Young Art Moskau - Biennale für junge Kunst

Eine Lokomotive der radikalen Ideen

Die erste Moskauer Biennale für junge Kunst zeigt sich aggressiv, ironisch und politisch – und muss so einen gefährlichen Spagat zwischen Loyalität und kritischer Distanz bewältigen.
"Eine Lokomotive der radikalen Ideen":Erste Moskauer Biennale für Junge Kunst

"Minister kommen und gehen, die Kunst bleibt!" – Projekt "Gop-Art": Ausstellung über die Subkultur der postsowjetischen Straßengangs

Installationen über den weißrussischen Diktator Lukaschenko, Zitate aus Schulaufsätzen zur Geiselnahme in Beslan, Phantombilder von einem "idealen Präsidenten" zum Selbermachen: Putin landet dabei irgendwo zwischen Madonna und Arnold Schwarzenegger – wer die erste Ausstellung der Moskauer Biennale der jungen Kunst betritt, könnte meinen, er sei auf einem Kongress der Opposition gelandet, in einer bissigen Sammlung satirischer Anspielungen auf die heutige russische Politik.

10801
Strecken Teaser

"Ja, das war unsere Absicht! Wir wollten mit einem kunstpolitischen Projekt anfangen", bestätigt Darja Pyrkina vom staatlichen Zentrum der Modernen Kunst, die diese, und auch viele weitere Ausstellungen der Biennale betreut. Pyrkina promovierte zum Thema "Kunst und Politik" und glaubt, dass ehrliche Künstler immer einen Weg finden, ihre kritischen Gedanken zur Sprache zu bringen.

Wenn dem so ist, dann ist Michail Mindlin, der Direktor des staatlichen Zentrums, an dem Pyrkina arbeitet, ebenfalls ein ehrlicher Künstler. Als er während der Pressekonferenz der Specherin der Tretjakow-Galerie das Wort übergibt, schiebt er noch einen langen Nebensatz nach: es sei "sehr, sehr schade", dass die staatliche Galerie Andrej Jerofejew, ihren führenden Experten für Moderne Kunst, entlassen habe. Denn Jerowejew habe einen "wirklich riesigen Beitrag" für die Entwicklung der Modernen Kunst in Russland geleistet, betont Mindlin – und erntet schüchternen Applaus aus hinteren Reihen.

"Natürlich sind junge Künstler oft aggressiver und ironischer"

Aber mit der Kritik möchten es die Veranstalter der ersten Biennale für junge Kunst in Moskau trotzdem nicht übertreiben. Denn schließlich hat der Staat die Biennale erst ermöglicht – gesponsert haben diese Großveranstaltung das föderale Kulturministerium und die Kulturbehörde der Stadt Moskau. Und so werden in den nächsten vier Wochen auf mehr als 50 Orten in und außerhalb der russischen Hauptstadt die Veranstaltungen der Biennale ausgetragen, mehr als 400 Künstler aus 23 Ländern sind vertreten.

"Das ist das wichtigste Ereignis des Jahres für moderne Kunst in Russland", freut sich Mindlin. Sein staatliches "Zentrum für Moderne Kunst" ist einer der Mitorganisatoren der Biennale, neben der Moskauer Kulturstiftung "Stella Art" und dem "Zentrum der Modernen Kunst" von Zurab Zereteli. "Diese Biennale soll eine Lokomotive der radikalen Ideen werden, ihre Quelle", sagt Mindlin. "Natürlich sind junge Künstler oft aggressiver und ironischer, aber genau das ist die Grundlage für die neue Kunst". Zum ersten Mal haben sich alle führende Organisationen zusammengeschlossen, die sich für die moderne Kunst in Russland einsetzen, sagt Mindlin.

Genau rechtzeitig, meint Leonid Baschanow, stellvertretender Leiter des Organisationskomitees. "Junge Künstler in Russland sind praktisch aufgeschmissen, sie bekommen keine anständige Ausbildung, werden kaum gefördert oder bemühen sich um Staatsaufträge, von denen es immer weniger gibt", sagt er. Wer kann, geht in den Westen zur Ausbildung – und bleibt gleich da. Der Kunstmarkt boomt, die Ausbildung und Förderung kommen kaum nach.

"Minister kommen und gehen, die Kunst bleibt!"

Dazu kommt auch, dass die großen staatlichen Museen moderne Kunst entweder vernachlässigen oder ganz ignorieren, kritisiert Baschanow. So fürchten sich viele begabte junge Menschen vor eigenen künstlerischen Initiativen, flüchten in Kitsch, wollen mit ihrer Kunst nicht die Obrigkeit provozieren und haben vielleicht sogar Angst vor Repressionen. Die Entlassung des führenden Kunstexperten aus der Tretjakow-Galerie könnte diese Angst noch weiter bestätigen. Deswegen ist diese erste junge Biennale auch so wichtig – und als eine große Chance für die neue Generation der Künstler zu verstehen, sagt Baschanow.

Und so befinden sich auch die Veranstalter in einem ständigen Spagat zwischen Loyalität zum Staat und kritischer Distanz. Sie bedanken sich mindestens fünfmal während der Pressekonferenz für die staatliche Finanzierung, bemerken aber an einer Stelle, dass diese "zwanzigmal geringer sei", als für die große Moskauer Biennale. Und als jemand die Pressekonferenz vorzeitig abbrechen möchte, mit der Begründung, der stellvertretende Kulturminister sein eingetroffen und würde jetzt gerne mit einem Grußwort die erste Ausstellung eröffnen, kontert der Moderator mit dem schlichten Satz: "Minister kommen und gehen, die Kunst bleibt!"

1. Moskauer Internationale Biennale Für Junge Kunst

Termin: bis 30. Juli, Moskau, Russland. Die wichtigsten Austragungsorte: Staatliches Zentrum für Moderne Kunst, Zoologitscheskaja Uliza 13, Metro: Krasnopresnenskaja, Barrikadnaja; Moskauer Museum der modernen Kunst, Uliza Petrowka 25, Metro: Puschkinskaja, Twerskaja. Staatliche Tretjakow-Galerie, Uliza Krimskij Wal 10, Metro: Park Kultury; Zentrum der modernen Kunst M’Ars, Puschkarew Pereulok 5, Metro: Sucharewskaja, Trubnaja; Stella Art Foundation, Skarjatinskij Pereulok, 7; Zentrum der modernen Kunst Winzawod, 4. Siromjatnitscheskij Pereulow 1 str. 6, Metro: Kurskaja.
http://www.youngart.ru/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de