Shahzia Sikander - DAAD-Galerie Berlin

Individuen in der Anonymität

Ihre vorbehaltslose Neugier an kulturellen Identitäten treibt Shahzia Sikander an. Heute eröffnet in der Berliner DAAD-Galerie die Ausstellung "Interstitial: 24 Faces and the 25th Frame" der pakistanischen Wahl-New Yorkerin. Im Interview berichtet die Kosmopolitin über ihre intensiven Erfahrungen mit jungen Mönchen in Laos und nimmt Stellung zum aktuellen Kunstgeschehen.
Individuen in der Anonymität:Shahzia Sikander über Mönche in Laos

Shahzia Sikander: "Interstitial", 2008; Videostill

Frau Sikander, worum geht es in Ihren neuen Arbeiten?

Shahzia Sikander: Das Hauptwerk besteht aus zwei Videofilmen, die ich in Laos gedreht habe. Ich bin dafür in den letzten zwei Jahren mehrmals nach Luang Prabang gereist. Ein Kurator hatte mich für das Projekt "Quiet in the Land" eingeladen. Die Arbeit vor Ort war maßgeblich von lokalen Stimmungen und Gegebenheiten geprägt und unglaublich gewinnbringend für die eigene Kreativität, die sowohl von den Menschen, die einen umgeben, aber auch vom Ort selbst abhängt.

10517
Strecken Teaser

Luang Prabang ist eine sehr religiöse Stadt. Sie haben dort einen Einblick in die Praxis der Mönche und Novizen bekommen. Wie hat Sie diese Erfahrung beeinflusst?

Die Mönche wurden schon in sehr jungem Alter vor die Entscheidung gestellt, im Kloster zu dienen oder weiter in ihren Dörfern bei ihren Familien zu bleiben. Es ist kaum vorstellbar, zu einem so frühen Zeitpunkt ermessen zu können, welcher Weg der richtige ist. Mich haben die Erfahrungen der Jungen gefesselt. Deshalb wollte ich das Leben der Mönche dokumentieren und das, was in den jungen Individuen vorgeht. Ich habe durch dieses Projekt viel über menschliche Verhaltensweisen gelernt. Die Mönche werden immerfort mit der unsensiblen und aufdringlichen Schaulust der Touristen konfrontiert. Wir alle leben mit Tourismus, doch die Frage ist, wie sie diese schwierige Situation bewältigen und dann wiederum mit Menschen umgehen, die ernsthaft an der Ausübung des Buddhismus interessiert sind. Von den meisten wird ihr Dienst als Attraktion angesehen. Die herabwürdigende Sensationsgier der Touristen wird jedoch auch von der Regierung nicht gebremst oder verhindert. Reiseunternehmer werden nicht daran gehindert, mit "Attraktionen" wie den Morgengebeten der Mönche zu werben. Es werden sogar so genannte "Klostersafaris" angeboten.

Und was hat Sie an dem Thema gereizt?

Mich hat die Individualität der einzelnen Jungen interessiert und wie ihre Religiosität zum Gegenstand des Interesses der modernen Welt wird. Die Diskrepanz zwischen ihrer einheitlichen Wirkung durch ihre Uniformierung und Anonymität und der Einzigartigkeit jedes individuellen Charakters ist groß. Dies wollte ich mit meinen Videoarbeiten zum Ausdruck bringen.

Sie haben sich schon in der Vergangenheit mit der Auflösung der Grenzen zwischen Tradition und Moderne beschäftigt. War dieser Aspekt auch bei dieser Arbeit wichtig?

Nein, diesmal war es nicht mein Ziel zu evaluieren, was traditionell und was modern sein mag. Der kleine Ort Luang Prabang am Mekong ist dafür zu außergewöhnlich und hat eine sehr spezifische Klosterkultur, so dass man dort Begriffe wie Tradition und Avantgarde oder Modernität nicht anwenden kann. Ich wollte einen drastischen Eindruck von den Funktionen eines Klosters vermitteln.

Spielt Ihre eigene Biografie eine Rolle in diesem Werk?

Vielleicht spielt für die Porträtkunst immer auch die Identifikation eine große Rolle. Die Porträts stellen übertrieben dar, welchen Eindruck die jungen Mönche von sich vermitteln. Je nachdem, was ich in den Personen gesehen habe und ob sie mir mit Zu- oder Abneigung begegneten – was auch immer zu ihrer Ausstrahlung beitrug, zum Beispiel die starke Kinnpartie eines Mönches, ist von mir überzeichnend dokumentiert worden. Bei manchen habe ich die Unschuld, bei anderen die Reife betont. Man kann vielleicht Parallelen zu meiner Vergangenheit ziehen, da ich mich wieder sehr detailliert mit Individuen beschäftigt und den Sinn für das Detail und Konturen nicht verloren habe.

Finden Sie, dass es heute zu wenig politische oder politisch motivierte Kunst gibt?

Zur Zeit gibt es viele Künstler, die die Kunstszene sehr vielseitig machen. Kunst an sich ist sehr politisch geworden, weil es keinen zentralen wichtigsten Ort des Geschehens mehr gibt. Die Kunst spiegelt die globalen Veränderungen und Machtstrukturen wider. Es gab vielleicht keine nachdrücklichen Veränderungen, aber es verändert sich immer mehr, zum Beispiel in Ostasien, Vietnam oder China. Ich glaube nicht, dass es eine große Rolle spielt, ob ein Werk an sich besonders politisch ist oder nicht. Aber betrachtet man die derzeitige Finanzkrise, so bin ich mir sicher, dass sie bald die ganze Welt betreffen und auch unmittelbar Einfluss auf den Kunstmarkt nehmen wird.

Was halten Sie von Künstlern wie Jeff Koons und Damien Hirst, die den Kapitalismus zum Thema machen?

Ich glaube, man kann die Berücksichtigung kapitalistischer Maßstäbe nicht auf bestimmte Künstler beschränken, denn jeder Kunstschaffende ist auf Käufer und Interessenten angewiesen. Da sitzen alle in einem Boot.

Im Jahr 2005 waren Sie Biennale-Teilnehmerin – danach haben Sie an immer mehr Ausstellungen teilgenommen. Hat Sie die zunehmende Popularität in Ihrer künstlerischen Produktion beeinflusst?

Wenn ich zurückblicke auf die Topografie meines Werks, ist vieles nur in den USA präsentiert worden. Ich habe lange Zeit nie außerhalb Amerikas ausgestellt. Aber in den letzten vier Jahren war ich engagierter und habe angefangen, Orte jenseits der USA zu erkunden und nach Möglichkeiten und Anlässen zu suchen, wie ich meine Zeit im Ausland verbringen kann. Durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) kann ich nun für mehrere Monate in Deutschland bleiben. Für mich wurde es zu einem wichtigen künstlerischen Kriterium, die Welt nicht nur aufgrund meiner Ausstellungen zu bereisen, sondern am lokalen Leben teilzunehmen und eine objektive Distanz zu entwickeln. Ich hoffe auch in nächster Zeit häufiger in Europa zu sein. Ich habe hier schon viele unterschiedliche osteuropäische Künstler kennen gelernt, die ich in den USA womöglich nie getroffen hätte. Das hat übrigens auch etwas Politisches. Als Künstler muss man alles um sich herum aufsaugen und darf sich den vielen kulturellen Einflüssen nicht entziehen. Auch wenn man nicht unmittelbar weiß, ob das, was man tut, direkt politischen Einfluss haben kann. Es ist wirklich spannend zu erkennen, was in den letzten zehn Jahren in der Kunst passiert ist. Eine große Frage ist zum Beispiel auch, was mit den Museen und Institutionen geschehen wird: Werden sie weiterhin Kunst aus fernen Ländern als publikumswirksam betrachten oder werden sie sich für einen anderen Diskurs entscheiden?

Was versprechen Sie sich von der Ausstellung in Berlin?

Ich freue mich, dass mehr Menschen meine Kunst sehen, die vorher keine Notiz von mir genommen haben. Und vielleicht eröffnen sich auf diese Weise noch mehr Möglichkeiten für Kooperationen mit anderen Künstlern und weitere Ausstellungen. Wie die meisten Künstler schätze ich Berlin sehr und hoffe, bald wiederkommen und auch hier Kunst produzieren zu können. Ich könnte mir sogar vorstellen, länger hier zu leben. Ich war vorher noch nie in Europa. Aber diese Kulturschocks bin ich gewohnt. Die kann man auch in den USA bekommen, wenn man zum Beispiel wie ich von New York für eine Weile nach Texas zieht. (lacht)

Shahzia Sikander: "Interstitial – 24 Faces and the 25th Frame"

Termin: bis 6. Dezember, DAAD-Galerie, Zimmerstr. 90/91, Berlin.
http://www.berliner-kuenstlerprogramm.de/

Mehr zum Thema im Internet