Taryn Simon - Interview

Arrangement mit dem Unbekannten

Sie steigt in Atommülllager hinab und sucht Leichenparks auf, befördert Bilder von nie gesehenen Orten oder in den USA irrtümlich zum Tode verurteilten Menschen ans Licht. Taryn Simon, 1975 in New York geboren, gehört zu den aufregendsten Fotokünstlerinnen der Gegenwart. art sprach mit Simon über Hindernisse, Rechercheaufwand und Überraschungen bei ihren aufwändigen Projekten.
Arrangement mit dem Unbekannten:Taryn Simon über geheime Ängste

Die Fotokünstlerin Taryn Simon

Taryn Simons mit Text unterlegten, ästhetischen Bilder schweben in einer Zone zwischen Konzeptkunst und Reportagefotografie. Zum "Digital Life Design"-Kongress in München zeigte Simon Teile ihres rund 60 Bilder umfassenden Zyklus "An American Index of the Hidden and Unfamiliar" ("Ein amerikanisches Verzeichnis des Verborgenenen und Unbekannten").

Frau Simon, Sie haben einmal gesagt, dass Furcht eine Ihrer größten Motivationen sein. Trifft das noch zu?

Taryn Simon: Ich wollte damals nur ausdrücken, wie es mir gelingt, wieder und wieder an Orte zu gehen, an denen ich meist nicht willkommen bin oder zu denen man nur unter Mühen vordringen kann. Eigentlich haben die Arbeiten aber nichts mit meiner Psyche oder der Spiegelung meiner Ängste zu tun. Der Grund für mein Vorgehen ist vielmehr ein gewisses Misstrauen in so genannte gesellschaftliche Sicherheitssysteme.

Wie lange dauern denn die Vorbereitungen für ein einzelnes Projekt beziehungsweise Foto?

Das ist sehr unterschiedlich! Beim "American Index" schwankte es zwischen einem Monat und zwei Jahren, bis ich den Zugang zu den "verborgenen" Orten bekam. Aber tatsächlich ist es so, dass 80 Prozent meines Arbeitsprozesses mit unglaublichen Belastungen im Rahmen von Recherchen und wiederholten Anträgen zu tun haben. Die Aufnahmen selbst geschehen dann vergleichsweise schnell.

Haben Sie Scouts?

Für die Ideen im Grunde nicht. Aber da ich mich ja an Orte ohne Zutrittserlaubnis wage, die meist vorher noch nie fotografiert worden sind, war ich natürlich auf schriftliche Beschreibungen angewiesen. Die Raumdimension, Deckenhöhe, Lichtsituation oder das grobe Aussehen etwa einer Kapsel für nuklearen Müll musste zumindest in meiner Vorstellung einigermaßen geklärt sein. Dennoch bewege ich mich im Bereich des Unbekannten.

Wie groß waren die Überraschungsmomente?

Immerhin so groß, dass der imaginierte Ort sich als kompletter Reinfall herausstellen konnte. Dann war die Idee vielleicht gut, aber das Visuelle völlig nichtssagend und tot für mich. Mir fällt jetzt spontan die Gesundheitsbehörde in Atlanta ein, wo die Räume überhaupt keine Ausstrahlung hatten. In so einem Fall stoppe ich das Projekt sofort, egal, wie groß Anstrengung, Equipment und Kosten vorher waren. Der "American Index" lebt von der Balance zwischen ästhetischer Konstruktion und konzeptuellem Hintergrund.

Beteiligen sich Galerien an den Produktionskosten?

Nie! Das Budget ist sehr beschränkt und eigentlich nie ausreichend, deshalb gehe ich sehr vorsichtig damit um. Für die "Innocents", die Bilder der in den USA unschuldig zum Tode Verurteilten, hatte ich das Guggenheim-Stipendium. Bei meinem letzten Projekt konnte ich ein paar Arbeiten vorab einem Sammler verkaufen. Oft stecke ich allerdings mein eigenes Geld in die Arbeit.

Sie arbeiten, wenn es geht, mit einer Großbildkamera. Wie viele Aufnahmen gibt es von einem Ort?

Normalerweise nur eine Aufnahme. Ich habe eine sehr fixe Betrachtungsweise, manchmal gibt es zwei Ideen, wie man den Ort wiedergeben kann. Das Beleuchtung ist sehr aufwändig, so dass man nicht beliebig zwischen verschiedenen Perspektiven hin- und herwandern kann. Außerdem greife ich auch in die gegebenen Situationen ein. Erinnern Sie sich an das Raumbild vom John F. Kennedy Airport mit all den beschlagnahmten Lebensmitteln? Ich habe die Dinge so arrangiert, dass das Foto einen Bezug zur klassischen Stilllebenmalerei herstellt. Die Bilder repräsentieren keine absolute Wahrheit. Der Text unter den Bildern bricht letztlich als aufklärerisches Korrektiv in all die verschiedenen Fantasien ein, die wir von unserer Kultur, Regierung und Geschichte haben.

Sind Sie von bestimmten Konzeptkünstlern beeinflusst?

Ich bin heute zwar Teil der Kunstwelt, was immer das bedeuten mag, aber eigentlich war ich von Beginn an mehr von Zeitungen, Politik, Reisen und vor allem von meinem Vater beeindruckt. Er war ein sehr ernsthafter Laienfotograf, der als Mitarbeiter des Außenministeriums überall auf der Welt Bauten fotografierte, die kein Mensch sonst ins Visier nahm.

Eines Ihrer berühmtesten Bilder ist der kranke "Weiße Tiger". Viele Menschen litten förmlich mit dem durch Inzucht degenerierten Tier mit. War das Ihre Absicht?

Nein, ich würde das Bild von mir aus nie in der Form diskutieren. Der Tiger ist in unserem Kopf durch die Unterhaltungsindustrie, HipHop und den Las-Vegas-Kult derart festgeschrieben, dass gar kein Bezug mehr dazu hergestellt wird, wie dieses völlig naturfremde Bild einer Raubkatze heute eigentlich geformt wird. Von Weitem sieht mein fotografierter Tiger ja mächtig und vertraut aus. Ich habe stundenlang vor dem Käfig gewartet, um diese kraftvolle Pose zu erwischen. Erst wenn man näher an das Bild herangeht und den Text liest, erfährt man, wie stark das Tier behindert ist.

Gab es einen mythischen Ort in den USA, der ihnen trotz Bemühungen verwehrt blieb?

Disney erlaubte mir nicht den Zugang zu den Betriebsanlagen im Untergrund, wo all die Tiere gehalten, Fahrzeuge geparkt werden oder auch der Müll gelagert wird. Sie wollten, dass man an der perfekten, sauberen Fantasie des Vergnügungsparks ungestört festhält. Ich habe allerdings das fast wie ein Gedicht geschriebene Absage-Fax dann im Katalog veröffentlicht.

Und was für ein Projekt planen Sie als nächstes?

Das ist natürlich auch top secret. Nur soviel: Ich reise gerade um die ganze Welt. Die Arbeit wird hoffentlich in zwei Jahren abgeschlossen sein.

"Taryn Simon: An American Index of the Hidden and Unfamiliar"

Vorwort von Salman Rushdie, Essays von Elisabeth Sussman, Christina Kukielski und Ronal Dworkin, 150 Seiten, 70 Farbabbildungen, Steidl & Partners
http://www.steidlville.com

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