20. Jubiläum wieder mehr Förderung einwerben zu können. Für die aktuelle Schau wird der Landkreis Potsdam Mittelmark eine kleine, noch offene Summe zahlen. Auch sind ein regionales Geldinstitut und Firmen eingesprungen. Und ein Nachfahre der von Kattes, der Schloss Roskow kaufte und daraus ein Kulturhaus machen will, hat die Schau für mehrere Folgen in das Herrenhaus eingeladen.
Für die "Rohkunstbau" ist es ein Glücksfall. Geschichte steckt in jedem Zimmer des Schlosses, in jedem Tapetenrest. Anregungen genug für die zehn teilnehmenden Künstler, das überambitionierte Konzept auf den Ort herunterzubrechen. So erzählen Elke Silvia Krystufeks große Männerakte davon, dass das Begehren nach einem Mann nicht zu stillen sei, weil Mannsein an Macht gekoppelt ist.

Michael Wutz verhandelt in einem Arrangement aus Schultafel, Schreibtisch, Fotografien, Büchern und detailversessenen Zeichnungen von Skeletten die Themen Tod, Inzest und adlige Heiratspolitik.
Ganz oben wartet der Höhepunkt. Auf drei Bildschirmen in Dachkammern und Flur zeigt Ming Wong seine Adaption von Roman Polanskis altem Kriminalfilm "Chinatown". Auch hier taucht Inzest auf. Wichtiger jedoch sind die Momente, in denen Firmenbosse und Detektiv abfällig über Chinesen und Chinatown sprechen. Ming Wong spielt sie alle selbst. So spricht nun die xenophoben Sätze ein Darsteller, der trotz aller Schminke als Asiate zu erkennen bleibt. Das ist bitter und komisch zugleich – wie ein Brechtsches Drama mit Verfremdungseffekt. Vielleicht kehrt ja doch alles gleich der "Rohkunstbau" ewig wieder. Dasselbe aber bleibt es dabei nicht.

XIX. Rohkunstbau

Die Wanderausstellung auf Schloss Roskow läuft noch bis zum 22. September.
http://2013.rohkunstbau.de